
Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik schien einmal so einfach. Sie erinnern sich: Kaum ein Imperativ erfuhr so viel begeisterte Zustimmung wie die schlichte Aufforderung: „Follow the science!“ – „Folgt der Wissenschaft!“. Das war eine der Parolen, mit denen Greta Thunberg die Klimabewegung enthusiasmierte, und der zeitweilige Schulterschluss zwischen „Scientists for Future“ und umweltbesorgten Aktivisten schien ein durchaus Erfolg versprechendes Bündnis zur Bekämpfung des globalen Klimawandels. Allen, die diesem Ruf nicht bereitwillig folgen wollten, konnte man Ignoranz, Wissenschaftsskepsis, Anfälligkeit für Verschwörungstheorien oder Schlimmeres vorwerfen. Aus den eindeutigen wissenschaftlichen Befunden schien doch klar hervorzugehen, was getan werden muss, nur beharrende Kräfte und renitente Bürger hatten die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt.
An dieser vermeintlich plausiblen Argumentation ist jedoch einiges höchst fragwürdig. Allein die Annahme, es gäbe „die“ Wissenschaft, ist irrig. Abgesehen von den methodischen und atmosphärischen Welten, die Geistes- und Naturwissenschaften trennen, ist die neuzeitliche Wissenschaft durch Kontroversen, nicht durch Uniformität gekennzeichnet. Einander widersprechende Hypothesen und Theorien erzeugen eine Dynamik, die wohl gut bestätigte von eher unseriösen Konzepten unterscheiden lässt, aber keine Gewissheit geben kann.
Die Überlegung, dass jenen Erkenntnissen am ehesten zu trauen ist, zu denen sich eine Mehrheit der Forscher bekennt, hat einiges für sich und ist in der Wissenschaftsphilosophie als „Konsenstheorie der Wahrheit“ bekannt geworden: Wahr ist, worauf sich – wenn nicht alle – dann doch die meisten ausgewiesenen Vertreter eines Faches einigen können. Gegen diese Argumentation spricht nicht viel – außer der historischen Erfahrung. Sie zeigt, dass gerade bahnbrechende Entdeckungen und innovative Ideen selten in den Zentren des etablierten Wissenschaftsbetriebs entstanden. Dieser ist seiner Struktur nach behäbig und fördert den Konformismus. Es waren und sind oft die marginalisierten, mitunter verhöhnten Außenseiter, die keine Angst vor originellen und disruptiven Ansätzen haben und so dem Neuen auf der Spur sind. Entscheidend für den Fortschritt in den Wissenschaften ist eine fruchtbare Spannung zwischen konvergenten und divergenten Positionen, zwischen Affirmation und Dissens. Keine Wissenschaft spricht mit einer Stimme.
Das Recht zur Infragestellung
Eine dynamische Wissenschaft sollte deshalb offen sein für konkurrierende Theorien, auch wenn diese manchmal noch abstrus erscheinen mögen. Die aktuelle akademische Praxis, die wissenschaftliche Qualität vorrangig an den Publikationen in Mainstream-Journals misst, läuft Gefahr, Mittelmaß und Konformismus zu befördern. Das Gleiche gilt für eine Projektförderungspolitik, die bei Einreichung eines Antrags schon verbindliche Auskunft über die zu erwartenden Ergebnisse einfordert. Neugier sieht anders aus. Höchst problematisch aber wird es, wenn die Forschung nicht nur durch Publikations- und Bewertungslogiken implizit gesteuert, sondern offen politischen, ökonomischen oder moralischen Imperativen untergeordnet wird. So gilt es heute als fortschrittlich, selbst methodisch saubere und empirisch korrekte Untersuchungen zu unterlassen, wenn diese zu Ergebnissen führen könnten, die Menschen in ihrer Befindlichkeit und Identität womöglich verletzen. Wer seine Forschung mit solch einer Schere im Kopf betreibt oder betreiben muss, wird wahrscheinlich wenig Anstößiges, aber auch kaum Außergewöhnliches hervorbringen.
Legte man ähnliche Maßstäbe an die Vergangenheit an, hätte die Veröffentlichung der Überlegungen von Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin und Sigmund Freud eigentlich unterbleiben müssen. Denn deren Theorien stellten ungeheure „Kränkungen“ des Menschen dar, der sich nun aus seiner privilegierten Stellung als Mittelpunkt des Universums, als Krone der Schöpfung und als selbstbewusstes vernünftiges Wesen vertrieben sah. In einem viel beachteten Aufsatz haben Alexander Bogner und Caspar Hirschi in der F.A.Z. klargestellt: „Die Wissenschaftsfreiheit soll einen möglichst ungehinderten Erkenntnisfortschritt ermöglichen, auch und gerade zu Fragen, die religiöse Gefühle verletzen, ideologische Verblendungen entlarven, politische Machtstrukturen freilegen oder wirtschaftliche Interessen treffen.“ Ausgelöst hatte diesen Beitrag übrigens der Ausschluss der Israelischen Gesellschaft für Soziologie aus der Internationalen Gesellschaft für Soziologie: Eine antisemitisch konnotierte politisch-moralische Haltung triumphierte in diesem Fall über den Geist der freien Forschungskommunikation.
