Wer durch die Religionskundliche Sammlung der Uni Marburg geht, ahnt wahrscheinlich nicht, dass einige der Exponate leben. „Wir haben in der Sammlung Objekte, die eigentlich gar keine Objekte sind“, sagt Vanessa Sampaguita Obermair. Für europäische Betrachter sehen sie zwar wie tote Gegenstände aus, in den Kulturen, aus denen sie stammen, werden die Götter- oder Ahnenfiguren aber als lebendige Wesen verehrt. Obermair hat eine wissenschaftliche Stelle in einem Projekt inne, das Leitlinien für den richtigen Umgang mit sensiblen Objekten in Museen erarbeitet.
Sensible Objekte – das seien Gegenstände, mit denen besonders respektvoll umgegangen werden müsse, sagt Obermair. Die Religionswissenschaftliche Sammlung unterscheide mehrere Arten von solchen Objekten. Das könnten menschliche Überreste sein oder Exponate, die im „Kontext ungleicher Machtverhältnisse“ den Besitzer gewechselt hätten – wie NS-Raubkunst, Gegenstände aus der Kolonialzeit oder aus Missionarsreisen. Auch könnten Objekte sensibel sein, wenn deren Herkunft oder die Umstände der Herstellung nicht bekannt seien oder sie bei der Aufnahme in eine Sammlung mit einem abwertenden Begriff belegt worden seien, beispielsweise „Götzen-“ oder „Fetischfiguren“. Für die Religionskundliche Sammlung seien vor allem religiöse Objekte wichtig, denen in der Herkunftskultur eine bestimmte Macht zugeschrieben werde, etwa weil geglaubt werde, dass in ihnen ein Wesen lebe.
Wie sollte man Objekten mit unklarer Herkunft umgehen?
Im Umgang mit solchen Gegenständen orientiere sich die Sammlung an bereits existierenden Empfehlungen, sagt Obermair. „Besonders wichtig ist die Provenienzforschung.“ Wenn die Umstände des Besitzerwechsels nicht geklärt seien, helfe sie, die Herkunftsgeschichte zu rekonstruieren und ehemalige Besitzer oder deren Nachfahren ausfindig zu machen. Angestrebt werde eine Kooperation mit der Herkunftsgemeinschaft, wodurch ein respektvoller Umgang mit den Objekten gefunden werden könne.

Von Außenstehenden würden Museen oft mit der Forderung konfrontiert, die Objekte zurückzugeben, sagt Obermair. So einfach sei das aber nicht. Oft könne die Provenienz nicht geklärt werden, die Herkunftsgemeinschaft gebe es nicht mehr, oder sie nutze ein Objekt nicht mehr und sei selbst unsicher, wie damit umzugehen sei. Oft gebe es auch nicht eine klare Herkunftsgemeinschaft, sondern zersplitterte Interessengruppen oder einzelne Personen, deren Vorstellungen von einem angemessenen Umgang stark auseinandergehen könnten.
Wie schwierig in solchen Fällen eine Lösung sein kann, zeigt Obermair an zwei Bulul-Figuren, die sie selbst aus ihren Forschungsaufenthalten auf den Philippinen in die Sammlung gebracht hat. Bulul-Figuren sind aus Holz geschnitzte Skulpturen, die von der ifugaosprachigen Bevölkerung der philippinischen Berggebiete verwendet werden. Sie sollen für eine reiche Reisernte sorgen und vor Krankheiten schützen. In Ritualen werden Bulul-Wesen in die Figuren hineinbeschworen, die sie lebendig machen sollen. Werden diese Wesen nicht wieder rituell verabschiedet, bleiben sie nach manchen Glaubensvorstellungen in den Figuren. Das könne diese zu sensiblen Objekten machen, erklärt Obermair.
Manche Objekte dürfen nicht fotografiert werden
Wie mit ihnen richtig umzugehen sei, müsse jedoch im Einzelfall entschieden werden, denn es komme immer auf die Herkunft und den Kontext an. In der Religionskundlichen Sammlung befinden sich mehrere Bulul-Figuren, und nicht alle sind gleich sensibel. Eine der Figuren hat Obermair von einem indigenen Künstler erworben. Diese Figur sei für sie kein sensibles Objekt – sie sei nie in einem rituellen Kontext verwendet worden, und die Herkunft sei eindeutig. Eine zweite Bulul-Figur wurde Obermair von einer Familie geschenkt. Es sei ein Erbstück, das die Familie viele Jahrzehnte lang in Besitz gehabt habe und das in Ritualen verwendet worden sei. Bei dieser Figur werde stärker auf einen vorsichtigen Umgang geachtet.
