Seit geraumer Zeit kritisiert die AfD das Bauhaus als Symbol der architektonischen und kulturellen Moderne, und niemand zweifelt, dass dem im Falle einer Regierungsübernahme demnächst auch Taten folgen werden. Eine der bemerkenswertesten Errungenschaften der Moderne wird dabei als „globaler Einheitsbrei“ diskreditiert, als „menschenfeindliche Architektur“, die lokale und regionale Identitäten verdränge. Befremdlich und vielsagend ist, dass die AfD vom Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ spricht und damit wohl bewusst eine Formulierung benutzt, die bereits bei den nationalsozialistischen Gegnern des Bauhauses Verwendung fand.
Andere Monumente werden von den Rechten umgedeutet und propagandistisch vereinnahmt. Im Juni 2026 besetzten rechtsextreme Gruppen das Hermannsdenkmal bei Detmold. Hermann, der als Cheruskerfürst Arminius die vom Rhein aus vordringenden Römer besiegt und im Jahre 9 n. Chr. dem Varus und seinen Legionen die berühmte Niederlage im Teutoburger Wald beigebracht hat, wurde immer wieder zur germanischen Galionsfigur hochstilisiert und propagandistisch umgedeutet. So auch hier: Das Denkmal des jungen Kaiserreichs wurde von rechten Klimaleugnern zum Protest gegen Windkraftanlagen missbraucht. Ein dort ausgerolltes Banner mit der Aufschrift „Heimat verteidigen“ hatte eine weitere klare Botschaft: der Cheruskerfürst als Vorkämpfer gegen die vermeintliche Überfremdung unserer Gesellschaft. Auch solche Instrumentalisierungen reichen in die NS-Zeit zurück: Im Vorfeld zur lippischen Landtagswahl im Januar 1933 gehörte der Besuch des Hermannsdenkmals für Hitler und Goebbels während ihrer dortigen Wahlkampfauftritte zum inszenierten Pflichtprogramm. Hitler wurde auf Wahlplakaten als „neuer Hermann“ präsentiert, als Befreier Deutschlands von der roten Fremdherrschaft.
Schon Himmler ließ nach germanischen Heiligtümern suchen
In dieser Tradition steht auch der im Februar 2026 geplante Besuch des Hermannsdenkmals durch führende AfD-Politiker um Björn Höcke. Als Proteste den Auftritt in Detmold verhinderten, wich die Gruppe kurzerhand auf die nahe gelegenen Externsteine aus. Die markante Felsformation im Teutoburger Wald zog schon immer völkisch-esoterische Gruppen an, die dort ein uraltes germanisches Heiligtum imaginierten. Himmlers SS-Organisation „Ahnenerbe“ suchte hier den Mythos eines Sakralorts zu begründen, wonach das deutsche Volk eine eigenständige und bis weit in die germanische Urgeschichte zurückreichende Kulttradition besessen haben soll. Die archäologischen Ausgrabungen belegen eher das Gegenteil. Es handelte sich um einen klassischen Fall von nationalsozialistischer Geschichtsfälschung. Die heutige Neue Rechte scheint direkt daran anzuschließen.
Archäologische Funde lassen sich leicht umdeuten, wenn man ihren wissenschaftlichen Kontext ausblendet. Aus ideologischen Gründen projiziert man die Existenz von Völkern häufig bis in graue Vorzeit zurück, auch wenn dabei Jahrtausende übersprungen werden. Die in dieser Zeit nachweisbaren Wanderungs-, Austausch- und Vermischungsprozesse werden ausgeblendet, weil sie nicht ins ideologische Bild passen: Was nicht sein soll, darf nicht sein.
Die Objekte, die die Archäologen ausgraben und einordnen, sind stets Teil einer komplexen kulturgeschichtlichen Entwicklung. Wer „Kultur“ auf „Abstammung“ dagegen reduziert und Unterschiede zwischen Populationen als etwas grundsätzlich Gegebenes und Dauerhaftes vorgaukelt, missbraucht die Arbeit der Wissenschaft. Für die Rechten ist archäologische Forschung nicht dazu da, um zu erklären, wie Gesellschaften entstanden sind und sich verändert haben, weil historische Komplexität ihre einfachen Erklärungsmuster stört. Sie soll stattdessen abgrenzen und legitimieren, wer zu einem Volk dazugehört und wer nicht. Von dieser Art der Trennung der Kulturen ist es dann auch kein weiter Weg mehr zur „Remigration“.

