Gleich bei der Begrüßung verrät der Händedruck, dass dieser Mann harte Arbeit nicht scheut. Yoann Martinez, 38 Jahre alt und von kräftiger Statur, ist Typograph und arbeitet fast noch wie zu Gutenbergs Zeiten. „Ich kann mir die Muskelbude sparen“, scherzt er, weil er schwere Setzkästen mit Bleibuchstaben hin- und herwuchtet, massive satzfertige Druckformen in den alten Druckerpressen festschraubt und deren Hebel und Pedale mit schweißtreibender Kraft bedient. Die zeitentrückte Druckerei Colophon – Maison de l’imprimeur im Dorf Grignan, das in der Drôme provençale im Südosten Frankreichs liegt, ist in den mittelalterlichen Gemäuern des einstigen königlichen Landvogtes untergebracht. Dieser Hort der schwarzen Kunst beherbergt neben dem Druckerei-Atelier ein Museum für historische Druckmaschinen und Typographie-Werkzeuge, eine in den früheren Kerkern untergebrachte Ausstellung von alten Tintenfässern, einen Verlag und einen für diesen kleinen Ort erstaunlich gut bestückten Buchladen.

Schriftsetzer Martinez hantiert an einer Stanhope aus dem Jahre 1848, einem Nachfolgemodell der ersten vollständig aus Eisen gefertigten Druckerpresse. Aus ihr gleiten noch von der Farbe feuchte Pergamentbögen mit Zitaten aus den Briefen von Madame de Sévigné, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der französischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Die Passagen nehmen Bezug auf die Drôme, die Lavendel-Felder in ihrem violetten Blütenrausch, die saftigen Weinberge, bukolischen Dörfer mit ihren Seidenspinnereien und dem Zirpen der Zikaden. Auf den frisch gedruckten Seiten mit ihren zerfaserten Rändern, die nun von fleißigen Helferinnen sorgfältig gefaltet werden, liest man überschwängliche Hommagen an diese sanfte Gegend, in der das Herz der Provence noch ruhig schlägt: „Ich denke ständig an Grignan, an euch alle, an eure Terrassen, an eure wunderschöne, atemraubende Aussicht.“
Der Schürzenjäger stirbt im Duell um eine Maitresse
Die Marquise de Sévigné, mit richtigem Namen Marie de Rabutin-Chantal und in aller Welt als hochkultivierte Madame de Sévigné bekannt, lebte von 1626 bis 1696 und war die Chronistin der Ränkespiele am Hofe Ludwigs XIV., von denen sie in ihrem subtilen, aber auch schnippischen und spöttischen Stil berichtete. Ihr Mann, von noblem bretonischen Geschlecht, Hasardeur und untreuer Schürzenjäger, war jung gestorben, weil er sich wegen einer Maitresse duelliert hatte. Die Marquise erbte sein Vermögen und wurde mit 25 Jahren zur jungen Witwe. Ihre Tochter Françoise-Marguerite war mit François Adhémar de Monteil verheiratet, dem Grafen von Grignan und Statthalter des Königs in der Provence. Das Paar bewohnte das Schloss von Grignan, und dort besuchte Madame de Sévigné ihre abgöttisch geliebte Tochter, an die sie die Hälfte ihrer mehr als 1000 Briefe richtete, mehrmals für längere Zeit. Bis zu ihrem Tode verbrachte sie insgesamt fast vier Jahre dort. Diese Aufenthalte kräftigten die innige Verbundenheit mit ihrer Tochter und brachten ihr Erholung von ihrem Pariser Salon und den kleinen und großen Dramen am Hofe des Sonnenkönigs in Versailles. „Es ist der Schauplatz, dem ich meine größte Aufmerksamkeit widme, obwohl er nicht der größte Schauplatz Europas ist, aber für mich bedeutet er alles.“
Dass die Druckmaschinen im Colophon trotz ihres hohen Alters knarrend und quietschend ihr Bestes geben, um Madame de Sévigné auf Papier zu bringen, hat mit deren 400. Geburtstag zu tun, der in diesem Jahr in der ganzen Drôme provençale gefeiert wird. Es gibt Lesungen von Mitgliedern der Comédie française, Konferenzen, Theateraufführungen, Ausstellungen, Kostümbälle, Schreibwettbewerbe. Beim alljährlich im Juli stattfindenden, vom Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt präsidierten und der Briefkunst gewidmeten Festival de la correspondance steht Madame de Sévigné, die gefeierte Épistolière, im Mittelpunkt. Man kann auch einen QR-Code scannen und ein Spiel herunterladen, mit dem man sich auf Schnitzeljagd zu den Etappen von Madame de Sévignés Aufenthalten begibt. Diese Einbeziehung der digitalen Welt ist sinnvoll, denn heute würde man die plauderfreudige Briefeschreiberin wohl als Bloggerin beschreiben – und da sie oft und gerne brokatverzierte Kleidung, elfenbeinbestücktes Mobiliar und juwelenbesetzte Accessoires beschrieb, vermutlich auch als Influencerin.

