Der alte Kong steht auch mit Ende sechzig noch im Weizen, zehn Stunden jeden Tag, und er sagt, er werde auf dem Acker bleiben, bis er umfällt. Ihm bleibt auch kaum eine Wahl. Kongs Rente liegt bei umgerechnet 22 Euro im Monat, so wie die von 180 Millionen chinesischen Bauern.
Der Weizen ist noch grün im Frühsommer, die Mittagssonne brennt. Kong geht durch die Reihen. Er trägt ein ausgeblichenes Hemd über dem hageren Körper. Mit einer Hacke aus Bambus reißt er Unkraut aus, das zwischen den Ähren wächst. So wie sie es hier seit jeher tun in Henan, der Kornkammer Nordchinas.
Zu Maos Zeiten, sagt Kong, als er ein junger Mann war, da haben sie hier gehungert. Dagegen leben sie heute wesentlich besser. „Heute müssen wir uns keine Sorgen mehr um Hunger machen“, sagt er. „Aber in den letzten zwanzig Jahren haben sich die Lebensbedingungen auch nicht mehr wesentlich verändert.“
In den Feldern herrscht Stille, dann und wann unterbrochen durch das Plappern der alten Frauen, die durch die Reihen ziehen und Ungeziefer vom Getreide sammeln. Dass er nur gut zwanzig Euro Rente im Monat beziehe, während chinesische Beamte im Schnitt umgerechnet rund 875 Euro bekommen, findet Kong nicht gerecht. „Die Renten der Landwirte hätten schon längst angehoben werden müssen“, sagt Kong. „Aber wir Bauern haben keine Macht und nicht das letzte Wort. Das haben die Beamten. Was können die Landwirte dagegen tun?“
Der Systemkonflikt mit dem Westen hat Vorrang
In China bekommen Landwirte knapp 25 Euro Rente, während Angestellte gut vierhundert Euro beziehen und es knapp neunhundert für pensionierte Beamte gibt. Das findet nicht nur Kong unfair. Es zementiert auch die Ungleichheit in einem Land, in dem die in den strategisch wichtigen Industrien beschäftigte Bevölkerung zunehmend besser dasteht im Vergleich zum großen Rest Chinas. Für Staats- und Parteichef Xi Jinping hat der Systemkonflikt mit den USA Vorrang vor Strukturreformen im eigenen Land. Einen größeren Sozialstaat lehnt der Machtapparat ab. Es wäre auch kaum bezahlbar für die hoch verschuldeten Provinzen. Xi selbst hat davor gewarnt, eine Generation von „Faulenzern“ heranzuziehen.
Während viele Rentner in den Städten spazieren gehen und tanzen können, muss die Landbevölkerung arbeiten, „bis wir nicht mehr können“, sagen sie hier im Landkreis Hua. Wie viel Rente hielte Herr Kong für angemessen? „Unter der Annahme, dass keine Krankheit oder unvorhergesehene Ereignisse eintreten, sind mindestens tausend Yuan pro Monat erforderlich, um einen grundlegenden Lebensstandard aufrechtzuerhalten“, antwortet der Bauer. Viel will er gar nicht: 950 Yuan brauche er zum Leben, sagt Kong. Das sind etwa 120 Euro. Eine Antwort, wie sie an diesem Tag so oder so ähnlich häufig kommt.

Hinter den Weizenfeldern auf der anderen Seite der Schnellstraße raucht der teichgroße Schlot eines Kohlekraftwerks. Alles ist hier elektrifiziert. Mit dem Strom starten die Bauern ihre Pumpen. Dazu schieben sie am Feldrand an einem Mast die Sicherung hoch, dann zieht die Pumpe das Wasser aus dem Brunnen. Sie leiten es in Plastikschläuchen über die Felder, wo die Bauern kleine Dämme aus hellem Matsch für das Wasser geformt haben.
Bei den Pumpen am Feldrand stehen Männer, die nicht nur über siebzig sind, sondern augenscheinlich eher schon auf die neunzig zugehen. Zwischen weiß gekalkten Pappeln am Asphaltweg hängt ein lilafarbenes Werbeschild an einem Strommast, darauf die Telefonnummer einer Klinik. „Spezialisiert auf die Behandlung von Bettnässerei.“ Die Alterung der chinesischen Gesellschaft ist nirgendwo so deutlich zu sehen wie auf dem Land.