Aber kann es nicht grundsätzliche moralische Schranken für die Wissenschaft geben? Steht sie immer über der Integrität und der Befindlichkeit betroffener Menschen? Keine Frage: Je näher die Wissenschaften am Menschen operieren, desto widersprüchlicher und verstörender können sie mitunter werden. Dass es zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehört, seine Argumente nie ad personam vorzutragen, versteht sich ebenso von selbst wie die Einhaltung menschenrechtlich definierter Rahmenbedingungen. Das eigentliche Problem besteht jedoch darin, dass sich viele Zeitgenossen zunehmend so sehr mit wissenschaftlichen oder ideologischen Positionen identifizieren, dass etwa einer biologisch fundierten Argumentation über Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr sachlich widersprochen, sondern diese als transfeindlich klassifiziert und damit als Angriff auf eine Menschengruppe interpretiert wird. Unter dieser Voraussetzung aber wird tendenziell jeder Diskurs, jede Kontroverse verunmöglicht. Wenn gilt: Wer meine Theorie angreift, greift mich an, ist die Freiheit der Wissenschaft an ein Ende gekommen.
Wissenschaft unter Bekenntnisdruck
In einem absoluten Sinn ist Wissenschaft nie frei, sie ist eingebettet in ökonomische Rahmenbedingungen, politische Erwartungen, einen ideologisch oder religiös geprägten Zeitgeist. Diese Verhältnisse können, je nach Weltlage, die Wissenschaften mehr oder weniger streng an die Kandare nehmen. Wohl wäre es wünschenswert, wenn zumindest die staatlich finanzierten Forschungen ein Höchstmaß an Unabhängigkeit genießen könnten, aber mitunter scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Von manchen werden von der Wissenschaft offenbar weniger Erkenntnisse als Bekenntnisse verlangt: Wie steht man zu einem Krieg, einer Partei, einer Person? Nichts ist der Freiheit und damit dem Fortschritt der Wissenschaften jedoch abträglicher als ein ideologischer Bekenntniszwang.
Den entscheidenden Aspekt der Freiheit der Wissenschaft hat der große Soziologe Max Weber bündig benannt: Es geht darum, die wissenschaftliche Forschung von Werturteilen frei zu halten. Natürlich ist das ein Ideal, denn jeder Forscher ist ein politischer Mensch, fühlt sich einer bestimmten Moral verpflichtet, wertet und bewertet nach subjektiven Maßstäben seine wissenschaftliche Arbeit. Aber es ginge darum, sich dieser Beschränkungen bewusst zu werden und subjektive Präferenzen sowie soziale und politische Einflüsse nach Möglichkeit zurückzudrängen. Gegenwärtig verkehren sich die Verhältnisse. Die wissenschaftliche Erkenntnis wird mit einem Werturteil gleichgesetzt, und manche ideologisch nur notdürftig verbrämten Annahmen über die Gesellschaft, den Kapitalismus, das Klima und die Digitalisierung geben der Forschung den Takt vor. Diese versteht sich zunehmend selbst als politisches Unternehmen. Die sinnfälligste Erscheinungsform dieser Koppelung ist der Wissenschaftler als Aktivist beziehungsweise der Aktivist, der sich als Vollzugsorgan der Wissenschaft sieht.
Nun steht es jedem Bürger frei, im Rahmen seiner demokratischen Rechte an Initiativen, Protesten und Demonstrationen teilzunehmen. Doch darum geht es nicht. Vielmehr geht es um die Behauptung, dass wissenschaftliche Forschung in Aktionismus umschlagen muss, will sie sich und ihre Ergebnisse ernst nehmen. Diese Denkfigur zehrt noch immer vom Pathos der 11. Feuerbach-These von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“
Inwiefern die von Marx inspirierten Weltveränderungsversuche, die in totalitäre kommunistische Herrschaftsformen wie den Stalinismus mündeten, auch einen Schatten auf rezente Wiederbelebungsversuche dieser These werfen, bleibe dahingestellt. Interessant immerhin, dass die linken Revolutionäre, Diktatoren und Schlächter des zwanzigsten Jahrhunderts sich dabei fest auf dem Boden einer „materialistischen Wissenschaft“ wähnten, der sie unbedingt folgen wollten. Ähnliches gilt übrigens auch für den Nationalsozialismus. Alfred Rosenbergs raunender nordischer Mythus des 20. Jahrhunderts wurde von Hitler wegen seiner Unwissenschaftlichkeit wenig geschätzt, die strammen Vertreter der Rassenlehre, die für die Reinheit des arischen Blutes sorgen wollten, hielten sich nicht für Ideologen und Mörder, sondern für Wissenschaftler. Auch hier folgte die Politik der Wissenschaft. Das zumindest könnte zu denken geben.