Nicht nur die Neue Rechte bedient sich der Germanen, sondern bereits die Nationalsozialisten machten sie zu einem zentralen Identifikationspunkt ihrer Ideologie. Dabei handelt es sich bei Germanen wie Kelten um antike Sammelbegriffe, deren Identität vor allem auf kulturellen Praktiken beruhte. So beschreibt Tacitus die Germanen in erster Linie als Gegenbild der Römer. Herodot charakterisiert Ägypter, Perser oder Skythen über ihre gemeinsamen Bräuche, Götter, Opferpraktiken, Sprache, Lebensweisen und Sitten und nicht durch biologische Abstammung. Offensichtlich waren die antiken Schriftsteller bereits klüger als die modernen Ideologen von rechts.
Besonders abstrus wird es, wenn die Rechtsextremen mit ihrer Instrumentalisierung archäologischer Funde noch weiter in der Urgeschichte zurückgehen und selbst vor der Himmelsscheibe von Nebra nicht haltmachen. Die frühbronzezeitliche Bronzescheibe, um 1600 v. Chr. niedergelegt, gehört zweifellos zu den bedeutendsten Funden der europäischen Vorgeschichte, weil sie für jene frühe Zeit erstaunliche astronomische Kenntnisse dokumentiert. Daraus aber zu folgern, die Himmelsscheibe von Nebra würde das hochkulturelle Niveau unserer germanischen Vorfahren belegen, greift in vielerlei Hinsicht daneben. Erstens war die mitteldeutsche Frühbronzezeit nicht „germanisch“, weil sich früheste germanische Fundgruppen erst tausend Jahre später fassen lassen.
Die Himmelsscheibe von Nebra ist das Resultat eines Kulturaustauschs
Zweitens kann man daraus keine kulturelle Überlegenheit gegenüber anderen Populationen jener Zeit ableiten, weil in der Frühbronzezeit die Menschen in Mitteleuropa eben gerade nicht abgegrenzt von anderen lebten, sondern weitreichende Verbindungen in die Ägäis, in den Orient, nach Skandinavien und bis auf die Britischen Inseln unterhielten, wie die Forscher um Harald Meller im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle überzeugend nachweisen. Die Himmelsscheibe von Nebra ist das Ergebnis weitgespannter Netzwerke von Handel und Kulturaustausch.
Der Nationalsozialismus predigte nicht nur die Überlegenheit der Germanen gegenüber anderen, angeblich minderwertigen Kulturen, sondern lieferte mithilfe der Archäologie auch die pseudowissenschaftliche Legitimation für den Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion. Danach hätte es sich beim „Lebensraum im Osten“ letztlich um altes germanisches Land gehandelt, weil in Spätantike und Völkerwanderungszeit germanische Völkerschaften durch Südrussland und die Ukraine gezogen waren. Dabei kann gerade die Archäologie sehr gut nachweisen, dass es sich bei jenen Stämmen wie Ost- und Westgoten oder Vandalen um einen bunten ethnischen und kulturellen Mix handelte statt um homogene Populationen.
Wer archäologische Entdeckungen zur Bestätigung eines feststehenden ethnisch-nationalistischen Weltbildes umdeutet, schließt damit an eine Tradition an, die unter Hitler und Himmler besonders perverse Blüten trieb. Auf ganz ähnliche Weise begründet Putin übrigens aktuell seinen verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine: Wenn die Ukraine keine nationale und kulturelle Identität besitzt, kann man ihr auch ihr Existenzrecht absprechen. Wen wundert es da noch, dass es in der AfD starke russlandfreundliche Tendenzen gibt?
Hermann Parzinger war von 2008 bis 2025 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im Februar wurde er zum Kurator des Hauptstadtkulturfonds ernannt.
