
Nach der Absage des Festwochen-Auftritts von US-Milliardär Peter Thiel wird die Affäre in Österreich publizistisch aufgearbeitet – selbstverständlich kontrovers, aber mit wenig überraschenden Positionierungen. Thiel hätte am 7. Juni im Hotel Intercontinental mit Milo Rau und dem Theologen Wolfgang Palaver unter dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ diskutieren sollen. Die Absage-Entscheidung sei „nach eingehender Reflexion unterschiedlicher Positionen“ getroffen worden, wie die Festspiele am Samstagabend bekannt gegeben hatten.
Dass Thiel überhaupt kommen sollte, war erst am 22. Mai öffentlich geworden; da war das Festival bereits im Gang. Diese Nachnominierung hatte zu Protesten in den sozialen Medien geführt. Zunächst war es am vergangenen Freitag zu einer internen Debatte gekommen. Diskutiert wurde, ob man einem der einflussreichsten und finanziell potentesten Protagonisten der Silicon-Valley-Rechten, der gegen Multilateralismus und freiheitliche Demokratie eintritt, ein Forum bieten dürfe. Dabei sei das Stimmungsbild im „Rat der Republik“, einem Gremium der Festwochen, tendenziell für die Durchführung der Veranstaltung gewesen, teilte das Festival mit. Auch das dreiköpfige Beratungsgremium, bestehend aus der Autorin Natasha Tripney, der Politikwissenschaftlerin Monika Mokre und dem Intendanten der Berliner Festspiele, Matthias Pees, sei für die Durchführung gewesen.
So nicht, schrieb Geoffroy de Lagasnerie
Gleichzeitig habe sich das Festival „einer wachsenden Anzahl kritischer Stimmen und immer zahlreicheren politisch oder ethisch motivierten Absagen von Beteiligten des künstlerischen Programms“ gegenübergesehen. „Diese Absagen schwächen in ihrer Gesamtheit die diesjährigen Festwochen in einem untragbaren Umfang, weshalb sich die Geschäftsführung entschlossen hat, die Debatte mit Peter Thiel abzusagen.“
Unter anderem hatte der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie seine Teilnahme zurückgezogen. Man könne nicht „gegen den Faschismus opponieren sowie über Widerstandsstrategien nachdenken“, schrieb de Lagasnerie auf Instagram, „und gleichzeitig einen seiner aktivsten Verfechter legitimieren oder ihn – schlimmer noch – als einen Intellektuellen darstellen, dessen (groteske, absurde und gefährliche) Ideen wir in einem Konferenzraum gelassen diskutieren und anhören“. Auch die als Vertreterin der Stadt Wien für die Festwochen zuständige Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) hat ihren Unmut öffentlich ungewohnt deutlich geäußert.
Milo Rau sagt, er habe „sich selbst gecancelt“
Am Samstagabend kam dann der Rückzieher. Aus „Verantwortung für das Gesamtprogramm“ habe er sich „leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel“ entschieden, obwohl er diese „extrem spannend“ und „thematisch konsequent“ gefunden hätte, so der Intendant Milo Rau. „Nicht um jeden Preis: Ich nehme die kritischen Stimmen sehr ernst.“ Ein Beharren auf der Veranstaltung stünde im Widerspruch zu seiner Wertschätzung für das künstlerische Programm und aller Beteiligten.
In einem am Sonntagabend online veröffentlichten Gespräch mit der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ sagte Rau, Thiel habe ihm nach seiner schriftlichen Absage geantwortet, er habe sie beinahe erwartet. Am Ende sei die Veranstaltung „ganz klar Festival-gefährdend“ gewesen, so Milo Rau. Als Intendant und Geschäftsführer habe er aber die Festwochen schützen müssen: „Wenn die Kunst nicht mehr stattfinden kann, dann muss ich meine eigenen Ideen zurückstecken, ganz egal, wie richtig ich sie finde.“ Er habe sich als Kurator und Moderator „selbst gecancelt“.
Geistige Verwandtschaft zu Florentina Holzinger?
Grenzen in der Einladungspolitik des dezidiert linken Festivals gebe es sehr wohl – Vertreter der Hamas würden etwa nicht eingeladen. Rau verglich sich mit Florentina Holzinger, der aktuell international stark gefragten österreichischen Perfomancekünstlerin. Auch sie mache „provokative Kunst, aber zugleich ist die auch komplex und gut durchdacht. Ich glaube, die Einladung Thiels war so provokativ, weil wir Komplexes vorhatten.“
Auf die Frage, ob die Absage den Wiener Festwochen geschadet habe, verwies Milo Rau auf das enorme internationale Echo: „Unsere Wahrnehmung und Relevanz hat sich dadurch exponentiell vergrößert.“ In der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ schrieb Almuth Spiegler, die Leiterin des Feuilletons, Thiel könne sich ins Fäustchen lachen: „Besser hätte Milo Rau Thiel gar nicht dienen können.“
Claus Pándi, der Kommentator des österreichischen Boulevardblattes „Kronen Zeitung“, sprach dagegen von einer „mit Billigmut“ geplanten Provokation, der eine „feige“ Ausladung gefolgt sei: „Viel dümmer und jämmerlicher geht es nicht.“ Der Fall spiele abermals der Freiheitlichen Partei in die Hände. Die ließ sich nicht lange bitten: Der FPÖ-Kultursprecher Lukas Brucker sagte, Rau nutze die Festwochen als „Bühne persönlicher Profilierung“. Er forderte „die sofortige Absetzung“ des Intendanten, die Rückforderung aller Fördermittel sowie einen künftigen Förderstopp.
