
Wer gibt, dem wird genommen. Nach diesem Prinzip könnte eine Reform unseres Rentensystems laufen, wollte man Kinderlosen die Rente kürzen. Sie zahlen als Berufstätige in die Kasse dasselbe (oder mehr) ein wie Menschen mit Kindern, bekommen aber weniger heraus. Entscheidend ist nicht mehr der persönliche Beitrag für das Umlagesystem, sondern der vermeintliche Makel, nicht für die nächste Generation von Beitragszahlern gesorgt zu haben. Damit vergälte der Staat die persönliche Lebensführung, benachteiligte ganze Gruppen und vor allem diejenigen, die bei der Rente ohnehin schlechter dastehen: die Frauen.
Familienväter verdienen eher mehr als kinderlose Männer
Bei Vergleichen zwischen Kinderhabenden und Kinderlosen werden nämlich regelmäßig nur die Frauen herangezogen, nicht die Männer. Mütter der Jahrgänge 1952 bis 1959 erhielten, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Ende 2025 vorgestellten Studie, in Deutschland im Schnitt eine um 18 Prozent niedrigere Rente als kinderlose Frauen. Das ist der „Motherhood Pension Gap“. Das für unfair und gesellschaftspolitisch destruktiv zu halten, liegt nahe. Den „Gap“ durch die sogenannte Mütterrente auszugleichen, war gleichwohl politisch umkämpft. Durchgesetzt hat die Anrechnung von Erziehungszeiten mit jeweils zweieinhalb oder drei „Rentenpunkten“ pro Kind die Union, gegen heftige Widerstände von links, der FDP und aus der Wirtschaft.
Zu der vom DIW vorgelegten Rechnung – bei der es um „fiktive“ Rentenanwartschaften auf der Grundlage eines Rentenalters von 60 Jahren geht – gehört aber auch, dass es den „Motherhood Pension Gap“ in Ostdeutschland nicht gibt. Im Gegenteil, dort haben Mütter gegenüber kinderlosen Frauen einen Rentenvorsprung von 20 Prozent, in Westdeutschland hingegen ist es ein Minus von 27 Prozent. Zu den Renten von Vätern und kinderlosen Männern sagt das DIW bei dieser Gelegenheit nichts. Bei ihnen findet die Forschung bislang nämlich keinen „Gap“. Der vorsichtig formulierte Befund von Experten lautet, dass Familienväter im Schnitt eher mehr verdienen als Männer ohne Kinder und entsprechend auch mehr Rente einstreichen.
Und über allem liegt der „Gender Pension Gap“, also der generelle Rentenunterschied zwischen Frauen und Männern, den das DIW bei den Jahrgängen 1952 bis 1959 auf 32 Prozent taxiert. Im Osten fällt er mit einem Minus von zehn Prozent für die Frauen wiederum deutlich geringer aus als im Westen mit minus 38 Prozent. Weniger Rente für Kinderlose hieße also: Weniger Rente für Männer ohne Kinder, die im Pensionistenalter im Schnitt schlechter dastehen als Väter, und noch weniger Rente für Frauen; für Frauen, die beim Rentenanspruch ohnehin weit hinter den Männern liegen, keine Kinder bekommen können oder wollen, dafür aber eventuell mit der neudeutsch „Care-Arbeit“ genannten Pflege der Elterngeneration beschäftigt sind oder die Betreuung von „Bonus-Kindern“, also Stiefkindern, unterstützten.
So ist der „Generationenvertrag“ nicht zu retten
Das ist der Befund, den man sich beim Ruf nach „Gerechtigkeit“ und bei Reformideen wie der einer von allen mitfinanzierten „Kinderrente“ oder Kinderfreibeträgen bei der Rentenberechnung vor Augen halten sollte. Ein Ausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen, wie es ihn bei den Beiträgen zur Pflegeversicherung schon gibt, würde bei der Rente die Geschlechterungerechtigkeit verschärfen. Den „Generationenvertrag“ rettet man auf diese Weise nicht. Dieser knüpft an eine Vorstellung von der Familie als Humankapitalschmiede an, die nur funktioniert, wenn es heißt: Habt Kinder und noch mehr Kinder – von denen man freilich gar nicht weiß, ob sie später die Rente der Älteren finanzieren oder dem Staat als Bürgergeldempfänger auf der Tasche liegen.
Dabei werden Frauen in die voremanzipatorische Hausmutterrolle zurückgedrängt, es sei denn man legt es gesellschaftspolitisch so an, wie die DDR es aus bekannten ideologischen Gründen tat, und nimmt die Kleinsten bald nach der Geburt in staatliche Obhut. Wer die Rente wirklich reformieren und dafür sorgen will, dass die Generationen U 40 nicht unter der Beitragslast zusammenbrechen, sollte sich etwas anderes einfallen lassen, als kinderlose Frauen zu schröpfen. Es würde damit beginnen, Frauen beim Lohn so zu behandeln wie Männer, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht als lästige Frauen-und-Gedöns-Angelegenheit zu betrachten (eine Kopfsache für Männer!), sondern endlich zu schaffen und sich beim Wahlkampfschlager Rentenerhöhung zurückzuhalten. Könnte sein, dass es dann auch wieder mehr Kinder gibt.
