Neben Halla ist noch Platz. In Warendorf, vor dem Sitz des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR), steht sie als Bronzestatue. Das Denkmal der Stute erinnert an die Erfolge, die sie einst mit ihrem Reiter Hans Günter Winkler errungen hat. Ein solches, so hoffe sie, baue nun endlich jemand für Chipmunk, sagte Julia Krajewski am Sonntag, und schon liefen ihr wieder Tränen über die Wangen. „Er ist eine Legende.“
Es ist ein viel strapazierter Satz in diesem Sport, dass ein Reiter ohne seine Pferde nur ein Fußgänger ist. Und dann gibt es Pferde wie Chipmunk, über die so viel geschwärmt und erzählt wird, dass all die Worte Seiten füllen könnten. Was beweist, dass dieser viel strapazierte Satz sehr wahr ist. Und natürlich wäre auch ein Pferd wie Chipmunk ein ganz normales Pferd, wäre es nicht mit seinem genialen Reiter zusammengekommen.
Sie ritt ihn schon, als er noch fünf Jahre alte war und die ersten Schritte in der Vielseitigkeit machte – als Bester seines Jahrgangs schloss Chipmunk 2013 das Bundeschampionat ab. Sie brachte ihm Dressuraufgaben bei und war mit ihm über die ersten Geländestrecken galoppiert, ehe sie 2018 beim CHIO Aachen gewannen und an der WM in den USA teilnahmen. Dass auch sie zum heutigen Erfolg von Chipmunk beigetragen hat, wehrt sie ab, verweist viel lieber darauf, dass Jung den Werdegang des Pferdes vollendet habe – immer wieder, unter größtem Druck.
Krajewski: „Ich habe schon in Paris geweint“
Sowohl in Paris als auch jetzt in Aachen mussten Jung und Chipmunk als letztes Starterpaar in der finalen Teilprüfung, dem Parcoursspringen, antreten, durften sich weder Spring- noch Zeitfehler erlauben – und taten das auch nicht. „Ich habe schon in Paris geweint, als sie gewonnen haben“, sagte Krajewski – vor Freude über den Erfolg des Pferdes. 2019 hatten sich ihre Wege getrennt, als der Vertrag zwischen ihr und Chipmunks Züchter „aus persönlichen Gründen nicht fortgeschrieben“ worden war.
Für Michael Jung kam Chipmunk genau zur rechten Zeit, weil sein langjähriges Spitzenpferd Sam kurz zuvor in den Ruhestand verabschiedet worden war. Drei olympische Goldmedaillen hatten die beiden unter anderem zusammen gewonnen. Im vergangenen Jahr ist Sam im – für ein Sportpferd recht hohen Alter – von 26 Jahren gestorben.
Chipmunk ist inzwischen 18 Jahre alt und gehörte zu den ältesten Pferden bei der Aachener WM. Die Art und Weise, wie er aber alle drei Teilprüfungen absolvierte, suchte ihresgleichen. Er brachte sein Ergebnis aus der Dressur (23 Minuspunkte) ohne weitere Fehler über den Geländekurs und den Springparcours – 0,4 Punkte vor dem zweitplatzierten Paar aus Großbritannien, Rosalind Canter mit Graffalo.
Allein im Gelände sahen die 35.000 Zuschauer eine Masterclass des jungschen Reitens – sein Timing und das Gefühl für sein Pferd, wann er am Schluss das Tempo noch einmal erhöhen konnte, um die Idealzeit nicht zu überschreiten, war perfekt. „Es war eine sagenhafte Woche“, sagte Michael Jung dazu, „allein hier in Aachen dabei zu sein, ist gigantisch.“
Das sagte er, ehe er eine – für seine Verhältnisse – sehr wortreiche Hommage an seine Pferde begann. Sam, mit dem er in seinen Sport hineingewachsen war, der kein einfaches Dressurpferd war, aber im Gelände alle Hügel hochrennen und jeden Sprung überwinden konnte – „so ein starkes Pferd“. Und Chipmunk, der „ein super Dressurpferd ist und so ein ausgeglichenes Temperament hat, im Gelände so gut zuhört und selbst unter größtem Adrenalin im Parcours so vorsichtig springt – das ist einfach unglaublich, und ich bin sehr dankbar, solche phantastischen Pferde reiten zu dürfen.“
Es macht Reiterinnen und Reiter erst zu den Besten ihres Sports, wenn es ihnen gelingt, mit ganz unterschiedlichen Pferden Erfolge zu wiederholen. Und dann auch zu erkennen, wann es genug ist, ein Pferd alles gegeben hat, was es konnte. Ob er mit Chipmunk noch einmal die EM im kommenden Jahr oder die Olympischen Spiele 2028 anstrebt, ließ Jung in Aachen offen. Es gebe noch keinen Plan für die Zukunft des Pferdes. Er habe eher das Gefühl, dass Chipmunk immer noch besser werde.
Es scheint so, als treffe die Schlagzeile, mit der der Deutsche Olympische Sportbund seine Social-Media-Beiträge zum Olympiasieg des Reiters 2024 betitelte, auch auf Chipmunk zu: „Für immer Jung“, aber mit kleinem „J“.
