Freitag, 17. Oktober 2025, Frankfurt. Buchmesse Halle 3.1, kurz vor halb drei, am Stand der „Süddeutschen Zeitung“, G 12, Christiane Lutz befragt einen mir nicht bekannten Autor auf Englisch über ein Buch mit einem mir nicht bekannten Titel, es sind nicht sehr viele Leute da, der Autor hängt bisschen schlaff in seinem grauen Plastiksessel, aber was er sagt, klingt so durchdacht und unspektakulär zutreffend, dass ich mich wundere: Wer ist denn das?
David Szalay, aha, Blick in den Flyer, sein Roman heißt „Was nicht gesagt werden kann“, unverstehbarer Titel, innerlich sofort gelöscht von der poetisiert gespreizten, widersinnig zurückstoßenden Verneinung, da steht auch das Buch auf dem Tischchen vor den Redenden, der Umschlag passt zum Kitsch-Titel, welcher Verlag? Claassen, unter Ullstein, unter Bonnier, muss ich mal nachschauen, wer da die Bücher verantwortet, die Übersetzungen, an dem wunderschön renovierten Verlagsgebäude von Ullstein fahre ich ja jeden Tag morgens und abends vorbei.
Sympathisch trotz der Ressentimentintellektualität
Später kommt raus, und zwar im November, bei der Verleihung des Booker Preises an David Szalay, dass das Buch in echt FLESH heißt, maximal gegensätzlich zum Deutschtitel, maximal attraktiv. Und ich erinnere mich an seinen Auftritt auf der Buchmesse und schaue in meinem Notizbuch nach, was er im Gespräch mit Christiane Lutz gesagt hat. „The book explores the idea of loneliness. People read to be entertained, it can’t be boring, what is interesting is always a sense oth TRUTH. It is important to be honest about the real experience.“

Das muss ich mir kaufen, dachte ich, das klingt gut. Und stellte später bei der Lektüre fest: Stimmt alles, ein echter ROMAN, Porträt eines ganzen Lebens, ein packendes, schnelles, fundamental ernstes und deepes Buch, ein unglaublich toller Autor.
Kurz davor derselbe Impuls, genau hier, am SZ-Stand, Jens-Christian Rabe spricht im allergrößten Trubel mit Harald Welzer über dessen neues Buch „Das Haus der Gefühle“. Und zu meinem Erstaunen ist das, was der Autor sagt und wie er es sagt, trotz der Ressentimentintellektualität, die er dabei immer mit anklingen lässt, mir insgesamt so sympathisch, aufbruchsgestimmt, dass ich auch hier beschließe, das Buch, das „Haus der Gefühle“, zu kaufen.
Genauso bei Nelio Biedermann, „Lazar“, genauso bei Daniel Donskoy, „Brennen“, bei Dorothee Elmiger, „Die Holländerinnen“, bei Michael Krüger, „Unter Dichtern“, sogar bei Lea Ypi, „Aufrecht“. Am FAZ-Stand spricht Patrick Bahners mit Götz Aly, bei der ZEIT Marlene Knobloch mit Leif Randt, gleichzeitig, man kann vom ZEIT-Stand durch die Buchmessen-Passanten hindurch zum FAZ-Stand hinüberschauen, spricht Julia Encke dort mit Sandra Richter, ich springe hinüber, Rilke, „die Rose als Deutungsfigur“, Flashs von Herzlichkeit zucken auf und verbinden Blicke, Gesichter, Menschen. Dann sitze ich mit Kai Uwe Peters und seiner Frau auf einem Hocker und erkläre den beiden kurz mein „aura“-Projekt.
Es ist der immens prägnante Effekt des Formats „Journalist befragt Autor“, dass man das Buch so sehen kann, wie es gedacht ist, vom Autor selber gemeint; weil der Vorschuss an Sympathie, den der Journalist ins Gespräch mitbringen muss, damit etwas Interessantes dabei herauskommen kann, sich auf das Publikum überträgt, wodurch man als Zuschauer den Autor auch mit einer initialen Erstsympathie sehen kann. Das hilft gegen die überstarke, wortbedingte Grundskepsis gegen jeden Text, gegen jedes neue Buch.
Das Basalfaszinosum Buchmesse, Körper begegnen Körper, IN ECHT, wird dabei ausgebeutet für Erkenntnis, man gewinnt Zugang zu Werken, die einem sonst verschlossen bleiben würden. Bei früheren Buchmessen hatte ich mich frei von Stand zu Stand treiben lassen, wie es der Zufall ergab, mit Bekannten, Feinden, Freunden gesprochen, mal ganz kurz, mal gemeinsam irgendein bestimmtes Event angesteuert, niemandem und nichts verpflichtet, fand diese Planlosigkeit, im „loslabern“-Buch gefeiert, das Allerschönste.

Diesmal, meine erste Buchmesse seit 2012, wo ich den Bash in „Johann Holtrop“-Euphorie erlebt hatte, war die Idee ganz simpel: Mittwochabend zum Kritiker-Empfang von Suhrkamp zu gehen, davor auf der Messe Leif Randt zu treffen, der mir einen Speicherstick der Endfassung unseres „Wetter“-Interviews übergeben wollte, mir dann am Donnerstag und Freitagvormittag möglichst viele Autoren in den Gesprächen mit den Redakteuren der großen Zeitungen anzuschauen, und abends oder nachts meine täglichen „aura“-Bilder von Frankfurt aus auf Instagram zu posten, Buchmessenbilder.
