Es droht eine Massenkarambolage. Bremsen quietschen, Fahrräder kommen ins Schlingern, bei unserem Rad springt die Kette ab, wir hören „Godverdomme“-Flüche. Schuld an dem Schlamassel ist eine Herde Schaf, die seelenruhig den Radweg kreuzt, um sich an den Seitenstreifen mit Gras und Kräutern vollzustopfen. Die Rufe ihres entnervten Schäfers scheinen sie zu ignorieren. Wir sind unterwegs im Naturreservat Het Zwin an der Nordseeküste des belgischen Flanderns und pedalieren entlang von Dünen, Schlickböden, Watt- und Salzwiesen, in denen Strandkohl, Meerfenchel und Gelber Hornmohn gedeihen. In Prielen stochern Seidenreiher, Säbelschnäbler und Alpenstrandläufer nach Krebsen und Würmern. Von Nistmasten blicken Störche erhaben auf Radler und Wanderer herab. Das 160 Hektar große Naturschutzgebiet, das sich bis jenseits der Grenze auf niederländisches Gebiet ausweitet, ist ein Paradies für Zugvögel, die hier rasten und brüten, und ein einzigartiges Biotop mit seltenen Salzwasserpflanzen.
Die Schafe, denen wir unsere Notbremsung zu verdanken haben, sind die vierbeinigen Landschaftsgärtner dieses Habitats. Sie tragen zur Beweidung und Stabilisierung der Deiche bei, indem sie die Grasnarbe abknabbern und kurzhalten. Durch sanftes Festtrampeln verdichten sie den Boden und verhindern, dass die Deiche löchrig und unterspült werden. Wir jedoch brauchen nun Unterstützung, um unsere abgesprungene Fahrradkette wieder aufzulegen. Und da gefühlt in jedem Flamen ein Eddy Merckx steckt, finden wir sofort einen kundigen Radfahrer, der tatkräftig mit anpackt.
Der Glücksfall der urgewaltigen Sturmflut
Unsere Hände sind nach vollbrachter Aktion pechschwarz vom Schmieröl, wir richten ein erleichtertes „Hartelijk Dank!“ an unseren Helfer und schwingen uns wieder in den Sattel. Denn wir sind erst am Anfang unserer Tagestour, die uns 60 Kilometer weit vom Naturreservat Het Zwin bei Knokke-Heist bis nach Brügge und zurück führen wird. Der ausgeschilderte Radparcours nennt sich „Verdwenen Zwinhavens“, verschwundene Zwinhäfen, und lässt uns unterwegs eine der prägendsten Epochen Flanderns entdecken.
Im Jahre 1134 tobte eine urgewaltige Sturmflut, die eine Bresche bis ins Hinterland schlug. Über diese Gezeitenrinne, auf den Namen Zwin getauft, war es plötzlich möglich, die Küste direkt mit dem mittelalterlichen Brügge zu verbinden, was dessen Aufstieg zum sagenhaft reichen „Venedig des Nordens“ und zu einer der führenden Handelsstädte Europas ermöglichte. Über ein filigranes Netz von Vorhäfen, Kanälen und Treidelpfaden wurden Waren aus der ganzen Welt umgeschlagen. Doch vom 14. Jahrhundert an versandete dieser „goldene Wasserweg“, Schwemmboden verstopfte die Kanäle. Die Schiffe konnten nicht mehr passieren, Brügge verlor seine Handelsmacht an Antwerpen, und in seinen vorgelagerten Außenhäfen machte sich gespenstische Stille breit.

Wir verlassen das Naturschutzgebiet und folgen den Spuren des versunkenen Zwins bis ins Hinterland. In Het Zoute, dem mondänen Viertel des Badeortes Knokke-Heist, verschanzen sich Villen im anglo-normannischen Cottage-Stil hinter hohen Hecken und dichten Pinienbäumen. Uns kommen Golfwagen und schnittige Cabrios entgegen. Es riecht nach Meer und ein bisschen nach schweren Uhren und dicken Bankkonten. Wir sind froh, als wir diese herausgeputzte Wohlstandsenklave verlassen und uns in einer ländlichen Polderlandschaft mit weidenden Kühen und weiß gekalkten Gehöften voller farbiger Holzfensterläden wiederfinden.
Keiner hat dieses „flache Land“ so melancholisch besungen wie Jacques Brel, sein Land, in dem die Glockentürme der Kirchen und die Flügel der Windmühlen die einzigen nennenswerten Erhebungen sind, und die knorrigen Weiden, die entlang schnurgerader Kanäle mit ihren verdrehten Stämmen Spalier stehen. Wir kommen in Hoeke an und können es kaum fassen, dass dieses verträumte Puppenstubendorf, das nicht einmal 100 Einwohner zählt, einmal einer der bedeutendsten Vorhäfen von Brügge war – fest in der Hand der Hanse, die hier einst Lagerschuppen, Schiffswerft, Zollstation und Waage unterhielt. Vor allem Kaufleute aus Köln, die fein verarbeitetes flandrisches Tuch exportierten und süßen Rheinwein ins Land brachten, hatten sich in Hoeke angesiedelt.
