Es wurde im Fußball zuletzt über Kinder diskutiert. Weil sich in der vergangenen Woche die Spieler des FC Barcelona und ihr Trainer Hansi Flick ganz fürchterlich über den Schiedsrichter aufgeregt hatten. Im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals zwischen dem FC Barcelona und Atlético Madrid hatte sich ein Madrider Spieler den Ball bei der Ausführung eines Abstoßes mit der Hand zurechtgelegt, obwohl er schon wieder im Spiel war. Der Schiedsrichter schien es zu sehen, pfiff aber nicht. Und Barcelona beschwerte sich bitterlich, dass es keinen Elfmeter gab.
Der Fall hat eine Vorgeschichte: Ein Spiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Arsenal vor zwei Jahren, ebenfalls im Viertelfinale der Champions League, vor allem aber eine Szene mit ganz ähnlichem Ablauf. Der Schiedsrichter pfiff auch damals nicht und raunte den aufgebrachten Bayern später zu, dass er wegen eines solchen „Kinderfehlers“ nicht ein derart wichtiges Spiel entscheiden werde. Das erzürnte die Münchner, weil das Regelwerk nicht zwischen einem „Kinderfehler“ und einem „Erwachsenenfehler“ unterscheidet.
Es gibt gute Gründe, warum man annehmen darf, dass Vinčić anders gehandelt hätte, wenn ihm die weitreichenden Konsequenzen bewusst gewesen wären. Denn so, wie sich der Unparteiische nach Camavingas Verwarnung wegdrehte, liegt ein Verdacht nahe. Der Schiedsrichter hatte nicht auf dem Schirm, dass er dieser Gelben Karte eine Rote würde folgen lassen müssen. Niemand außer ihm weiß zwar, ob er nicht trotzdem so gehandelt hätte. Aber jeder kann sich denken, dass ein Schiedsrichter ungern durch die Sanktion eines relativ geringen Vergehens derart großen Einfluss auf ein Spiel nimmt.
Zeitspiel als Kulturgut
Dabei wäre „Kinderfehler“ in diesem Fall schon deshalb ein falscher Begriff, weil im Fußball schon Kindern beigebracht wird, sich so zu verhalten, wie es Camavinga tat. Weil es als clever gilt, einen Elfmeter zu schinden, einen Platzverweis zu provozieren, das Spiel zu verzögern. Wer im Verein Fußball gespielt hat, lernte, sich bei einem Freistoßpfiff zuallererst vor den Ball zu stellen, um eine schnelle Ausführung des Gegners zu verhindern. Zeitspiel und Betrug ist Teil der Fußballkultur.
Auch in anderen Sportarten versuchen Athleten, sich durch kleine Regelbrüche einen Vorteil zu verschaffen. Nur werden diese Phänomene oft konsequenter bekämpft. Handballspieler legen den Ball sofort auf den Boden, sobald ein Pfiff ertönt, weil sie wissen, dass sie anderenfalls eine Zeitstrafe riskieren. Beim Hockey weichen sie sofort zurück, weil sie wissen, dass der Freistoß sonst um etliche Meter nach vorne verlegt werden kann.
Im Fußball stehen solche Sanktionen bislang nicht im Regelwerk. Stattdessen fordert man von den Schiedsrichtern das berühmte Fingerspitzengefühl. Wer aber verhindern will, dass „Kinderfehler“ ein wichtiges Spiel in der Champions League entscheiden, der müsste dafür sorgen, dass es darauf gar nicht ankommt. Eine Möglichkeit wäre, Strafen einzuführen, die für die Sanktionierung eines Vergehens angemessener sind als eine Karte oder ein Elfmeter.
