
Als die von der Regierung eingesetzte Rentenkommission im Juni ihre 33 Vorschläge vorlegte, signalisierten sowohl Union als auch SPD, dass sie diese als „Gesamtkunstwerk“ – so Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) – umsetzen wollten. Doch die näher rückenden Landtagswahlen in Ostdeutschland und die hohen Umfragewerte für die AfD lassen den Rückhalt für die Reform bröckeln. Nachdem drei ostdeutsche Ministerpräsidenten der CDU gefordert haben, die sogenannte Rente mit 63 zu erhalten, stimmen auch führende SPD-Politiker ein.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) betonte am Montag, dass keineswegs vor allem Gutverdiener und Männer von der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren profitierten, sondern auch viele Frauen. „Mein Eindruck ist, dass sich die Rentenkommission nicht konkret auch mit der besonderen ostdeutschen Biographie beschäftigt hat“, sagte Schwesig im ZDF. Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sagte der Funke-Mediengruppe, dass eine Abschaffung dem „Respekt vor der Lebensleistung von Menschen widerspricht“.
28,3 Prozent aller Neurentner nutzen sie
Im vergangenen Jahr haben im Schnitt 28,3 Prozent aller Neurentner die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bezogen, geht aus den Zahlen der Deutschen Rentenversicherung hervor. Von den männlichen Neurentnern in Westdeutschland nutzten 32,5 Prozent diese Möglichkeit, in Ostdeutschland waren es 36 Prozent. Von den westdeutschen Frauen gingen 24,8 Prozent vorzeitig und abschlagsfrei in Rente, von den ostdeutschen Frauen 29,9 Prozent. So wie das reguläre Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre steigt, wird auch das Eintrittsalter für die vorzeitige abschlagsfreie Rente schrittweise angehoben. Was als „Rente mit 63“ begann, ist derzeit eine Rente mit 64,5 Jahren.
„Nur ein verschwindend geringer Teil derer, die die abschlagsfreie Rente in Anspruch nehmen können, verzichtet darauf“, sagt Johannes Geyer, Rentenfachmann am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Die Regel ist: Wer früher in Rente gehen kann, nutzt diese Möglichkeit auch.“ Dass sich in Ostdeutschland mehr Menschen für den abschlagsfreien früheren Renteneintritt qualifizieren, führt Geyer unter anderem auf die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen zurück. Hinzu komme: „Im öffentlichen Dienst werden in Ostdeutschland viele Jobs, die in Westdeutschland Beamte innehaben, von Angestellten erledigt.“
„Höhere Renten zulasten der Versichertengemeinschaft“
Die Rentenkommission hatte darüber diskutiert, ob „aus Aspekten der Anerkennung von Lebensleistung“ weiterhin ein abschlagsfreier früherer Renteneintritt möglich sein sollte, dies dann aber verworfen. Sie begründete dies damit, dass vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer davon profitierten, Menschen mit niedrigeren Einkommen, weniger stabilen Erwerbsverläufen sowie Frauen dagegen nur selten. „Die Abschlagsfreiheit führt faktisch zu höheren Renten zulasten der Versichertengemeinschaft“, heißt es im Kommissionsbericht.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Pascal Reddig, der Mitglied der Kommission war, beziffert die Kosten der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren auf 13 Milliarden Euro im Jahr. Er forderte am Montag, das Konzept der Rentenkommission in allen Punkten umzusetzen, weil „die großen Reformen, beispielsweise bei Einführung einer Kapitalrente, nur dann möglich sind, wenn wir in anderen Bereichen Spielräume schaffen“.
Durchschnittlich bezogen Rentner in Westdeutschland 2025 eine Bruttorente von 1936 Euro im Monat, in Ostdeutschland waren es 1835 Euro. Männer in Westdeutschland bekamen dabei deutlich mehr als ihre Geschlechtsgenossen im Osten (2170 versus 1865 Euro). Bei den Frauen verhält es sich umgekehrt, in Ostdeutschland liegen ihre Durchschnittsrenten höher als im Westen (1802 versus 1642 Euro).
Die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte beträgt im Osten im Schnitt 1597 Euro, im Westen 1727 Euro, schreibt das Bundesarbeitsministerium. Ministerin Bärbel Bas zeigte sich bereits in den vergangenen Tagen offen dafür, die abschlagsfreie vorzeitige Rente beizubehalten – schließlich war es 2014 die SPD, die ihre Einführung vorantrieb. Wann Bas den Gesetzentwurf für die Reform der gesetzlichen Rente vorlegen will, ließ ihre Sprecherin am Montag offen.
Finanziell attraktiv
DIW-Experte Geyer wundert es nicht, warum so viele Berechtigte die abschlagsfreie Rente auch in Anspruch nehmen. „Es macht finanziell total Sinn, die Rente mit 63 zu nutzen“, sagt er. „Der finanzielle Vorteil, früher Rente zu beziehen, ist viel größer als der, länger Rentenpunkte zu sammeln. Zumal viele Neurentner ohnehin weiterarbeiten, seit die Hinzuverdienstgrenzen gefallen sind.“
Geyer spielt damit auf eine von der Ampelkoalition initiierte Reform an. Am 1. Januar 2023 entfielen die während der Corona-Pandemie gelockerten Hinzuverdienstgrenzen für vorgezogene Altersrenten vollständig. Rentner dürfen seitdem unbegrenzt zu ihrer Rente dazuzuverdienen, ohne dass diese gekürzt wird. Zugleich können sie im Rahmen einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit weiter Rentenpunkte sammeln, was sich positiv auf die Rentenhöhe auswirkt.
Der Präsident des DIW, Marcel Fratzscher, hält die geplante Abschaffung der Rente mit 63 für unverzichtbar. „Ohne dieses Element ist die Rentenreform tot“, sagte er der „Rheinischen Post“. Die aktuelle Regelung stelle eine „Umverteilung von Jung zu Alt und auch von Arm zu Reich“ dar. An den Wahlkampfständen im Osten dürfte diese Botschaft allerdings nicht gut ankommen.
