
Fast drei Stunden lang muss sich Heinrich XIII. Prinz Reuß an diesem Prozesstag allerlei Fragen stellen: Wie kam es zu den Treffen im Jahr 2022 auf seinem Jagdschloss Waidmannsheil in Bad Lobenstein mit einigen der anderen Angeklagten? Worum ging es bei diesen Treffen? Wer war anwesend? War jemals die Rede von einer gewaltsamen Erstürmung des Reichstagsgebäudes? Gestellt werden die Fragen von dem Mann neben Reuß: seinem Verteidiger.
Was an diesem Verhandlungstag am Oberlandesgericht Frankfurt stattfindet, gleicht einem Theaterstück. Es ist eine weitere Absurdität in einem Prozess, der nur so von Skurrilität strotzt. Wie in einem Verhör befragt Reuß’ Verteidiger Roman von Alvensleben seinen Mandanten zu den Vorwürfen der Anklage. Auch in dem Verfahren schon zutage getretene belastende Informationen spart er dabei nicht aus.
Er habe dieses Szenario zuvor mit seinem Mandanten in der Haftanstalt „erprobt“, sagt Alvensleben zu Beginn des Prozesstages. Prinz Reuß könne auf diese Weise „orientierter“ antworten. Auch der Angeklagte selbst erklärt dieses ungewöhnliche Vorgehen mit dem Umfang der Vorwürfe gegen ihn. „Ich glaube, das ist eine Möglichkeit, mich mitzuteilen.“
„Thinktank“ statt Ratssitzungen
Besonders grotesk wird diese Befragung etwa, wenn der Anwalt seinen Mandanten bittet, die Frage „ganz ehrlich“ zu beantworten, oder eine Frage einleitet mit dem Satz „Jetzt will ich nochmal kritisch nachfragen“.
Inhaltlich wiederholt Reuß an diesem Dienstag größtenteils nur seine zuvor getätigten Aussagen. Immer wieder hatte der Vierundsiebzigjährige sich in dem bald zwei Jahre andauernden Prozess eingelassen. Mehrfach hob er dabei hervor: Einen gewaltsamen Putsch habe er nie gewollt, sondern sei immer von einem Eingreifen einer angeblichen „Erdallianz“ ausgegangen, gegen die er ohnehin nichts habe ausrichten können.
Die Treffen auf seinem Anwesen seien für ihn eine Art „Thinktank“ oder Stammtisch gewesen, bei dem der Gedankenaustausch im Vordergrund gestanden habe. Man habe sich darüber ausgetauscht, wie die nächsten Schritte nach einer „Übernahme“ durch die sogenannte Erdallianz aussehen könnten. Es sei aber nie etwas konkret beschlossen worden. Bei den Treffen habe es keine Festlegung von möglichen Ressorts gegeben, sondern nur eine Rollenverteilung, „wie bei einer Scharade, die wir als Kinder oft gespielt haben“, sagt er. „Jeder übernimmt eine Rolle oder Funktion, ohne daraus was abzuleiten für die Zukunft.“
Dass die Treffen auf seinem Anwesen stattfanden, begründete er damit, dass möglicherweise dessen zentrale Lage in Bad Lobenstein eine Rolle gespielt habe.
Aus der Angst heraus, dass seine jahrzehntelangen Restitutionsbemühungen umsonst gewesen wären, habe er wissen wollen, was die „Erdallianz“ vorhabe, und sich deswegen zu diesen Treffen „breitschlagen lassen“. Ihm und den anderen Teilnehmern sei wiederholt eine Kontaktaufnahme mit einem Vertreter der vermeintlichen Allianz in Aussicht gestellt worden.
Gegen Ende des Verhandlungstages will sein Anwalt noch wissen, warum eine der Angeklagten, die frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann, ihm Pläne per E-Mail zugeschickt habe, auf denen etwa die Sitzungstage des Bundestags standen. Reuß zufolge wollte er diese Nachrichten nie haben und hatte sie sich auch nie angeschaut. „Das ist eines der typischen Beispiele, wo Dritte geglaubt haben, sie müssen mir etwas zukommen lassen, und ich habe jetzt den Ärger damit.“ Die Aussage wird fortgesetzt.
