Herr Obermann, das deutsch-französische Kampfflugzeug, die zentrale Säule des FCAS-Programms, ist Geschichte. Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Scheitern?
Die politische Logik hatte wohl Vorrang vor der industriellen. Leider wurden die industriellen Interessen der beteiligten Unternehmen nicht richtig in Einklang gebracht. Außerdem sah es am Ende so aus, dass die Staaten unterschiedliche Erwartungen an die operativen Fähigkeiten des Flugzeugs hatten. Die Lektion daraus haben alle Beteiligten schmerzlich gelernt.
Braucht es ein solches Kampfflugzeug der sechsten Generation überhaupt noch?
Ja, es ist viel mehr als ein Kampfflugzeug und damit unverzichtbar. Man muss sich das als Edge-Computing-Plattform vorstellen, die nah am Einsatzgebiet in Echtzeit bemannte und unbemannte Einheiten über Satelliten-, Boden- und fliegende Netzwerke koordiniert. Mit anderen Worten: Die Hauptaufgabe wird nicht mehr der reine Luftkampf sein, sondern die Koordination verschiedener Aufklärungs- und Wirkmittel sowie Fähigkeiten der elektronischen Kampfführung. Airbus verfügt über die notwendigen Kompetenzen, um hier eine führende Rolle zu spielen.
… allein oder in Zusammenarbeit?
Solche Vorhaben beruhen zwangsläufig auf der Kooperation zahlreicher europäischer Unternehmen – und zwar nicht nur deutscher, französischer oder spanischer. Die Schlüsselkompetenz liegt in der Systemintegration. Genau das ist eine der traditionellen Stärken von Airbus. Wir haben schon viele Male unsere Fähigkeit unter Beweis gestellt, Industriepartner für komplexe Projekte zusammenzubringen.
Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-französischen Zusammenarbeit nach dem FCAS-Fiasko?
Wollen Sie das wirklich so nennen? Ich nicht. Eine Reihe von Elementen von FCAS können weitergeführt werden. Wichtiger denn je ist, den Industrienationalismus im Verteidigungssektor zu überwinden. Das Prinzip des Geo-Returns, des „geografischen Rückflusses“, das den Ländern bei Gemeinschaftsvorhaben Industrieaufträge in Höhe ihres Finanzierungsanteils sichert, ist unzeitgemäß. Es stärkt nationale Interessen auf Kosten europäischer Interessen. Damit schießt sich Europa selbst ins Knie. Zudem lassen konkrete Entscheidungen, die eine Harmonisierung der Beschaffung, Standardisierung von Waffensystemen und Beschleunigung der wichtigsten Programme ermöglichten, weiter auf sich warten.
Ist es realistisch, dass dieser „Industrienationalismus“ überwunden werden kann?
Ich bin mir der Schwierigkeiten der europäischen Regierungen bewusst, so etwas zu realisieren. Doch wenn aus der derzeitigen Bedrohung ein realer Konflikt wird, wird es wahrscheinlich schon zu spät sein. Zwei Faktoren sollten uns beschleunigen: die wachsende Unsicherheit hinsichtlich des Engagements der USA für die Sicherheit Europas und die zunehmende Bedrohung durch Russland.
Lassen sich europäische Kooperationsprogramme wirklich beschleunigen?
Geld ist zumindest nicht mehr der größte Engpass: In diesem Jahr belaufen sich die europäischen Verteidigungsausgaben auf rund 450 Milliarden Euro. Die Herausforderung besteht darin, die Ressourcen viel effizienter einzusetzen. Dafür braucht es unter anderem eine klare Aufteilung der Zuständigkeiten. Jeder Staat muss wissen, welche Fähigkeiten er bis wann und mit welchen Einsatzzwecken aufbaut, und muss sich daran halten. Diese Koordination läuft bereits. Und es gibt weitere ermutigende Veränderungen.
Es werden zum Beispiel die Beschaffungsverfahren beschleunigt. Wir ziehen nach und nach Lehren aus dem Ukrainekonflikt. Aber mehr ist nötig: Wir müssen die schnelle Umsetzung der Suche nach der perfekten Lösung vorziehen, müssen noch enger mit ukrainischen Unternehmen zusammenarbeiten und uns an deren Entwicklungstempo und Innovationszyklen annähern. Die Spezifikationen bei der Auftragsvergabe müssen weniger komplex und stärker auf die operativen Ziele ausgerichtet sein. Und wie ich schon sagte: Bei Großprogrammen muss der „geografische Rückfluss“ einer Methodik weichen, bei der die besten und nicht die politisch wünschenswerten Unternehmen für die einzelnen Arbeitspakete beauftragt werden.

Deutschland hat Rüstungsgüter bislang zum Großteil in den USA beschafft. Inwieweit beobachten Sie eine Hinwendung zu europäischen Lösungen?