Schade, schlecht, falsch!
In den Printausgaben von SZ, FAZ und ZEIT hatte ich, noch zuhause, die Anzeigen gesehen, wer wann im Gespräch wo mit wem auftritt, das hatte mich gepackt, das ist doch mein Thema, mein ewiges Interesse: Journalismus und Literatur, wie kollidiert das Schreiben im journalistischen Auftrag mit den in eigenem Auftrag geschriebenen literarischen Büchern, was wird daraus im öffentlichen Gespräch.
Die Sensation daran ist für mich auch deshalb so groß, weil ich mein Schreiberleben normalerweise wenig ausgehfreudig führe, das Soziale im Kunstweltkontext stattfindet, und ich dieses Fehlen der Gespräche mit Journalisten, aus Konzentrationsgründen nötig, anfallsweise falsch finde, ein Defizit meiner Lebensführung. Programmatischer Ausnahmezustand also für gut eineinhalb Tage, totale Konzentration auf Verwirrung, Verwirrtwerden, Rausch des Ja.
Jetzt müssten hier alle möglichen Namen von Aktivisten des literarischen Betriebs kommen und die Gespräche verherrlicht werden, die ich mit diesen Leuten geführt habe, denn so hat es sich beim Suhrkamp-Abend im Holzhausen-Schlößchen an diesem Mittwoch ereignet und angefühlt. Aber den kritischen Einwänden gegen meine Feier der „Sozialen Energie“, wie ich sie im Kontext des Wissenschaftskollegs zu Berlin vor drei Jahren abgeliefert habe, habe ich entnommen, dass diese Art von Begeisterung, auch noch von WILLE zur Begeisterung, auf Leute, die nicht dabei waren, abstoßend elitär wirkt, insiderhaft, mitläuferisch unschön. Schade, schlecht, falsch!
Man wird ein bisschen weniger giftig
Also anders, zurück in die Stille, zurück zum Lesen, zu der jedem zugänglichen Erfahrung; denn ich hatte auf den beiden Zugfahrten, zuerst nach Frankfurt, dann zurück nach Berlin, die ganze Zeit über nichts anderes als den Roman „Die Prozesse“ von Marius Goldhorn gelesen, komplett versunken in dessen Welt, ein erschütternd neuartiges, ultraplausibles Erzählen, der Aufstand der Ästhetik gegen die reale Welt, Literatur in reinster Konzentratform, revolutionär, tatsächlich unbelievable. Wie war ich eigentlich darauf gekommen, das zu lesen? Mein Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe hatte mir von einem sensationellen Vortrag des Autors in Berlin erzählt, mir das Buch, wie es so schön heißt, dringend ans Herz gelegt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Im „London Review of Books“ war eine Besprechung, nochmal zurück zu den gedruckten Hinweisen, von Thomas Nagel, dem fast schon uralten Altgranden der ethischen Philosophie, über ein Buch eines T.M. Scanlon, „Morality and Responsibility“, der ich den Hinweis auf dessen Hauptwerk entnahm. Und weil das alles, nach inneren Jahrhunderten der Ablehnung jeder philosophischen Bemühung um ethische Fragen, die von Luhmann her gekommen war, plötzlich so anziehend für mich klang, kaufte ich mir dieses Hauptwerk, „What We Owe to Each Other“, und lese es jetzt.
Was schulden wir uns gegenseitig denn? Eigentlich genau das, was man im Moment des Kontakts, wie auf der Buchmesse dauernd höchst verdichtet, mit dem Mitmensch erlebt, ganz simpel: Vernunft, Freundlichkeit, Respekt. Die Intuitionen, die man deutlich fühlt, wie man die anderen gern behandeln möchte, in ihren GRÜNDEN zu verstehen, ermöglicht es einem, in Distanz zu diesen Selbstansprüchen zu treten; mit dem besonders angenehmen Effekt, dass man von der Reziprozitätserwartung den anderen gegenüber dadurch frei wird. Nein, es muss gar nicht jeder andere sich genau um das bemühen, worum man sich selbst bemüht, aus höchst individuell naturellmäßig gegebenem Zwang heraus bemühen muss. Das setzt die anderen frei. Man wird dadurch ein bisschen weniger giftig, weniger vergiftet von den eigenen Bemühungen um Nichtschlechtigkeit, aus Hass, Zerstörungslust, um Güte manchmal vielleicht sogar.
Die anderen in Ruhe lassen, das ist in Zeiten der grell herausgebrüllten Befehle, was richtig, was falsch ist, was geschehen sollte und sich sofort ändern muss, ein irgendwie mildes, menschenfreundliches, aber vielleicht nicht so extrem falsches Programm. Denke ich aktuell, in meiner Freude, der Stille des Schreibtischs, mit Scanlon, für mich.
„Lapidarium“: Von den WORTEN geleitet durch die Welt gehen.
Rainald Goetz ist Autor der Bücher „Irre“, „Krieg“, „Kontrolliert“, „Festung“ und „Heute Morgen“. Sein Bericht „loslabern“ spielt auf der Buchmesse 2008. Zum Abschluss des Buchs „Schlucht“ erschien im Frühjahr 2024 das Buch „Lapidarium“ mit den drei Theaterstücken „Reich des Todes“, „Baracke“ und „Lapidarium“ sowie der Band „wrong“ (Suhrkamp).
