In einer drückend heißen Augustnacht drängten sich auf der chinesischen Insel Hainan Tausende Menschen an den Stränden rund um das Raumfahrtzentrum Wenchang. Die Handys waren gezückt, alle warteten auf das Spektakel.
Kurz nach 20 Uhr hob eine Rakete des Typs Langer Marsch 7A ab. Die Menge jubelte, als ihr Aufstieg den Nachthimmel erhellte.
Wenig später verwandelte sich die unbemannte Rakete mitten in der Luft in einen Feuerball. Chinesische Staatsmedien bestätigten die unerwartete Explosion erst einige Stunden später.
Viele Zuschauer schienen nicht zu bemerken, was wirklich geschehen war, und das Feuerspektakel versetzte die Menschen am Strand stattdessen in einen Begeisterungsrausch.



Raketenstarts werden zunehmend zu Schaufenstern für Chinas Raumfahrtambitionen und zu Urlaubserlebnissen. Das gilt auch dann, wenn die Missionen nicht immer nach Plan verlaufen.
Zu den Zuschauern gehörte auch Fu Jinhua, ein 38 Jahre alter Tourist aus der südchinesischen Provinz Guangdong, der auch seinen Papagei Yangzai mitgebracht hatte.
„Guangdong ist subtropisch und dort, wo wir herkommen, ziemlich feucht. Deshalb dachte ich, ich lasse ihn die Atmosphäre aufnehmen und ebenfalls die Rakete anschauen“, sagte er.





Fu sagte, er erwarte, dass gewöhnliche Chinesen innerhalb der nächsten 20 Jahre zum Vergnügen ins All fliegen könnten, so selbstverständlich, wie sie heute einen Hochgeschwindigkeitszug oder ein Flugzeug nähmen.
„Unsere früheren Generationen hätten sich niemals vorstellen können, hier zu sitzen, die Meeresbrise zu genießen und den Raketenstart unseres eigenen Landes zu beobachten“, sagte Fu Jinhua.
„Vielleicht haben wir in zehn oder 20 Jahren unsere eigene Version von Elon Musk. Vielleicht können wir dann sogar zum Mars umsiedeln. Wer weiß?“, sagte er.
Einst fanden Chinas Raketenstarts streng abgeschirmt in abgelegenen Wüsten statt. Inzwischen können sie zunehmend öffentlich verfolgt werden. Die Ambitionen des Landes wachsen, während es sich in einem Wettlauf mit den Vereinigten Staaten befindet. Zu den Plänen gehören eine bemannte Mondlandung bis 2030 und anschließend eine bemannte Mission zum Mars.
Seit dem Start seiner ersten Rakete im Jahr 1960 hat Chinas Raumfahrtprogramm eine Reihe von Meilensteinen erreicht. 2003 gelang der erste bemannte Raumflug, 2008 der erste Weltraumspaziergang. 2022 war die Raumstation des Landes fertiggestellt. Das chinesische Mondprogramm brachte zudem die erste Landung auf der Mondrückseite und den ersten Rücktransport von Bodenproben von dort zustande.
Diese Erfolge dringen immer wieder in das öffentliche Leben, sie werden in Filmen nacherzählt, in Museumsausstellungen präsentiert und in fotogene Attraktionen für Instagram verwandelt.
Der Weltraum ist zu einem gemeinsamen kulturellen Erlebnis geworden. Tourismus, Kunst und kommerzielle Marken spielen dabei gleichermaßen eine Rolle.





Schwarzes Vulkangestein als Marskulisse
Wie weit diese Entwicklung reicht, zeigt der Geologische Vulkanpark Wulanhada in der nördlichen Region Innere Mongolei. Die schwarzen Vulkangesteinsformationen dienen dort als Nachbildung des Mars.
Besucher mieten weiße oder rosafarbene Raumanzüge und posieren vor der kargen Landschaft. Verkäufer bieten Eiscreme mit Astronautenmotiven und Erdbeergeschmack an.
Tumuse, die 50 Jahre alte Besitzerin eines Verleihgeschäfts, sagte, sie habe einst 80 bis 100 Yuan, umgerechnet 10,30 bis 12,88 Euro, für einen Raumanzug verlangt. Inzwischen seien die Preise auf bis zu 20 Yuan gefallen, weil immer mehr Anbieter auf den Markt drängten.
Tumuse war früher Schafhirtin. Sie eröffnete ihr Geschäft 2022, nachdem Fotos von Studenten viral gegangen waren, die in Raumanzügen vor einem Vulkan im Park posiert hatten.









Im Pekinger Künstlerbezirk Songzhuang zieht ein überwuchertes Grundstück Passanten an, die dort Fotos machen. Der Grund ist die riesige Skulptur einer schlafenden Astronautin. Das außerirdisch anmutende Werk trägt den Titel „Resonance“.
Die Figur ist die Hauptperson eines Romans der 33 Jahre alten Designerin und Science-Fiction-Autorin Yang Wanting. Die Figur Chen Zilan soll in 100 Jahren eine Reise durch das Universum antreten. „Jeder Mensch ist sehr neugierig auf den Weltraum und darauf, was im Universum existieren könnte“, sagte Yang, während sie neben der Skulptur stand.

Eine Skulptur namens Space Molly
Yang sagte, ihre früheste Erinnerung an den Weltraum stamme aus dem Jahr 2003. Damals sah sie im Fernsehen, wie Yang Liwei als erster chinesischer Astronaut ins All flog. Ihr Großvater, der sonst meist nur mit ihr über Essen sprach oder scherzte, forderte sie plötzlich auf, gemeinsam mit ihm die Fernsehübertragung anzusehen.
„Es fühlte sich an, als wären alle anderen Aktivitäten abgesagt worden“, sagte Yang. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Großvater mit auf die Hüften gestützten Händen gebannt auf den Bildschirm starrte. Seine Augen seien vor Aufregung nicht vom Geschehen gewichen.
„Die Erinnerung ist mir so lebhaft geblieben, weil ich dabei die Liebe und Fürsorge meines Großvaters gespürt habe. Ich glaube, dass die Dinge, an die wir uns erinnern, und die Eindrücke, die bestimmte Ereignisse bei uns hinterlassen, am Ende zu den Menschen zurückführen“, sagte Yang.
In ganz Peking, bis in den Westen, wird das Weltraumthema kommerziell und niedlich.
Im Shougang-Park, einem ehemaligen Stahlwerk, das in einen Kulturpark umgewandelt wurde, ragt eine riesige Space-Molly-Skulptur der Spielzeugfirma Pop Mart über die Besucher hinweg. Die Puppe trägt einen Astronautenhelm und ist eine beliebter Foto-Spot für die Besucher.


Für viele Menschen in China ist der Weltraum längst nicht mehr nur etwas, dem sie in offiziellen Fernsehübertragungen oder Science-Fiction-Filmen begegnen. Sie erleben ihn am Strand, in der öffentlichen Kunst und sogar an einem Eiswagen.
„Unsere früheren Generationen hätten sich niemals vorstellen können, hier zu sitzen, die Meeresbrise zu genießen und den Raketenstart unseres eigenen Landes zu beobachten“, sagte Fu am Strand von Hainan.
„Ich glaube wirklich daran, dass diese Zukunft nicht nur ein Traum ist.“
