
Mit einer Kampagne in den Social-Media-Plattformen X, Bluesky und Tiktok versucht das prorussische Bot-Netz „Matrjoschka“, die Wahlen in Deutschland im September zu beeinflussen. Vor allem die Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt, in der die AfD in Umfragen weit vorne liegt, ist Ziel der Operation. Dokumentiert wird sie vom Projekt Antibot4Navalny, das Onlinedesinformation bekämpft.
Dabei werben die kurzen Clips, welche „Matrjoschkas“ Bots verbreiten, nicht direkt für die besonders kremlfreundlichen Parteien AfD und BSW. Sie verbreiten stattdessen Falschnachrichten über prominente Vertreter der Parteien CDU, Grüne, SPD und Die Linke, vielfach mit dem Ziel, Ostdeutsche gegen Westdeutsche aufzuhetzen.
Eines der Videos, die das Bot-Netz verbreitet hat, legt dafür zum Beispiel Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz (CDU) eine Beschimpfung von Ostdeutschen in den Mund. Dieser Clip missbraucht dazu das Logo der Zeitung „Die Zeit“. Andere Videos auch das der F.A.Z., so eines mit erfundenen Vorwürfen gegen die SPD-Fraktionsvorsitzende im sachsen-anhaltinischen Landtag, Katja Pähle. Am Ende steht dabei die Aussage, dass es die jeweilige Partei in den Landtagswahlen schwer haben werde. Auch gefälschte Titelseiten von Printmedien wie „Der Spiegel“, „Bild“ und „B.Z.“ werden verbreitet. Letztere in deutscher Sprache, während die Clips ausschließlich englischsprachig sind.
Die Clips werden mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Dass die Videos nicht in deutscher Sprache gehalten sind, obwohl sie deutsche Wähler beeinflussen sollen, wirft Fragen über die Effizienz der Kampagne auf. Die englische Sprache sei aber typisch für die Arbeit von „Matrjoschka“, erläutert ein Vertreter des Projekts Antibot4Navalny gegenüber der F.A.Z. Nur sehr wenige Clips des Bot-Netzes würden nicht in dieser Sprache verfertigt. So seien die Videos für die Macher einfacher zu gestalten, und vermutlich rechneten sie damit, dass sich die Inhalte auch so zu einem Teil des Zielpublikums herumsprächen.
In „Matrjoschkas“ Clips zu den Landtagswahlen verbreiten offenbar mit Künstlicher Intelligenz erstellte Männer- und Frauenstimmen Falschaussagen und -nachrichten. Diese sind stets mit Musik unterlegt und verwenden Bilder, die augenscheinlich frei im Internet erhältlich sind, sowie Logos von Medien und dem Statistischen Bundesamt. KI-generiert wirken auch vorgebliche Unternehmer, die in mehreren Clips dafür werben, Deutschland wieder „zu teilen“, und einen „Kongress“ zu diesem Thema „in Baden-Baden“ ankündigen.
Werktags erscheinen meist um die zehn solcher Clips, am Wochenende keine. Für die erste Woche der am 24. Juni begonnenen Kampagne zu den deutschen Wahlen haben die Aktivisten von Antibot4Navalny insgesamt 49 Fake-Clips gefunden, zwölf Fake-Titelseiten und ein Fake-Graffito, das ebenfalls zu einer neuen Teilung aufruft.
Kirijenko ist für Einflussoperationen im Ausland verantwortlich
Das Projekt entstand einst im Kampf gegen Desinformation über den russischen Antikorruptionsaktivisten Alexej Nawalnyj, der im Februar 2024 in der Haft ermordet wurde. Die Aktivisten haben den Namen des 2023 aufgetauchten Netzes nach der mehrschichtigen russischen Puppe gewählt, weil die Falschnachrichten auf verschiedenen Plattformen zirkulieren: Ein Account veröffentlicht einen Clip, andere verbreiten ihn dann weiter.
Mittlerweile hat Antibot4Navalny „Matrjoschkas“ Aktivitäten für Wahlen in mehreren Ländern analysiert, jüngst vor den Parlamentswahlen in Armenien Anfang Juni. Stets geht es darum, jeweilige Streitigkeiten und Probleme auszukosten, um Kandidaten zu unterstützen, die Moskau zupasskommen.
Anders als etwa die Desinformationsgruppe „Storm-1516“, die dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet wird, ist „Matrjoschka“ noch keiner Stelle zugeordnet worden. Allgemein unterstehen die Einflussoperationen im Ausland im Kreml dem mächtigen Funktionär Sergej Kirijenko. Dieser hat aber 2025 zum Beispiel in der Republik Moldau und im Juni in Armenien Rückschläge hinnehmen müssen, jeweils siegten prowestliche Kräfte.
Aber „Matrjoschka“ macht weiter. Aus Sicht der Aktivisten von Antibot4Navalny spricht viel dafür, dass die Aufrufzahlen („views“) der Bots künstlich aufgebläht sind und die reale Reichweite eher gering ist. „Der Kreml kann es sich leisten, schon fast drei Jahre einer weitgehend erfolglosen Operation ein Budget zu geben, und wir sehen keine Belege dafür, dass sie gestoppt oder verkleinert werden sollte“, sagt der Vertreter von Antibot4Navalny.