Achtzig Prozent der Alten müssen weiter arbeiten
Achtzig Prozent der älteren Landbevölkerung im Pensionsalter muss in China weiterhin arbeiten, schreibt der Historiker und frühere Politikberater Wang Mingyuan in einem in den sozialen Medien veröffentlichten Aufsatz. Das entspricht rund neunzig Millionen chinesischen Senioren auf dem Land. Seit Gründung der Volksrepublik hätten auch die Landwirte zur Entwicklung Chinas beigetragen und hohe Opfer erbracht, indem sie ihre Erzeugnisse zu zwangsweise niedrigen Kollektivpreisen abgeben mussten. Auch sie „haben eine richtige Rente verdient“, so Wang. Dass diese aber kaum fließt, hängt auch mit den weiterhin tiefen Gräben zwischen Stadt und Land in China zusammen. Das geht auf die Planwirtschaft zurück, in der die Industrialisierung Priorität vor der ländlichen Entwicklung hatte.
Die Welt der rund fünfhundert Millionen Chinesen auf dem Land außerhalb der glitzernden Metropolen schauen sich Ausländer selten an. Auch die chinesische Regierung scheint nicht unbedingt erpicht auf dieses Bild. „Warum begleitet dich eigentlich kein Beamter?“, fragt ein Mann mit grau melierten Haaren am Straßenrand, der auf seinem Elektrodreirad sitzt. Dann erzählt er, warum er diese Frage stellt: „Wenn Menschen auf den Handys online negative Meinungen posten, wird es wieder gelöscht.“ Damit meint er die in Echtzeit greifenden Zensurmaßnahmen auf den chinesischen sozialen Medien.
Auf dem Volkskongress im März hat die Regierung zwar auch dieses Jahr wieder eine Rentenerhöhung verkündet. Chinas Bauern erhalten zwanzig Yuan mehr im Monat: Umgerechnet sind das aber nicht mehr als zwei Euro fünfzig. Rund 180 Millionen Chinesen beziehen diese ländliche Rente, die meisten von ihnen sind Bauern. Pekings Prioritäten liegen erkennbar anderswo: beim Militär oder der Hightech-Industrie, in der strategischen Fertigung und im Export. Und bei den Pensionen für Beamte.
Doch dieses Jahr zum Volkskongress gab es auch in China eine kleine Rentendiskussion. In einer Nebenveranstaltung sagte die Abgeordnete Bi Lixia, gleichzeitig Vorsitzende einer Reisanbaugenossenschaft der Provinz Hubei: „Die ältere Generation der Bauern hat ihr ganzes Leben der ländlichen Reform und Entwicklung des Landes gewidmet.“ Mit erstickter Stimme fügte sie hinzu: „Jetzt, da sie alt sind und keine schwere körperliche Arbeit mehr verrichten können, erhalten sie nur etwas mehr als hundert Yuan (15 Euro) monatlich an Rente, was ihr Leben extrem erschwert.“ Das Video mit ihrer Rede wurde viele Millionen Mal angeklickt.
„Das Versprechen wurde nicht eingehalten“
Dass sich chinesische Abgeordnete im sechshundert Kilometer entfernten Peking gerade offen für eine deutliche Erhöhung der Bauernrenten ausgesprochen haben, kommentiert der Landwirt Kong: „Das sind alles nur Parolen. Politische Maßnahmen klingen auf dem Papier gut, aber sobald sie an der Basis umgesetzt werden sollen, verändern sie sich.“
Da erzählt Kongs Frau, die neben ihm auf dem Boden im Weizen sitzt, von ihrer Erfahrung mit den Behörden: wie die beiden ihr Land verloren haben und dann zurückpachten mussten. Die sechseinhalbtausend Quadratmeter Ackerboden, die sie bewirtschaften, seien vor zehn Jahren von der Produktionsbrigade für den Bau einer Düngemittelfabrik und der Entwicklung des neuen Bezirks im Landkreis Hua kollektiv enteignet worden. Frau Kong sagt, die Entschädigung betrug damals 11.000 Yuan (etwa 1400 Euro). „Die zuständige Brigade nahm das Land zurück“, sagt die Bäuerin. „Ob man zustimmte oder nicht.“
Die neue Bezirksverwaltung habe ihnen dann eine monatliche Subvention von 200 Yuan (etwa 25 Euro) pro Person ab dem Rentenalter versprochen. Diese Zahlung aber sei nur zwei bis drei Jahre lang geleistet worden, sagt Frau Kong. Danach kam kein Geld mehr. Es habe auch keinen schriftlichen Vertrag gegeben. „Das Versprechen wurde nicht eingehalten.“ Sodann habe die Regierung das Ackerland für umgerechnet 1700 Euro an die beiden Bauern zurückverpachtet. Nun also arbeiten die alten Kongs auf ihrem enteigneten und zurückverpachteten Acker weiter.
