Steuer, Arbeitszeit, Rente: Die Spitzen von Union und SPD wollen sich vor der Sommerpause auf Reformen einigen. Wie stehen die Chancen, dass das gelingt? Ein Überblick
86 Kommentare
© Michael Kappeler/dpa
Die Spitzen von Union und SPD wollen bei ihrem Koalitionsausschuss, der am Mittwochnachmittag beginnt, grundlegende Fortschritte bei den angedachten Reformen erreichen. Bei dem
Treffen im Kanzleramt solle »ein großes Paket« geschnürt werden,
kündigte Regierungssprecher Stefan Kornelius an. Worum geht es dabei inhaltlich? Wo gibt es noch Streit? Und wann sind Ergebnisse zu erwarten?
Was ist ein Koalitionsausschuss?
Der Koalitionsausschuss ist
ein informelles Gremium von Spitzenvertretern der Regierungsparteien. Er
dient dazu, politische Richtungsentscheidungen zu treffen und Konflikte
beizulegen. Die Entscheidungen des Ausschusses haben hohes Gewicht; sie
werden in der Regel übernommen.
Geleitet wird das
Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der auch Vorsitzender der CDU ist. Zu
den Teilnehmern zählen zudem die Parteichefs der SPD, Bundesfinanzminister
Lars Klingbeil und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, CSU-Chef Markus Söder
sowie die Spitzen der Regierungsfraktionen und weitere Partei- und
Regierungsmitglieder.
Welche Reformen werden im Koalitionsausschuss diskutiert?
Darum geht es im Einzelnen:
-
Einkommensteuer: Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen schon im
kommenden Jahr zu senken. Doch bei der Ausgestaltung ist kein Kompromiss in Sicht. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
(SPD) hat den Spitzen der Koalition Vorschläge gemacht, die
Grundlage für die Verhandlungen sein sollen. Die entscheidende Frage ist
die Gegenfinanzierung: Je höher die Steuerentlastungen ausfallen
sollen, desto mehr kostet die Reform. Die SPD will einen höheren
Spitzensteuersatz und eine höhere Erbschaftsteuer, das lehnt die Union
aber ab. Im Gespräch sind auch eine Anhebung der Reichensteuer, eine
Mehrwertsteuererhöhung, Subventionskürzungen oder Einsparungen im
Haushalt. Widerstand droht in jedem Fall aus den Bundesländern, da sie mit geringeren Steuereinnahmen rechnen müssen und dafür entschädigt werden möchten.
-
Arbeitszeit: Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag vereinbart, »die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer
täglichen Höchstarbeitszeit« zu schaffen. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas
(SPD) zeigte sich angesichts heftigen Widerstands aus den Gewerkschaften aber zurückhaltend. Ihr
Ministerium entwarf eine Art Minimallösung: Längere tägliche
Arbeitszeiten sollen nur möglich sein, wenn sie in Tarifverträgen oder
Betriebsvereinbarungen ausgehandelt werden. Dabei soll eine
elektronische Erfassung der Arbeitszeit Pflicht werden. Aus der CDU kam
ebenso heftiger Widerspruch wie von den Arbeitgeberverbänden.
-
Rente: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) haben bereits angekündigt, die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzen zu wollen. Das Gremium hatte 33 Reformvorschläge gemacht,
unter anderem eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die
Lebenserwartung, die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63, einen
größeren Kreis an Einzahlenden ins Rentensystem sowie eine
Kapitalrente. Streit könnte es beim Thema Minijobber geben, die
künftig in die gesetzliche Rente einbezogen werden sollen. Beim Koalitionsausschuss
dürfte trotz letzter Unstimmigkeiten der Zeitplan beschlossen werden: Die Eckpunkte der Reform sollen noch vor der Sommerpause ins Kabinett; bis zum
Jahresende sollen dann die notwendigen Gesetze erarbeitet werden.
-
Gesundheit: Das Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina
Warken (CDU) soll die gesetzlichen Krankenkassen entlasten, um neue Beitragserhöhungen zu verhindern. Geplant sind Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken und Pharmabranche, aber etwa auch
höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen der kostenlosen
Mitversicherung von Ehepartnern. Die schwarz-rote Koalition strebt an, das Gesetz trotz Widerstands aus der Opposition noch vor der Sommerpause zu beschließen. Union und SPD ringen noch um mehrere Punkte, etwa bei Belastungen für Patienten und die Pharmabranche. Ein weiteres Problem ist die Finanzlücke der Kassen, die größer ist als bislang angenommen: Das Gesamtdefizit dürfte in diesem Jahr statt der erwarteten
15 beinahe 19 Milliarden Euro betragen. Das Sparpaket sieht aber in
seiner aktuellen Form nur Einsparungen von rund 16 Milliarden Euro vor.
-
Pflege: Ein Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsministerin Nina
Warken (CDU) sieht Ausgabenbremsen und zusätzliche Einnahmen vor, um
Beitragserhöhungen zu vermeiden. Gutverdiener sollen stärker belastet werden, die Reform sieht eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze vor. Zudem soll der Pflegebeitrag für Kinderlose steigen. Gleichzeitig sind drastische Kürzungen geplant. So sollen etwa die Voraussetzungen für Einstufungen in Pflegegrade strenger werden. Aus der
SPD kommt heftiger Widerstand; für Kritik sorgen besonders die geplanten Einschnitte bei den Rentenansprüchen pflegender Angehöriger
und bei den Zuschüssen für die Pflege im Heim.
-
Bürokratie: Die Koalition hat sich vorgenommen, in einem spürbaren Umfang Bürokratie abzubauen. Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen
beschleunigt, Berichtspflichten verringert und Behördengänge digitalisiert
werden. Viele der geplanten Maßnahmen sind EU-Vorgaben.
Was sind die größten Streitpunkte?
Die Aushandlungsprozesse innerhalb der Koalition sind bei den
verschiedenen Themen unterschiedlich weit fortgeschritten. Bei der Rentenreform
haben die Koalitionsspitzen bereits zugesagt, den Vorschlägen der
Rentenkommission folgen zu wollen. Die Gesundheitsreform dürfte schon
kommende Woche im Bundestag verabschiedet werden. Auch bei den Maßnahmen zum Bürokratieabbau besteht offenbar weitgehend Einigkeit.
Bei der Steuerreform
gehen die Meinungen hingegen so weit auseinander, dass es schon Forderungen gab,
die Reform auf nächstes Jahr zu verschieben. Und auch bei der Arbeitszeit
sind Auseinandersetzungen zu erwarten.
Wie stehen die Chancen auf eine Einigung?
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich kurz vor den Beratungen optimistisch. »Meine Erwartung ist, dass wir wirklich einen
großen Sprung nach vorn machen in der Modernisierung unseres Landes«,
sagte Merz. Der Kanzler betonte zugleich, es werde nicht »den einen großen Big Bang« geben. »Den wird es heute nicht
geben, den wird es morgen nicht geben.« Man sei in einem Prozess, den
man nun beschleunige.
»Es geht jetzt vor allem darum, die
Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft wieder zu stärken«, sagte Merz. »Ich bin zuversichtlich, dass wir das auch gut
hinbekommen«, sagte er. Konkret nannte er unter anderem
auch Vorschläge zum Rückbau der Bürokratie, zur Modernisierung des
Staatswesens, zur Digitalisierung sowie die Themen Steuern und
Arbeitsmarkt.
