
Meine Waschmaschine verfügt womöglich über mehr Rechenleistung als die Raketen, die einst zum Mond flogen. Aber wehe, ich möchte den Akku tauschen. Dann offenbart sich das Paradox der Gegenwart: Je smarter das Gerät, desto hilfloser sein Besitzer. Lange war das die stillschweigende Geschäftsbedingung der Moderne. Man kauft, man benutzt, man wirft weg – und kauft neu. Doch die Erzählung der permanenten Erneuerung hat sich verbraucht. Die rehabilitierte Heldin der Gegenwart heißt Ersatzschraube.
Ausgerechnet eine EU-Verordnung hat Dauer als Qualitätsmerkmal neu entdeckt. Verbraucher sollen bei Geräten wie Smartphones, Waschmaschinen, Kühlschränken künftig ein verbrieftes Recht auf Reparatur erhalten. Die Bundesregierung will die Verordnung umsetzen, damit wir unsere Geräte künftig wieder instand setzen können, statt sie entsorgen zu müssen. Die kulturelle Tragweite dieses Moments sollte man dabei nicht unterschätzen.
Wer repariert, bindet sich auch
Das Recht auf Reparatur könnte nicht nur zur Renaissance der Bedienungsanleitung führen, jenem geduldigen Dokument, das seit Jahren ungelesen in der Schublade liegt, neben Batterien unbekannten Alters und Ladekabeln für Geräte, die längst verschwunden sind. Vor allem könnte es das Verhältnis zwischen Mensch und Ding neu justieren. Denn wer repariert, bindet sich.
Und was ließe sich in diesem Sinne nicht alles reparieren? Wie wäre es mit einem Recht auf Reparatur für Ehen oder Beziehungen? Vor jeder Trennung müsste erst einmal die Bereitschaft zu genügend alternativen Ersatzhaltungen formuliert werden: Geduld, Zuhören, vielleicht ein Wochenende ohne Smartphone. Auch der Sonntag hätte Reparatur verdient. Wer ihn mit E-Mails verbracht hat, sollte Anspruch auf einen Ersatzsonntag haben. Selbst über Romane wäre hier nachzudenken. Gefällt das Ende nicht, könnte es ein amtlich beglaubigtes Ersatzkapitel geben.
Nur ein bisschen länger noch
Die Verfügbarkeit freier Ersatzteile ist dabei ein Angriff auf vertraute Geschäftsmodelle. Weil eine Gesellschaft, die ihre Waschmaschinen flickt, weniger neue braucht. Das mag volkswirtschaftlich töricht sein, für jeden Einzelnen aber eine Erleichterung.
Wir leben in einer Epoche permanenter Erneuerung. Strukturwandel hier, Disruption dort, künstliche Intelligenz überall. Jede Woche erscheint ein neues Modell von irgendwas, das alle vorigen alt aussehen lässt. In dieser Dauerbeschleunigung scheint die schönste Idee plötzlich darin zu bestehen, dass etwas einfach nur noch ein bisschen länger hält.
Und galt der Programmierer lange Zeit als Mann der Stunde, später der KI-Flüsterer, kehrt nun der Mensch mit dem Werkzeugkoffer zurück. Er rettet nicht die Welt, er repariert nur den Geschirrspüler. In einer zugemüllten Küche kann das manchmal fast dasselbe sein. Denn in einer Welt, die alles erneuert, ist das Reparieren der eigentliche Akt des Widerstands.