Man darf sich nichts vormachen. Die Logik des politischen Aktivismus ist der Logik der Wissenschaften diametral entgegengesetzt. Es liegt im Wesen der modernen Wissenschaft, dass aus ihren Erkenntnissen tatsächlich keine unmittelbaren Handlungsanleitungen folgen. Wissenschaft beschreibt, erklärt, experimentiert, formuliert Hypothesen, entwirft Theorien und entwickelt Modelle, die unterschiedliche Szenarien antizipieren. Was dann getan, wie im Ernstfall gehandelt werden soll, ist keine Frage der Wissenschaft mehr, sondern eine politische Entscheidung. Man kann der Wissenschaft also gar nicht folgen, man kann bestenfalls Forschungsergebnisse in die Motive seines Handelns einfließen lassen.
Dem Aktivismus geht es deshalb nicht um Wissenschaft, sondern um deren Instrumentalisierung. Die Wissenschaft wird vorgeschoben, um politische Ziele über außerparlamentarische Verfahren durchzusetzen und um spektakuläre und medienwirksame Interventionen zu rechtfertigen. Wissenschaft lebt vom Diskurs, Aktivismus zerstört jeden Diskurs. Wissenschaft gründet im Wissen, dass der Irrtum immer möglich ist, Aktivismus in der Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Wissenschaft benötigt die offene intellektuelle Auseinandersetzung, der Aktivismus befördert die Verengung. Wissenschaft braucht Podien, der Aktivismus sprengt diese.
Ein Wissenschaftler, der sich als Aktivist versteht, muss die Freiheit des Denkens zugunsten der politischen Erfordernisse und der Logik eines Machtkalküls aufgeben. Das kann einer Aktion zum Erfolg verhelfen, der Wissenschaft wird es schaden. Schon Theodor W. Adorno, einer der Väter der neomarxistisch inspirierten Kritischen Theorie, dem von seinen Studenten vorgeworfen worden war, sich nicht an den revolutionären Umtrieben der späten Sechzigerjahre beteiligt zu haben, stellte lakonisch fest: „Denken, als bloßes Instrument von Aktionen, stumpft ab.“
Neue Formen des Szientismus
In seinem Buch „Die Epistemisierung des Politischen“ hat Alexander Bogner gezeigt, wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet, wie sehr eine zunehmende Verzahnung von Politik und Wissenschaft, ganz im Gegenteil zur landläufigen Meinung, nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Politik beschädigt. Bogner stellt durchaus provokant die Frage, ob die weitverbreitete Vorstellung, dass „wer auf die Wissenschaft hört, wer der Mehrheit der Experten folgt, die richtige Politik machen wird“, nicht irrig ist. Politik wird auf diese Weise „mit der Wahrheitsidee kurzgeschlossen“, das führt zu einer „neuen Variante des Szientismus“, also zu einer Wissenschaftsgläubigkeit, die für Bogner „demokratiepolitisch gesehen wahrscheinlich bedenklicher als das leicht durchschaubare Spiel mit Fake News und Twitter-Lügen im politischen Alltag“ ist.
Folgte man nämlich dieser Idee, „würde das Kerngeschäft der Politik nicht länger darin bestehen, Mehrheiten zu organisieren und temporäre Kompromisse zu schmieden“; vielmehr hätte die Politik nun „darüber zu wachen, wer in Form alternativer Expertise und Positionen vom rechten Weg der Wissenschaft abweicht und daher verantwortungslos handelt“. Bogner nennt diese Praxis treffend „Epistemokratie“, die fatale Konsequenzen hat, da sie einen Widerspruch nur noch außerhalb des Systems zulässt: „Etwas überspitzt formuliert: Eine Politik, die sich – dank ihrer Übereinstimmung mit der Wissenschaft – als alternativlos versteht, provoziert eine Politik der alternativen Fakten.“
Eine starke These, die der vermeintlich so wichtigen Verzahnung von Politik und Wissenschaft kritisch entgegenhält, dass sich damit nicht nur die Wissenschaft in eine Form der Abhängigkeit von politischen Vorannahmen begibt, sondern auch die Politik auf ihr Kerngeschäft verzichtet. Natürlich sollen und müssen wissenschaftliche Erkenntnisse politisch bearbeitet und als Entscheidungshilfe herangezogen werden. Aber Politik ist keine Wissenschaft. Wissenschaftsfreiheit bedeutet unter dieser Perspektive sowohl eine Freiheit von der Politik als auch eine Politik der Freiheit. Das sind Ziele, um die es sich zu kämpfen lohnt.
Der Beitrag ist ein Auszug aus der Festrede, die Konrad Paul Liessmann anlässlich der Verleihung des Preises für Wissenschaftsfreiheit an Alexander Bogner am 12. Mai 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat.
