Oben angekommen an der Côte de la Redoute fuhr der junge Lehrling an die Seite des großen Meisters. Als wollte er sagen: Hallo, ich bin noch da. Und: Das, was du kannst, kann ich auch. Das beeindruckte Tadej Pogačar, wie er später kundtat. Schließlich hatte der schier Unschlagbare alles dafür getan, um den Jungspund an seinem Hinterrad nicht noch stärker wirken zu lassen als er schon ist. Pogačar haushaltete nicht mit seinen Kräften, stampfte unbarmherzig in die Pedalen den zwar nur 1,6 Kilometer langen, aber tückisch steilen Anstieg in 3:45 Minuten hinauf. 13 Sekunden schneller als bei seinem bisherigen Rekord an der Redoute. Dieser Anstieg 35 Kilometer vor dem Ziel ist seit jeher eine Schlüsselstelle bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, dem letzten großen Klassiker des Frühjahrs, und Pogačars bewährtes Angriffsziel.
Doch der Lehrling parierte die Attacke. Wie heftig diese war, zeigte sich daran, dass die Konkurrenten (inklusive Remco Evenepoel) hoffnungslos distanziert wurden. Wer ist dieser französische Kerl, der etablierte Profis abhängt, es zumindest zeitweise mit dem slowenischen Dominator aufnehmen kann und die Grande Nation seit einer Weile in seinen Bann zieht?
Paul Seixas, ein 19 Jahre alter Jungprofi aus Lyon. Einer, der zu Jahresbeginn in die WorldTour aufrückte und im Nu zu einer Ausnahmeerscheinung aufstieg. Einer, der mit acht Jahren in Bourg-en-Bresse erstmals ein Radrennen gewann, seitdem nicht mehr damit aufgehört hat und in seinen Zwanzigern möglichst im Gelben Trikot auf die Champs-Elysées in Paris einbiegen soll. Einer, der in diesem Jahr die großen Rennen zum ersten Mal fährt. Und sie prägt oder wie entfesselt fahrend gewinnt. Wie die Baskenland-Rundfahrt, bei der er drei Etappensiege und den Gesamterfolg einheimste. Oder am vergangenen Mittwoch, als er an der steilen Mauer von Huy alle Kontrahenten abschüttelte und den Flèche Wallonne gewann.
Der Hype um den Kronprinzen
„Dass jemand mit 19 Jahren schon auf diesem Niveau fährt, motiviert alle anderen noch mehr, sich weiter zu verbessern. Normalerweise ist der Körper physisch erst zwischen 26 und 30 Jahren auf dem Höhepunkt. Deshalb wird es spannend zu sehen, wie er sich noch entwickelt“, sagte der 27 Jahre alte Pogačar am Sonntag und fügte lachend hinzu: „Wir werden auf jeden Fall weiter hart arbeiten und versuchen, auch in den nächsten Jahren so viel wie möglich zu gewinnen, bevor Paul alle zerstört.“ Denn bei alldem Hype, der um Seixas entstanden ist, hat der König seinen vermeintlichen Kronprinzen noch im Griff. Der viermalige Tour-de-France-Sieger kann in sein Lob für den Konkurrenten gefahrlos eine Prise Überschwang streuen: „Ich glaube nicht, dass ich bisher einen stärkeren Fahrer gesehen habe.“
Zwar konnte Seixas die Redoute mit Pogačar überqueren, zwar leistete er danach auch tapfer Führungsarbeit, um die Verfolger auf Distanz zu halten. Doch hat Lüttich-Bastogne-Lüttich, dieses 260 Kilometer lange, durch das ewige Auf und Ab (4400 Höhenmeter) zermürbende Radsport-Monument, eben elf klassifizierte Anstiege. Pogačar benötigte den letzten, die Côte de la Roche-aux-Faucons, um sein Velo ein weiteres Mal gnadenlos zu beschleunigen und den jungen Quälgeist abzuschütteln. Seixas bäumte sich noch einmal im Sattel auf, versuchte die übersäuerten Muskeln zu einer letzten Kraftanstrengung schier überreden zu wollen – dann war er abgehängt. Aber die Phantasie der Fachwelt und Fans ist aufs Neue angefacht, dass dieser Typ das Zeug hat, die ewigen Solotouren von Pogačar eines Tages zu beenden.
Der Frühreife Paul Seixas
Zweiter bei Strade Bianche, eine Minute hinter Pogačar, Zweiter bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, 45 Sekunden hinter Pogačar – bei beiden direkten Duellen bei Eintagesrennen imponierte Seixas. „Ihm einfach nur folgen zu können, ist schon eine Leistung“, sagte Seixas, der von einem „wahnsinnigen Tempo“ sprach, bei dem ihm an den Anstiegen vor Anstrengung schon etwas die Sicht verschwommen sei.
Wenn es nach den französischen Radsportfreunden geht, ist die Sicht klar und frei. Dieser Rennfahrer ist es, der das jahrzehntelange Warten auf einen einheimischen Tour-Sieger beenden soll. Und Seixas wehrt diese hohe Bürde in seiner (noch) unbekümmerten Art nicht ab. „Es ist mein großes Ziel, eines Tages die Tour de France zu gewinnen“, sagt der Teenager, der sich bodenständig gibt und noch bis 2027 bei seinem französischen Team Decathlon – CMA CGM unter Vertrag steht. Längst hat er das Interesse der Teams mit den höchsten Budgets geweckt.
Der Frühreife hat Gaben und ein Repertoire, das jeden Manager mit den Fingern tief in die Geldbörse greifen lässt. Seixas hat mit seinen 1,86 Metern fast perfekte Hebel und ist als Leichtgewicht von nur knapp über 60 Kilogramm prädestiniert für die anspruchsvollen Klettertouren. Weil er zudem ein ausgezeichneter Zeitfahrer ist, bei Eintagesrennen Härte und Resilienz bewies, aufgrund seiner geländegängigen Vergangenheit im Cyclocross eine sehr gute Radbeherrschung hat und es ihm bei Abfahrten oder im Positionskampf nicht an Mut fehlt, bringt er alle Ingredienzien für den perfekten Rundfahrer mit. Vieles spricht dafür, dass Decathlon – CMA CMG seinen Jungstar in diesem Jahr auf die Frankreich-Rundfahrt loslassen wird.
