
Mit starrem Blick, der vielleicht entschlossen wirken sollte, vielleicht einem Teleprompter galt, wandte sich Wladimir Putin an sein Land und seine Gegner. „Das Kiewer Regime hat sich das Ziel gesetzt, unserer Wirtschaft zu schaden“, sagte der russische Herrscher am vergangenen Samstag seinem Staatsfernseh-Leibreporter, Pawel Sarubin, über die ukrainische Regierung. „Es hat selbst diese Büchse der Pandora geöffnet.“
Putin stellte die russischen Schläge gegen ukrainische Städte, Industrieeinrichtungen, Häfen neuerlich als Vergeltung für Drohnenschläge gegen russische Raffinerien und Logistikzentren dar, sprach von einer „Eskalation“ und drohte: „Ihr werdet die Antwort gegen eure empfindlichsten Wirtschaftsbranchen bekommen, die, ehrlich gesagt, ohnehin schon am Rande des Grabes stehen.“
In Wirklichkeit haben die Invasoren schon lange vor der ukrainischen Drohnenkampagne auch die Logistik des überfallenen Landes attackiert. Putin geht es zum einen darum, den Angriffskrieg weiter als Verteidigungsringen zu rechtfertigen. Dies dürfte man im Kreml für gebotener denn je halten, denn der Krieg lässt sich in Russland kaum noch ausblenden wie noch vor Kurzem.
Wegen der Treibstoffknappheit etwa müssen viele Russen auf Benzin zurückgreifen, das den aktuellen Euro-5-Standards nicht entspricht und neuere Motoren schädigen kann. Die F.A.Z. hörte gerade von einem Russen, der vergeblich nach Euro-5-Benzin für seinen 6er-BMW suchte, den Wagen dann anders betankte und ihn alsbald für umgerechnet 7000 Euro reparieren lassen musste. Das ist kein Einzelfall.
Signale auch an Donald Trump
Doch vor allem geht es Putin darum, Signale nach Washington auszusenden, das über den Irankrieg das Interesse am Ukrainekrieg verloren zu haben scheint – zu Moskaus Missfallen. Putin will zeigen, dass er weiter eskalieren, erobern, siegen könne. „Natürlich“ seien „die Aktionen der russischen Armee viel spürbarer und viel zerstörerischer“ als die der Ukrainer, hob er hervor.
Sogenannte Quellen aus seinem Umfeld übernahmen es, indirekt wieder mit einer nuklearen Eskalation zu drohen: Die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Mittwoch unter Berufung auf drei Personen, die „dem Kreml nahe“ stünden, „die sich zuspitzende Eskalationsspirale der Angriffe lässt immer mehr russische Amtsträger zu dem Schluss kommen, dass Putin letztlich den Einsatz taktischer Atomwaffen als letztes Mittel in der Ukraine in Betracht ziehen könnte“.
Solche Botschaften über westliche Medien gibt es regelmäßig. Sie wirken wie Enthüllungen, liegen aber auf der Linie des Kremls. Auch angesichts der Überwachung in dessen Umfeld dürfte es sich vielmehr um genau kalibrierte Botschaften handeln. Sie sollen westliche Ängste nähren und US-Präsident Donald Trump dazu bringen, wieder mehr Druck auf Kiew auszuüben.
Bemerkenswerterweise folgte Putins jüngste Drohung darauf, dass die Ukraine in der Nacht zuvor begonnen hatte, auch Ozon anzugreifen, Russlands zweitgrößte E-Commerce-Plattform. Logistikzentren des Marktführers Wildberries werden schon seit Mitte Juli Ziele solcher Attacken, mittlerweile soll dieser Konzern mehr als 40 Prozent seiner Lagerkapazitäten eingebüßt haben. Der Schaden soll sich der Marke von umgerechnet zehn Milliarden Euro nähern.
Von den Problemen des Wettbewerbers profitierte Ozon zunächst, sodass schon KI-Memes des Leiters der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Browdi, in blauer Mitarbeiterkluft des Konzerns kursierten. Die sind spätestens seit Samstag veraltet, als ein Ozon-Logistikzentrum im Gebiet Samara ausbrannte.
Nawalnyjs Leute verbinden Ozon mit Putin
Nun haben Rechercheure der einst von dem Putin-Gegner Alexej Nawalnyj gegründeten Stiftung zum Kampf gegen Korruption (FBK) Ozon mit Russlands Herrscher verbunden. 34,95 Prozent der Anteile an dem Konzern seien mit Geld von Gennadij Timtschenko erworben worden, berichtete der FBK und zählte Fälle auf, in denen dieser Milliardär und Weggefährte Putins schon früher als dessen „Geldbörse“ fungiert habe.
Konkret geht es um ein Darlehen eines Unternehmens namens „Optima“ über mehr als 51 Milliarden Rubel, mehr als 510 Millionen Euro, an eine Struktur, deren Leiter formal als Ozons wichtigster Investor auftritt. „Optima“ wird laut FBK von Frauen geführt, die aus anderen Unternehmen zur Versorgung von Putin und dessen Umfeld bekannt seien, und erhielt das Geld seinerseits demnach als zinsloses Darlehen von einem Timtschenko-Unternehmen.
Putin klagte gegenüber Sarubin, die ukrainischen Angriffe träfen „zivile, faktisch ungeschützte Objekte“ in Russland. Schon drei Tage zuvor hatte er angekündigt, die durch die Angriffe beschädigten Logistikzentren müssten „unter Beteiligung des Staates“ wieder instand gesetzt werden. Das bezog sich noch auf Wildberries, das seinerseits mit den Kreml-Funktionären Anton Wajno, Alexej Gromow sowie mit dem Unternehmer und Parlamentsoberhausmitglied Sulejman Kerimow verbunden wird.
Bald dürfte aber auch Ozon Hilfe benötigen: Schon sind weitere Lager des Konzerns beschädigt worden, sein Aktienkurs ist eingebrochen. Putin forderte auch, staatliche wie private Unternehmen in die Bemühungen einzubeziehen und die Luftabwehr zu verbessern.
Der Schutz gegen Drohnen ist in Russland Privatsache; das macht auch ein jüngster Erlass Putins klar, dem zufolge der Staat „Objekte kritischer Infrastruktur“ und weiteres Vermögen von Eigentümern, die ihre Einrichtungen nicht ausreichend schützten, „auf Zeit“ übernehmen darf. In der Praxis führen solche Maßnahmen oft dazu, dass Unternehmen bei machtnahen Günstlingen landen.