Der Markt für Gelegenheitsarbeiter wird schlechter
Kong sagt, sie haben sich für Weizen entschieden, weil das Unwetterrisiko bei diesem Getreide geringer sei. Er schätzt, dass ihnen nach Abzug von Kosten für Saatgut, Dünger, Pestizide und maschinelle Ernte ein Nettogewinn von sechshundert Euro für sein Feld bleibe – pro Jahr. Der Anbau von Wassermelonen wäre zwar einträglicher, sagt Kong, aber das Risiko sei höher. „Im Falle von Unwetter kann es zu Verlusten kommen.“
Kong lebt mit sieben Familienmitgliedern in einer alten Kate in der Nähe: er, seine Frau, seine Ende achtzig Jahre alte Mutter, sein ältester Sohn mit Schwiegertochter sowie ein Enkel und eine Enkelin. Seine beiden Söhne sind um die vierzig. Der ältere arbeite in dem Düngemittelwerk. Der jüngere sei arbeitslos und wohne in der nächsten Kreisstadt.
Dieser habe früher Gelegenheitsarbeiten auf nahe gelegenen Baustellen verrichtet und damit umgerechnet zwischen zwölf und 25 Euro am Tag verdient. Kong sagt, seit 2023 habe sich der Markt für Gelegenheitsarbeiter verschlechtert. Deshalb habe sein Sohn jetzt keine Arbeit mehr. Das war nach dem Platzen der chinesischen Immobilienblase, deren Auswirkungen immer noch überall zu spüren sind.
Die Alten verharren, die Jungen kehren zurück
Es ist eine Geschichte, wie sie wohl millionenfach passiert in der Volksrepublik. Nicht nur die Alten verharren in Arbeit auf den Feldern, auch für zahlreiche der Jüngeren sind die Aufstiegsmöglichkeiten geschrumpft. Für sie sind die Hightech-Fabriken und die sogenannten „erst- und zweitrangigen“ Städte weit weg. Von dort kehren wegen des Wirtschaftsabschwungs auch immer mehr Wanderarbeiter in ihre Heimatorte zurück.
Diese Welt hat die 37 Jahre alte Frau Liu gesehen, die die Straße hoch in einem mit Plastikplanen bezogenen Gewächshaus arbeitet. Bis vor Kurzem habe sie als Wanderarbeiterin in der Technologiestadt Suzhou gearbeitet. Nun ist sie zurück im Landkreis Hua und baut Wassermelonen an, eine halbe Stunde Fußmarsch vom Weizenfeld der Kongs entfernt. In Suzhou, sagt Frau Liu, habe sie am Ende auch nur noch fünfhundert Euro verdient, und das war eine Tagesreise von ihrer Heimat entfernt. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, als Wanderarbeiterin in die Städte zu gehen, um sich dort hochzuarbeiten. „Diese Arbeit lohnte sich nicht mehr“, erzählt sie, auch wegen der höheren Miete, die sie in Suzhou zahlen musste.
Also ging sie zurück nach Hause. Hier im Landkreis fand sie zunächst eine Stelle als Kindergärtnerin. Aber auch in Henan werden immer weniger Kinder geboren, China hat mittlerweile eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Liu sagt, in ihrer Kita habe sie in ihrer Gruppe zuletzt nur noch vier Kinder betreut. Deshalb verdiente sie dort auch nur noch tausend Yuan im Monat, 125 Euro. So baut sie jetzt also wieder Wassermelonen an, zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern.
Sechstausend Melonen ernten sie jedes Jahr, nach Ausgaben verdienen sie damit alle zusammen zweieinhalb bis viertausend Euro im Jahr. Das reiche für den Kredit für eine Wohnung hier in der Gegend. Liu sagt, sie werde hier wohnen bleiben. Sie hat Pläne. Neben den Melonen will sie demnächst Sellerie anbauen. Liu wirkt nicht unglücklich mit ihrem Mann und den Kindern hier auf dem Land. Wo sollte sie auch anders hin – „woanders gibt es auch keinen besseren Job.“