Wir machen uns auf zum grandiosen Schloss von Grignan, das wie eine steinerne Schmuckschatulle aus Renaissance und Klassizismus hoch oben auf einem Felsplateau über dem Dorf wacht. Wie angeklebt scheint die kantige Stiftskirche, in der Madame de Sévigné begraben liegt. Die Gassen mit ihren Festungstoren, Glockentürmen und Wehrgängen, ihren Terroir-Restaurants und Läden, die Fayence aus Moustiers, Oliven aus Nyons, Nougat aus Montélimar und Picodon-Ziegenkäse aus der Ardèche verkaufen, winden sich wie das Haus einer Schnecke spiralförmig um das Château. Im Dorfkern neben der Mairie steht auf einem Brunnenpodest, auf dem Wasser aus Löwenmäulern gurgelt, eine Bronzeskulptur von Madame de Sévigné. In der rechten Hand hält sie eine Schreibfeder, in der linken einen Brief. Ihre Ringellocken reichen bis zur Schulter, ihr Dekolleté ist so tief, wie es in ihrer Zeit Mode war. Zeitlebens sah sie sich nie als Schriftstellerin. Erst viele Jahre nach ihrem Tode wurde die immense Briefkorrespondenz von ihrer Enkelin entdeckt und erstmals publiziert – und dann schnell in Dutzende Sprachen übersetzt, um in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen zu werden.
Wir sind leicht außer Atem, als wir über holpriges Pflaster und steile Treppen den Schlosseingang erreichen. Als Symbol feudaler Unterdrückung war das Schloss des Grafengeschlechtes Adhémar von den Truppen der Französischen Revolution fast vollständig zerstört worden. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Schloss von Marie Fontaine, einer steinreichen Bankierswitwe und Mäzenin, vor dem Verfall gerettet und prachtvoll weitgehend originalgetreu wieder aufgebaut.
Wunderschöne Aussicht, herrliche Atmosphäre
Vom Schlosshof dringt ein metallischer Klang nach außen, er stammt von Jugendlichen, die den historischen Schwertkampf üben. Am Empfang hängen auf Kleiderbügeln schöne Renaissance-Kleider, Reifenröcke für die Damen und Pluderhosen mit Wams für die Herren, die man sich für einige Euro ausleihen kann. Wir verzichten auf die Maskerade und inspizieren die Innenräume, deren Luxus uns in Erstaunen versetzt: Säulen mit ionischen und korinthischen Kapitellen, Aubusson-Wandteppiche aus Satin, Betten mit Baldachin, Armleuchter aus vergoldetem Holz, Plüschstühle mit Blumenmustern, Marmorvasen, Ahnenporträts in goldenen Rahmen. Madame de Sévigné verlieh dem Schloss „stolze Allüre“ und berichtete ihrem adligen Freundeskreis in Paris begeistert: „Es ist ein wunderschönes Haus, eine wunderschöne Aussicht, eine herrliche Atmosphäre voller Erhabenheit und Pracht, von der ich ganz verzaubert bin.“
Das von Madame de Sévigné geschätzte Rundumpanorama, das man von der weitläufigen Terrasse aus Naturstein genießt, ist unverändert. Man erblickt den Mont Ventoux, der oft noch im Frühling Schnee trägt, die kargen Gipfel der Ardèche und die gezackten Felsgrate der Dentelles de Montmirail. Das Einzige, das Madame de Sévigné an ihrer geliebten Provence störte, war das bisweilen borstige, vom nervtötenden Mistral geprägte Klima. Die besorgte Mutter bangte um die Gesundheit ihrer Tochter, und an ihren Cousin schrieb sie: „Sie glauben, alle unsere Tage seien aus Gold und Seide gemacht. Mein Vetter, leider ist es hier hundert Mal kälter als in Paris. Es ist der Südwind, es ist der Nordwind, es sind die Teufel, die darin wetteifern, uns zu verhöhnen; sie streiten sich um die Ehre, uns in unseren Zimmern einzusperren.“

Besser als das launische Klima gefielen der Marquise die kulinarischen Gepflogenheiten. In jener Epoche gab es in den Schlössern noch keinen festen Speiseraum, sondern man installierte das Bankettmobiliar mal hier, mal dort, in Vestibülen, Antichambres, sogar in den Schlafzimmern, was den französischen Ausdruck „dresser la table“ erklärt, also den Tisch aufrichten. Genossen wurde alles, was die Provence an Spezialitäten hervorzaubert. Die Marquise delektierte sich an „göttlichen Trüffeln“, die sie „schwarze Diamanten“ nannte, an gebratenen Turteltauben, Wachteln und mit Thymian und Majoran gewürzten Rebhühnern. Die Früchte zum Dessert mundeten ihr besonders: „Die weißen und zuckersüßen Feigen, die Muskatellertrauben, die man wie Bernsteinbeeren knacken kann, und die, würde man sie ohne Maß essen, einem den Kopf verdrehen könnten.“
Um die Contenance nicht zu verlieren, riet die Marquise auch beim Wein zur Mäßigung, fügte aber weise hinzu: „Ein wenig Wein zur rechten Zeit ist ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen viele Übel.“ Dem dürften die 20 Winzer, die die kalkreichen und sonnenverwöhnten Böden der kleinen Appellation Grignan-Les-Adhémar bewirtschaften, nur beipflichten. „Eine bessere Botschafterin als Madame de Sévigné hätten wir uns nicht wünschen können“, versichert Camille Monteillet, die mit ihrem Bruder und ihrer Cousine das Familiengut Domaine de Montine führt. „Immerhin hat sie in ihren Briefen festgehalten, dass der Wein den Geist erfreue und das Herz belebe“, sagt die Winzerin. Da ist es kein Wunder, dass die Silhouette der eloquenten Briefeverfasserin die Etiketten der Weine schmückt, die von der Domaine de Montine extra aus Anlass des Jubiläumsjahres gekeltert wurden.
