
Gut zwei Wochen ist es her, dass Kai Beckmann den Chefposten des Pharma- und Technologiekonzerns Merck übernommen hat, seit seine Vorgängerin Belén Garijo an die Spitze des französischen Pharmariesen Sanofi gewechselt ist. Groß vorstellen muss sich Beckmann, der jahrelang die Elektroniksparte bei Merck geleitet hat, nicht mehr. Bei der Präsentation der Quartalszahlen kam der Manager daher schnell zur Sache und skizzierte zudem, wie sich der Konzern künftig strategisch ausrichten wird. „Wir werden dort, wo es darauf ankommt, auf Geschwindigkeit und Skalierbarkeit optimieren“, kündigte Beckmann an.
Dazu gehöre, den Fokus auf Produkte zu legen, die wachsen und Wert bringen, und Kompetenzen konzernübergreifend besser zu nutzen – zum Beispiel beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. „Wir müssen besser darin werden, Fähigkeiten auf einer breiteren Ebene im gesamten Unternehmen voranzutreiben, anstatt dies auf Sektorebene zu tun“, betonte der Merck-Chef. Da sich Kundenwünsche geändert hätten, wolle sich das Unternehmen stärker auf integrierte Komplettangebote aus Materialien, Software, Instrumenten und Dienstleistungen konzentrieren. Auch weitere Zukäufe wie zuletzt die milliardenschwere Übernahme des US-Konzerns Springworks im vergangenen Jahr machen eine strategische Säule aus. Zu tiefgreifenden, strukturellen Veränderungen solle es aber nicht kommen, betonte Beckmann.
Kunden bevorraten sich mit Laborutensilien
Besser als von Analysten erwartet, betrug das bereinigte Betriebsergebnis in den ersten drei Monaten des Jahres 1,5 Milliarden Euro, damit genauso viel wie im Vorjahresquartal – wobei sich der schwache US-Dollar bemerkbar machte. Die Umsatzerlöse sanken aufgrund negativer Währungseffekte um fast drei Prozent auf 5,1 Milliarden Euro. Besonders der Geschäftsbereich Life Science, der Kunden mit Laborwerkzeugen und -geräten wie Lösungsmitteln, Beuteln und Bioreaktoren versorgt, trug zum Wachstum bei. Der Nettoumsatz legte hier im Vergleich zum Vorjahr organisch, also ausgenommen die Wechselkurseffekte, um mehr als acht Prozent auf rund 2,3 Milliarden Euro zu.
Grund dafür war eine generell höhere Nachfrage. Auch würden Kunden infolge des Irankriegs derzeit Vorräte aufbauen, um Problemen in der Lieferkette vorzubeugen. Finanzvorständin Helene von Roeder geht aber nicht davon aus, dass dieser Effekt lange anhält. „Zum jetzigen Zeitpunkt hoffen wir wohl alle, dass sich der Konflikt beruhigen wird.“ Von Roeder betonte, dass die Auftragsbücher auch für die kommenden Quartale gut gefüllt seien.
Mavenclad macht noch Umsätze in den USA
Den Ausblick für das Gesamtjahr hob die Finanzchefin an. Merck erwarte nun einen Nettoumsatz zwischen 20,4 Milliarden Euro und 21,4 Milliarden Euro sowie ein Konzernergebnis vor Steuern zwischen 5,7 Milliarden Euro und 6,1 Milliarden Euro. Bislang hatte das Unternehmen Erlöse von maximal 21,1 Milliarden Euro sowie ein Ergebnis bis 6,0 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Neben dem florierenden Live-Science-Geschäft stimmt von Roeder auch eine Entwicklung in der Gesundheitssparte optimistischer. Obwohl der Patentschutz für das Multiple-Sklerose-Medikament Mavenclad in den USA Ende 2025 ausgelaufen war und ein günstigeres Nachahmerprodukt bereits verfügbar ist, sind die Verkäufe im US-Markt zum März doch nicht so stark wie befürchtet eingebrochen. Stattdessen erwartet Merck nun erst ab Mai, dass das Blockbuster-Medikament bedeutend weniger Umsatz in den Vereinigten Staaten einfahren wird. Durch neu eintretende Konkurrenz bliebe die Lage aber weiterhin dynamisch und schwer einzuschätzen, so von Roeder. In Europa würden die Erlöse mit Mavenclad hingegen zweistellig wachsen.
Die sinkenden Umsätze, vor allem in der Neurologie- und Krebssparte, konnten im ersten Quartal zudem Erlöse aus dem Bereich Seltene Erkrankungen sowie das Diabetesmedikament Glucophage und das Schilddrüsenmedikament Euthyrox abfedern.
Beckmanns früherer Wirkungsbereich Electronics profitiert weiterhin vom KI-Boom und der anhaltend hohen Nachfrage nach Chips. So legte der Umsatz mit Halbleitermaterialien, besonders mit leistungsstarken sogenannten Advanced Nodes, im ersten Quartal organisch um 7,5 Prozent zu. Die Nachfrage nach Liefersystemen und Dienstleistungen ging hingegen zurück, habe sich jedoch im Vergleich zum Vorquartal stabilisiert. An der Börse kamen die vorgestellten Zahlen und die erhöhte Jahresprognose gut an. Die Aktie zog zeitweise um mehr als acht Prozent auf rund 122 Euro an – und schaffte es damit an die Dax-Spitze.