Safran aus Persien, Mandeln aus Nordafrika
In Hoeke erinnert wenigstens noch die kleine Sint-Jacob-Kirche, die vom Kaufmann Hendrik von Koesveld aus der Hansestadt Coesfeld in Westfalen gestiftet wurde, an die glorreichen Zeiten der Zwinhäfen. Vom benachbarten Monnikerede hingegen ist nicht ein einziger Ziegelstein übrig geblieben. Trotzdem können wir uns einen guten Eindruck verschaffen, wie geschäftig es früher dort zugegangen sein muss – dank einer Virtual-Reality-Brille, die uns an einer Informationsstation auf eine Zeitreise schickt. Wir sehen Monnikerede, so wie es sich Anfang des 15. Jahrhunderts in all seiner Pracht präsentierte. Im Hafen vor dem Rathaus liegen stolze Fregatten und Koggen vor Anker, es werden Fässer mit gesalzenen Heringen aus der Ostsee, Safran aus Persien und Mandeln aus Nordafrika, Kisten mit Wandteppichen aus Frankreich, Glaskunst aus Konstantinopel und Ledertapeten aus Córdoba ausgeladen und umgeschifft. Doch nach einigen Minuten immersiver 3D-Projektion ist unsere Zeitreise wie ein Spuk leider vorbei, und wir blicken etwas enttäuscht wieder auf verwaiste Polder.
Wir durchqueren Oostkerke, dessen wuchtige, festungsartige Kirche nach der Versandung des Zwins mit nun nicht mehr benötigten Ballaststeinen der Hanse-Schiffe gebaut worden war. Bald kommen wir nach Damme, einst der wichtigste und florierendste Außenhafen. Die Güter wurden hier auf wendige Barken umgeladen, die dann zur heute verschwundenen Wasserhalle in Brügge fuhren. Dort lud man sie mithilfe eines gigantischen Tretkrans ab, der von schuftenden Arbeitern wie ein Hamsterrad angetrieben wurde. Da der natürliche Handelsarm des Zwins in Damme schon zu schmal geworden war, hatte man einen sechs Kilometer langen Kanal nach Brügge gegraben, der 1810 unter Napoleon ausgebaut wurde und heute noch seinen Namen trägt.

Am Radweg, der den Kanal und seine himmelwärts strebenden Pappelreihen auf der ganzen Länge begleitet, lächelt uns eine schelmische und krausköpfige Bronzeskulptur an, die einen Spiegel in der Hand hält und von drei Eulen begleitet wird. Es ist Tijl Uilenspiegel, das flämische Pendant des deutschen Eulenspiegels, der 1867 vom belgischen Schriftsteller Charles de Coster erschaffen wurde. Der Literat machte aus dem Possentreiber, dessen Geburtsort er in Damme ansiedelte, einen heldenhaften, flämischen Revolutionär gegen die Tyrannei der Spanier, des Infanten Philipp und des berüchtigten Blutherzogs Alba. In Damme ehrt man nicht nur Uilenspiegel mit Denkmälern und einem Museum, sondern auch seinen gutmütigen, aber tollpatschigen Kompagnon Lamme Goedzak. Nach dem feisten Vielfraß sind Bistros und Restaurants benannt und auch der nostalgische Schaufelraddampfer, der Damme mit Brügge verbindet.
Wir überholen diesen Ausflugskahn, der wie die flämische Variante eines Mississippi-Flussdampfers gemächlich auf dem Kanal gleitet, und nähern uns Brügge. Und wir haben Glück. Denn die Radtrasse führt uns über die Dampoort von Norden in die Stadt. So meiden wir die touristischen Trampelpfade, die von Minnewater und Beginenhof über gepflasterte Gassen voller Souvenirkitsch-, Waffel- und Pralinenläden bis zum Belfried am Markt führen. Das erspart uns Slalomfahrten mit unserem Rad, um hufklappernden Pferdedroschken, Touristen auf Segways und den wogenden Besucherprozessionen auszuweichen, aus denen die Flaggen der Guides und Selfiesticks herausragen.
Flucht vor Totenschädeln und Dämonen
Im Sint-Anna-Viertel ist es dann fast schon paradiesisch still. In verwunschenen Gassen, in denen man sich wunderbar verirren kann und deren gotische Fassaden uns wie steinernes Spitzenklöppelwerk vorkommen, spielen Kinder Fußball und treffen sich unter Heiligenschreinen an den Hauswänden ältere Damen zum Schwatz. In ummauerten Gärten wachsen Efeu und wilder Wein. Schwäne gleiten graziös über die mit Bogenbrücken und hölzernen Klappbrücken überspannten Kanäle und Grachten. In diesem eingeschlummerten Viertel finden wir Reminiszenzen an das Goldene Zeitalter, als in Brügge dank des Zwins das Geld nur so angeschwemmt wurde, die Kaufmannsfamilie Van der Beurze die erste Börse Europas gründete, die Kontore von Kaufleuten aus Burgund, Italien, Spanien, Schottland, Dänemark Seite an Seite standen, steinreiche Händler Meisterwerke der Flämischen Primitiven in Auftrag gaben und pompöse Residenzen, Zunft- und Gildehäuser errichteten.

