
Felix Engelhardt stand mit glühendem Kopf im Ziel, aus seinem Schnurrbart rannen Sturzbäche an Schweiß. „Am Ende war es nur noch Not gegen Elend“, sagte der neue deutsche Straßenmeister völlig erschöpft und schüttelte nach der Schinderei im Thüringer Glutofen den Kopf: „Da muss man sich wirklich fragen, ob man bei der Hitze wirklich so lange fahren muss.“
Musste man – zu Engelhardts Glück: Denn der 25-Jährige krönte ein grandioses Wochenende mit dem größten Erfolg seiner Karriere. Am Freitag wurde er erstmals in seiner Karriere für die Tour de France nominiert. Und zwei Tage später düpierte er die mit Ausnahme von Topstar Florian Lipowitz komplett angetretene deutsche Elite.
Titelverteidiger auf Platz fünf
„Dass ich jetzt im Meistertrikot die Tour fahren darf, ist ein Traum“, sagte Engelhardt im MDR, als er die Kraft gefunden hatte, sich ausgiebig zu freuen. Und dazu hatte er sechs Tage vor Tourstart in Barcelona allen Grund. Nach einem brutal schweren Rennen über 191 Kilometer mit fast 4000 Höhenmetern siegte der Profi des australischen Teams Jayco-AlUla im Sprint einer Fünfergruppe knapp vor Außenseiter Lennart Jasch (Tudor) und Tour-Starter Nico Denz (Red Bull-Bora-hansgrohe) – trotz Krämpfen in der letzten Runde.
Favorit Nils Politt hatte den Sprint auf der Zielgeraden zu früh angezogen und kam nur auf Platz vier ins Ziel. Der 32 Jahre alte Kölner verpasste damit seinen zweiten Titel nach 2022 und das DM-Double – am Freitag hatte der Tour-Helfer von Superstar Tadej Pogačar den Zeitfahr-Titel gewonnen. Titelverteidiger Georg Zimmermann musste sich mit Platz fünf begnügen.
Frauen-Siegerin Koch mit „Megasprint“
„Der Titel bedeutet mir sehr viel. Als Titelverteidigerin kann man nur verlieren, deswegen war ich sehr froh, dass ich gestern schon im Zeitfahren gewonnen hatte – das hat den Druck von mir genommen“, sagte Koch, der die geschlagene Lippert einen „Megasprint“ attestierte.
Während der große Tour-Hoffnungsträger Lipowitz in der Höhe des Stubaitals noch ein wenig an der Tour-Form feilte und deshalb auf den strapaziösen DM-Start verzichtete, lieferten sich die weiteren deutschen Topprofis trotz der Hitze in Thüringen einen erbitterten Schlagabtausch mit vielen Angriffen.
Kurz vor der letzten Zieldurchfahrt attackierte Lennard Kämna und setzte sich ab, das Finale war eröffnet. Doch auch der Tour-Etappensieger von 2020 kam nicht durch, wurde 20 Kilometer vor dem Ziel gestellt und durchgereicht.
Vor dem Rennen hatte Kämna bei radsport-news bestätigt, dass er nicht für die Tour nominiert wird, die das deutsche Team Lidl-Trek damit ohne deutschen Fahrer bestreitet. Dennoch wird eine starke deutsche Abordnung anreisen – mit einem euphorischen Engelhardt im Meistertrikot.