Europa muss die Bereiche erkennen, in denen es seine Souveränität in den kommenden Jahren stärken kann und aus existierenden Etats mehr Mittel für entsprechende Programme bereitstellen. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben. Wir müssen den unmittelbaren militärischen Erfordernissen gerecht werden. Wir können daher nicht ausschließlich bei europäischen Herstellern kaufen, wenn diese den kurzfristigen Bedarf nicht decken können. Gleichzeitig können wir aber einen deutlich größeren Teil unserer Budgets – statt der bisherigen ein bis drei Prozent – für innovative Entwicklungen bereitstellen und somit schrittweise unsere strategische Autonomie ausbauen. Das gilt insbesondere in den Bereichen Weltraum, elektronische Kampfführung, autonome Systeme, Luftüberlegenheit und Präzisionsangriffe in großer Entfernung. Dies setzt übrigens eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den großen Konzernen und den Start-ups voraus.
Welche Beispiele der Zusammenarbeit sollen das in Ihrem Fall sein?
Airbus arbeitet zum Beispiel mit Frankenburg in Estland an Lösungen zur Drohnenabwehr und mit Quantum Systems, Alta Ares oder Infodas eng zusammen. Skyfall ist ein weiteres Beispiel in der Ukraine. Es gibt bei uns viele konkrete Kooperationen mit jungen Techunternehmen. Diese sind unerlässlich, auch weil künftige Verteidigungssysteme einen wesentlich größeren Anteil an Künstlicher Intelligenz integrieren werden.
Was kann ein Großkonzern wie Airbus von Start-ups lernen?
Ein Start-up kann es sich zum Beispiel nicht leisten, ewig viele Meetings und zig Machbarkeitsstudien zu durchlaufen, bevor es in ein Industrieprogramm aufgenommen wird. Vom ersten Kontakt bis zu den ersten Einnahmen muss der gesamte Prozess seitens des Großunternehmens schnell und effizient strukturiert sein.
Könnte Airbus, das Ergebnis der europäischen und insbesondere der deutsch-französischen Zusammenarbeit, heute noch gegründet werden?
Die Rahmenbedingungen sind heute ganz anders. Die politischen Entscheidungsträger agieren in politisch stärker fragmentierten nationalen Umfeldern und der Widerstand gegen europäische Projekte seitens der Rechts- und Linkspopulisten wird größer, euroskeptische Stimmungen nehmen also zu. Die Gründung eines Konzerns wie Airbus wäre heute zweifellos schwieriger.
Beunruhigt Sie die wachsende Kluft zwischen den französischen und deutschen Verteidigungsausgaben?
Bis vor kurzem drehte sich die Debatte um die Gefahr eines militärisch schwachen Deutschlands, das bei der Abschreckung keine ausreichende Rolle spielen könnte. Jetzt höre ich immer öfter, insbesondere aus Frankreich, dass ein zu mächtiges Deutschland ein Problem darstelle. Diese Bedenken lassen sich nur ausräumen, wenn Deutschland weiterhin im Geiste der Zusammenarbeit mit Offenheit und Bescheidenheit handelt. Man darf niemals arrogant wirken, auch wenn man eine koordinierende oder führende Rolle übernimmt. Wir müssen weiter gemeinsame Projekte vorantreiben. Die Tatsache, dass Deutschland derzeit eine etwas günstigere Haushaltslage hat – die sich übrigens ändern kann –, bedeutet nicht, dass seine Entscheidungsträger arrogant sind, auch wenn nationalistische Kreise in Frankreich diesen Vorwurf schüren.
Wie sehen Sie Europas industrielle Zukunft?
Wir in Europa müssen uns wieder darauf besinnen, was wir jahrzehntelang vernachlässigt haben: nämlich dass Unternehmertum und Innovationen die Hauptmotoren der Wettbewerbsfähigkeit sind. Das Problem ist nicht ein Mangel an öffentlichen Investitionen oder gar Subventionen, sondern das Fehlen günstiger Rahmenbedingungen, die es innovativen Unternehmen erleichtern, globale Bedeutung zu erlangen. Europa mangelt es weder an wissenschaftlicher Exzellenz noch an Forschungskapazitäten. Aber es fällt uns schwer, technologische Innovationen in große unternehmerische Aktivitäten umzusetzen. In einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft sehe ich derzeit keine Führung, die in der Lage wäre, den vielgerühmten „Mindset“ zu ändern, also den gesellschaftlich-unternehmerischen Geist zu wecken, den Europa so dringend bräuchte.
Was ist Ihre größte Sorge?
Es gibt mehrere Punkte. Was mir zum Beispiel große Sorgen bereitet, ist die Kluft in der Rechenleistung zwischen Europa und den USA sowie China. Unsere Kapazitäten sind etwa 15-mal geringer. Um die leistungsfähigsten KI-Modelle nutzen zu können, sind wir neben der eigentlichen Software weitgehend von außereuropäischer Infrastruktur abhängig. Im besten Fall verteuert diese Abhängigkeit nur unsere Kosten. Im schlimmsten Fall schränkt sie unseren Zugang zu den fortschrittlichsten KI-Modellen ein, was fatal wäre. Um etwas Positives zu sagen: Unsere große Chance liegt in der Entwicklung spezialisierter KI-Modelle für die Branchen, in denen Europa über einen industriellen Vorteil verfügt. Wir verfügen nach wie vor über Industriedaten von sehr hoher Qualität. Wenn wir damit spezifische Modelle trainieren und die dazu passende Recheninfrastruktur bereitstellen, werden auch wir über wettbewerbliche Vorteile verfügen.