Einer dieser fürstlichen backsteinernen Herrensitze, der als verstecktes Juwel gilt und für dessen Besuch man nicht Schlange stehen muss, ist die Adornes-Domäne, die im 15. Jahrhundert von der aus Genua stammenden Familie Adornes ins Leben gerufen wurde. Anselm Adornes, gleichzeitig Diplomat am burgundischen Hof, hatte durch den Handel mit Alaunstein, der als Beiz- und Färberrohstoff benutzt wurde, ein solch astronomisches Vermögen angehäuft, dass er sich architektonische Extravaganzen leisten konnte. Nach einer Wallfahrt im Heiligen Land ließ er als Verehrung für Jerusalem auf seinem Anwesen eine prachtvolle Grabeskirche errichten, die von einem minarettförmigen und mit einem orientalischen Halbmond verzierten Turm bewacht wird. In dieser Jerusalemkapelle liegen Anselm Adornes und seine Frau Margareta begraben. Auf uns machen die Totenschädel und Dämonen, die uns vom steinernen Grabdenkmal in der Krypta anstarren, einen arg morbiden Eindruck.
Deswegen entschließen wir uns, diesem Memento mori zu entfliehen, und kehren einige Gassen weiter ins Café Vlissinghe ein, das älteste Gasthaus in Brügge, dessen Ursprung bis 1515 zurückreicht und an dessen Wirtshaustischen nicht nur die Hafenarbeiter und Pferdekutscher gezecht haben, sondern auch Kunstmaler wie Anthony van Dyck und Pieter Paul Rubens. Wir bewegen uns über krachende Holzböden und staunen über das altflämische Interieur mit holzgeschnitztem Mobiliar, schwarzem Marmorkamin, Seefahrtgemälden, alten Kaffeemühlen, Bügeleisen, Delfter Porzellan und ledernen Reitertaschen.
Im zeitentrückten Innenhof sehen wir den Einheimischen beim „Krulbollen“ zu, einer Art flämischem Boule-Spiel, bei dem flache, runde Holzscheiben, die auf einer Seite runder sind als auf der anderen, in Richtung eines Pflocks gerollt werden. Wer es schafft, den „Bol“, die asymmetrische Kugel, am nächsten zum Pflock zu rollen, gewinnt. Um diesem flämischen Volkssport zuzuschauen, installieren wir uns auf der Terrasse neben der Spielbahn und genehmigen uns ein Brugse Zot, das Brügger Traditionsbier, dekoriert mit einem grinsenden „Zot“, einem Narren im Harlekingewand, der aus einem mittelalterlichen Mummenschanz stammt. Dass die Brügger heute noch erfindungsreich sind, wenn es um Geschäftemacherei geht, beweist die Produktion des Brugse Zot. Um zu verhindern, dass weiterhin Lastwagen mühsam durch die enge Altstadt manövrieren mussten, um den Gerstensaft von der Brouwerij De Halve Maan zur außerhalb der Stadt gelegenen Abfüllanlage zu bringen, hat man vor zehn Jahren tief unter dem historischen Pflaster eine mehr als drei Kilometer lange Leitung angelegt, die als erste unterirdische Bierpipeline weltweit gefeiert wurde.
Doch nun genug der bierologischen Kuriositäten, die Rückfahrt ruft. Wir verlassen Brügge wieder über die Dampoort und steuern unserem Ausgangspunkt in Knokke-Heist entgegen – und widerstehen der Versuchung, ins volkstümliche „Siphon“ einzukehren, das idyllisch am Schnittpunkt von gleich drei Kanälen liegt. In diesem urflämischen Polderrestaurant blicken ausgestopfte Wildschweinköpfe und Madonnenstatuen von den Wänden, während Kellner in Kapitänsanzügen Fischspezialitäten wie Kroketten mit Garnelen aus Zeebrügge, Aal grün oder gegrillten Hummer an die Tische mit rot-weißen Karomustern bringen. Unsere Veloroute macht einen kleinen Abstecher in die Niederlande, ins Städtchen Sluis, ebenfalls ein Überbleibsel des versunkenen Zwins, einst ausgestattet mit Schleusen, Wällen und Festungstoren.
Wir legen in einer der unzähligen Tavernen von Sluis eine letzte Pause ein und gönnen uns einige Zeeland-Austern, doch die schallenden Töne des Carillon im Belfried, in dem die jahrhundertealte Holzfigur des Jantje von Sluis jede halbe und volle Stunde die Glocke schlägt, treiben uns zur Eile an. Gleich sind wir wieder auf belgischem Territorium und nähern uns dem Ziel. Wir freuen uns über den Nordseewind, der sich ausnahmsweise nicht launenhaft gebärdet und uns wie bestellt in den Rücken weht. Und herumlaufende Schafe verursachen diesmal auch kein Malheur. Sie liegen satt, selig und wiederkäuend in den Dünen.