Bulul-Figuren lassen sich heute in vielen Sammlungen auf der ganzen Welt finden. Nicht immer ist die Herkunft so eindeutig geklärt wie bei jenen in der Religionskundlichen Sammlung. Wie mit Objekten umgegangen werden solle, die in ihren Herkunftskulturen als lebendig angesehen würden, darüber herrsche keine Einigkeit, sagt die Forscherin. Die ifugaosprachige Bevölkerung sei im 20. Jahrhundert durch US-amerikanische Missionare größtenteils zum Christentum bekehrt worden; Bulul-Figuren würden nur noch selten zu rituellen Zwecken verwendet. „Wenn ich mit den Menschen vor Ort spreche, dann sind sie oft überrascht davon, dass sich jemand für die Figuren interessiert“, sagt Obermair. Es gebe innerhalb der Bevölkerungsgruppe niemanden, der mit deutschen Sammlungen in Kontakt sei und vorgebe, wie mit Bulul-Figuren umzugehen sei. Museen bemühten sich deshalb, im Austausch mit der lokalen Bevölkerung und philippinischen Wissenschaftlern einen Umgang zu finden, der angemessen erscheine.
„Sensibilität ist etwas Graduelles“, sagt Obermair. Mit den Bulul-Figuren in der Religionskundlichen Sammlung werde respektvoll umgegangen, aber sie seien für Interessierte zugänglich und digitalisiert im Internet auffindbar. Das gilt nicht für alle Objekte: In der Sammlung befinden sich auch besonders heikle Gegenstände wie Raubkunst oder Objekte aus menschlichen Überresten, etwa verzierte Schädel, bei denen die Umstände der Herstellung und des Besitzerwechsels nicht geklärt seien. Solche Objekte würden nur zu Forschungszwecken oder im Rahmen von gesonderten Führungen zugänglich gemacht. Sie sind ebenfalls digitalisiert, im Internet findet man jedoch nur eine Beschreibung ohne Bilder.
Respektvoller Umgang mit den Objekten
Es gebe keine endgültig richtige Antwort darauf, wie man mit solchen Objekten umgehen solle, sagt Obermair. Manche Gegenstände würden nur zu Forschungszwecken oder im Rahmen von Führungen zugänglich gemacht, bei denen die Herkunft und die Bedeutung erklärt würden. Sie dürften nicht fotografiert werden und würden gesondert gelagert. Ein verzierter Schädel aus kolonialem Kontext werde in einem eigenen Glaskasten in einem abschließbaren Schrank aufbewahrt. So sei er von anderen Objekten getrennt.
Ein respektvoller Umgang könne auch darin bestehen, Objekte angemessen zu benennen, so Obermair. Ein aus einem Kürbis hergestelltes Gefäß aus der Kolonialzeit sei bei der Aufnahme in die Sammlung etwa als „Zaubergefäß“ bezeichnet worden. Weil das Gefäß vermutlich für den Transport von Medizin verwendet worden sei, habe man den Namen in „Medizinobjekt“ geändert.
Wenn möglich, werde auf Vorschriften der Herkunftsgemeinschaft geachtet, sagt Obermair. Es könne jedoch nicht auf jedes Tabu Rücksicht genommen werden. So gebe es in der Sammlung Objekte, die eigentlich nicht von Frauen angeschaut werden sollen. Weil aber in der Sammlung hauptsächlich Frauen arbeiteten, sei es schlicht nicht möglich, dieses Gebot zu respektieren.
Die Sammlung
Die Religionskundliche Sammlung der Universität Marburg ist an das religionswissenschaftliche Institut angegliedert. Gegründet wurde sie 1927 von Rudolf Otto, einem der Begründer der Religionswissenschaft. Von seinen Forschungsreisen nach Asien brachte Otto Anschauungsobjekte oder Gipsabgüsse mit, die einen großen Teil der Sammlung ausmachen. Auch heute kommen regelmäßig neue Objekte hinzu. Inzwischen befinden sich rund 11.000 Objekte aus der ganzen Welt in der Sammlung, 1000 davon sind in den Ausstellungsräumen zu sehen. Wegen der Forschungsschwerpunkte von Institutsleiterin Edith Franke und Kuratorin Susanne Rodemeier hat die Ausstellung einen Fokus auf Objekte aus Indonesien und Ozeanien erhalten. Die Sammlung ist für Besucher zu bestimmten Gelegenheiten oder nach Anmeldung von montags bis freitags geöffnet. Auch Gruppen sind willkommen. Termine können per E-Mail an relsamm@uni-marburg.de oder telefonisch unter 06421/28-22480 vereinbart werden.