Führt das derzeitige geopolitische Umfeld dazu, dass die Rolle des Staates in der Wirtschaft neu überdacht werden muss, insbesondere im Hinblick auf China?
Ich wünsche mir eine Strategie, die auf der Stärkung unserer Innovationskraft basiert. Wir müssen unsere Hebel weiter ausbauen, um auf Augenhöhe zu verhandeln. Zum Beispiel durch unverzichtbare industrielle Systeme, Fertigungsanlagen oder Vorprodukte. Europa verfügt außerdem schon heute über Instrumente, um auf unlautere Handelspraktiken zu reagieren, und sollte sie in nachgewiesenen Fällen auch einsetzen. Aber Protektionismus ist der falsche Weg und keine Lösung.
Protektionismus entfernt die Welt weiter von der Globalisierung, ohne dass Europa dadurch die Oberhand gewinnen könnte. Europa muss sich weiterhin für einen freien und fairen globalen Handel einsetzen. Wir müssen uns fragen, was dazu geführt hat, dass wir an Boden verloren haben. Für mich ist die immer geringere Wettbewerbsfähigkeit das vorrangige Problem. Deshalb müssen wir genau dort ansetzen, wo unsere Wettbewerbsfähigkeit behindert wurde, nämlich bei der völlig unsinnigen Überregulierung. Europa hat alles getan, um seine Industrie und Innovationskraft zu ersticken. Das zu ändern, wäre wohl einer der wirkungsvollsten Hebel.
Chinas Industrie profitiert von hohen Subventionen. Ist es nicht unerlässlich, Europas Industrie stärker zu schützen?
Ich wiederhole mich: Wenn es Subventionen gibt, die den globalen Wettbewerb offensichtlich verzerren, verfügt die EU-Kommission schon über Instrumente, um einzugreifen. Wir begingen aber einen Fehler, wenn wir unsere Energie nur darauf verwenden, die Praktiken anderer anzuprangern. Wir müssen den Mut haben, zu erkennen, was wir versäumt haben. Und wir müssen anerkennen, dass China in seinem politischen System eine langfristige Industriestrategie verfolgt. Ohne dieses Modell nachahmen zu wollen, sollten auch wir in der Lage sein, eine strategische Vision für mehrere Jahrzehnte zu entwickeln. Wir haben in Europa den kurzfristigen Blick und das Populäre in den Vordergrund gestellt.
Wie lange wird es dauern, bis China Airbus und Boeing eingeholt hat?
Airbus ist Weltmarktführer in der zivilen Luftfahrt. Deshalb werde ich dafür keinen Zeitplan nennen. Wir müssen die von China erzielten Fortschritte sehr ernst nehmen. Das Land hat in anderen Industriezweigen vielfach seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, nicht nur seinen Rückstand gegenüber Weltmarktführern aufzuholen, sondern zu überholen. Es handelt sich nicht mehr nur um Kostenvorteile oder um subventionierte Produkte. China liefert auch den Beweis für technische Exzellenz. Umso mehr werden wir uns anstrengen, vorne zu bleiben.
Das Interview wurde gemeinsam mit der französischen Zeitung „Le Monde“ geführt.
René Obermann
Nach mehr als sechs Jahren scheidet René Obermann im Herbst als Chairman des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus aus dem Amt. Er übergibt das Zepter an die Spanierin Amparo Moraleda, um sich auf seine neue Aufgabe zu konzentrieren, den Aufsichtsratsvorsitz des deutschen Softwarekonzerns SAP. Diesen soll er im kommenden Jahr übernehmen. Obermann hatte sich als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom in den Jahren 2006 bis 2013 als Modernisierer einen Namen gemacht. Geboren in Düsseldorf und in einfachen Verhältnissen in Krefeld aufgewachsen, begann der heute 63 Jahre alte Obermann nach dem Wehrdienst und einer Kaufmannslehre bei BMW in Münster ein Studium der Volkswirtschaftslehre. Noch vor dem Vordiplom brach er das Studium ab und widmete sich einem von ihm gegründeten Telekommunikationsunternehmen, das er 1991 an den Hongkonger Konzern Hutchison Whampoa verkaufte. Nach seinem Ausscheiden bei der Telekom übte Obermann viele Mandate aus. Seit 2015 arbeitet er für die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Warburg Pincus, derzeit ist er dort Chairman des Europageschäfts. Als Chairman von Airbus überließ Obermann die Bühne zumeist dem französischen Vorstandsvorsitzenden Guillaume Faury. Zuletzt trat er als mahnende Stimme für eine deutliche Stärkung der europäischen Verteidigungsautonomie in Erscheinung. Zusammen mit Faurys Vorgänger Tom Enders, dem Ökonomen Moritz Schularick, der Investorin Jeannette zu Fürstenberg und anderen Fachleuten unterzeichnete Obermann dazu zwei viel beachtete wehrpolitische Positionspapiere. (niza.)