Nachdem wir einige Gläser der würzigen, fruchtigen Tropfen gekostet haben, würden wir am liebsten ein Nickerchen im Schatten des Felsüberhanges der Grotte de Rochecourbière halten. Hierhin zog sich die Marquise zurück, um ihren bleichen Teint vor der sengenden Sonne zu schützen und fernab des Trubels auf dem Schloss ihre Briefe zu schreiben. Doch wir müssen weiter, gilt es doch weitere Ausflugsziele von Madame de Sévigné zu entdecken: die Komturei der Tempelritter im Trüffel-Mekka Richerenches, das Château von Suze-la-Rousse mit seinem Terrain für Jeu de Paume, Vorläufer des heutigen Tennisspiels, oder den weithin sichtbaren Bergfried von Chamaret.
Donzère war eine wichtige Station für die Marquise, einer der letzten Etappenorte auf der langen Reise von Paris zu ihrer geliebten Tochter nach Grignan. „Leider kennt man Donzère nur von Ausfahrtschildern auf der Autobahn“, bedauert Phillipe Lambert, Präsident der lokalen Geschichtsfreunde. Um zu zeigen, dass Donzère sehr wohl einen Abstecher verdient, lotst uns der alerte Endsiebziger durch das Labyrinth der Altstadt, die authentisch provenzalisch und von Touristengetrampel verschont geblieben ist. Wir sehen uns satt an herrlichen Renaissancefassaden, Uhrtürmen mit Wendeltreppen, wuchtigen Stadttoren und der romanischen Kirche Saint-Philibert aus dem zwölften Jahrhundert. Die Zeiten überdauert hat auch die von Stahl geprägte Gustave-Eiffel-Architektur der stillgelegten Chocolaterie Aiguebelle, deren Ursprünge auf ein Kloster zurückgehen. Die von den Mönchen produzierte Schokolade, damals nur der Oberschicht vorbehaltenes Heilmittel in flüssiger Form, dürfte Madame de Sévigné gemundet haben, gab sie doch zu: „Ich habe mich gestern zu viel mit Schokolade verwöhnt; heute habe ich Beschwerden.“
Philippe Lambert führt uns zur Robinet-Brücke am Ufer der Rhône, dem gewaltigen Strom an der Grenze zwischen den Départements Drôme und Ardèche. Hier kam Madame de Sévigné an, wenn sie von Lyon aus eine Teilstrecke auf dem Wasserweg zurücklegte, da dies sicherer war als die holprige Kutschenfahrt durch die Wälder, in denen es von Banditen und Wölfen wimmelte. „Um von Paris nach Grignan zu reisen, brauchte die Marquise mindestens siebzehn Tage“, sagt Monsieur Lambert. „Heute schafft man die Strecke mit dem Auto in wenigen Stunden.“ Madame de Sévigné, ansonsten unerschrocken, hatte großen Respekt vor dem unberechenbaren Strom, in dem sie bei einer Bootskenterung fast ertrunken wäre. Und so notierte sie voll Ehrfurcht: „Man muss zugeben, dass die Rhône einem Angst einflößt, wenn man sieht, wie sie so heftig dahinfließt; es scheint, als wolle sie ihre Ufer durchbrechen.“ Und uns schaudert bei dem Gedanken, wie die Poetin der subtilen Briefe und mit ihr ein Kapitel Weltliteratur um ein Haar hilflos den Fluss hinuntergeschwemmt worden wären.
