Wer mitten in einem komplexen Transformationsprozess steckt, so wie die bald 100 Jahre alte Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW AG), darf zum Krafttanken auch mal kurz zurückschauen. So hat das auf der Ingelheimer Aue ansässige Unternehmen, das 1931 aus dem Zusammenschluss der Elektrizitätswerke der Nachbarstädte Mainz und Wiesbaden entstanden ist, seinen CO₂-Ausstoß innerhalb von 35 Jahren deutlich reduzieren können: von ehedem drei Millionen Tonnen im Jahr auf mittlerweile nur mehr 750.000 Tonnen. Statt über ein Steinkohlekraftwerk, das noch bis 2012 geplant war, wird heutzutage eher über ein ökologisch vorbildliches Rechenzentrum und ein mit Wasserstoff zu betreibendes Zukunftskraftwerk gesprochen. Wobei die Pläne für Letzteres ins Stocken geraten sind, weil viele Kraftwerksbetreiber – und das nicht nur am Rhein – immer noch auf ein verlässliches Energiekonzept des Bundes warten.
Erster Block geht Ende 2026 ans Netz
Selbst tue die KMW AG seit Jahren viel dafür, dass man bei der Strom-, Dampf- und Fernwärmeerzeugung auf der Ingelheimer Aue möglichst von 2045 an gar kein Kohlenstoffdioxid mehr ausstoße. Das sagten die beiden Vorstandsmitglieder, Oliver Malerius und Stephan Krome, am Donnerstag im Gespräch mit Medienvertretern. Ein wichtiger Baustein in dem aktuell zu erlebenden Umwandlungs- und Diversifikationsprozess sei das neue Rechenzentrum „Green Rocks“. Dieses Infrastrukturprojekt möchte die Tochtergesellschaft der Mainzer und der Wiesbadener Stadtwerke gemeinsam mit dem norwegischen Spezialisten Green Mountain bis 2028 am Rheinufer realisieren – und das für mehr als eine halbe Milliarde Euro.
Der erste von drei jeweils mehr als 40 Meter hohen Blöcken könnte schon zum Jahreswechsel ans Netz gehen. Rund um den Hochsicherheitsbetrieb, der mit einer Gesamtleistung von bis zu 80 Megawatt und 54 Megawatt künftig für den gewünscht schnellen Datenaustausch sorgen soll, wird bislang so manches wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Dem Vernehmen nach spricht jedoch einiges dafür, dass dort demnächst das amerikanische Unternehmen Microsoft als Hauptmieter seine Rechner aufbauen wird. Die „White Spaces“ genannten Hallen sollen alles in allem circa 18.000 Quadratmeter Stellfläche bieten. Offiziell hat der Technologiekonzern bisher aber nur angekündigt, Investitionen in Höhe von etwa 3,2 Milliarden Euro für den Ausbau der Cloud-Regionen um Frankfurt und in Nordrhein-Westfalen tätigen zu wollen.

Den Oberbürgermeistern von Mainz und Wiesbaden, Nino Haase (parteilos) und Gert-Uwe Mende (SPD), gefällt das als zusätzliche Einnahmequelle gern gesehene Modellprojekt nicht zuletzt deswegen, weil die Abwärme des Rechenzentrums über eine Großwärmepumpe ins Mainzer Fernwärmenetz eingespeist werden soll. So könnten perspektivisch in Zukunft bis zu 20.000 Wohnungen, vor allem in der Neu- und Altstadt, beheizt werden. Das Rechenzentrum, das man grundsätzlich mit grünem Strom versorgen will, darf für die technisch notwendige Kühlung der Räume außerdem Rheinwasser nutzen.
Kritische Stimmen gab es zuletzt trotzdem: Denn für Notfälle wird neben dem am Standort vorhandenen 100-Megawatt-Blockheizkraftwerk auch noch ein aus zwölf einzelnen Anlagen bestehendes Motorenkraftwerk gebraucht. Anfangs müsste das zumindest mit Gas betrieben werden. Künftig könnte es eventuell dann auch mit Wasserstoff laufen. So oder so könnte laut KMW aber auf die andernorts üblichen Dieselgeneratoren verzichtet werden. Die Hoffnung, dass man auf der Ingelheimer Aue fortan verstärkt auf Wasserstoff setzen kann, ist eher geschwunden. Laut Betreiber fehle es an einem klaren Bekenntnis der Politik zu der Technik, die von Kritikern noch immer als zu teuer bewertet wird.
Stattdessen darf in Mainz aber ein Kraftwerk aus den späten Siebzigerjahren weiter produzieren, das als eiserne Reserve vorgehalten werden muss, weil es die Bundesnetzagentur für systemrelevant hält. Perspektivisch wäre das bislang noch durch den Kombiblock belegte Grundstück eine Option für die Zukunft. Falls der kommunale und regionale Energieerzeuger, der nicht nur klassische Kraftwerke im Portfolio hat, sondern auch auf Wind- und Photovoltaikprojekte setzt, mal wieder etwas Neues, Innovatives und möglichst halt auch Vorbildliches in der Pipeline hat.
