Am Rande einer vielbefahrenen Straße in meiner Heimatstadt Darmstadt steht oft ein Mann auf einer einsamen Wiese und spielt Gitarre. Man kann die Musik aus den Autos heraus nicht hören, selbst mit offenem Fenster ist der Mann zu weit entfernt. Aber wenn man im Berufsverkehr an ihm vorbeifährt, hebt das Bild trotzdem die Stimmung. Es ist ein Postkartenmotiv, ein schöner, irgendwie romantischer Anblick: Was spielt er da nur? Und für wen?
Irgendwann habe ich den Mann dann mal in einem Park gesehen, wieder hatte er seine Gitarre dabei. Ich setzte mich in die Nähe auf die Wiese und lauschte. Er spielte so schlecht Gitarre, dass ich es nicht lange aushielt. Das romantische Bild bekam Risse.
Aber es ist kein schlechtes Bild für unsere Zeit: Aus der perfekten Oberfläche haben nicht nur Instagram und Co. ein Milliarden-Geschäftsmodell gemacht. Die meisten der ach so herrlichen Lebensmodelle, die man dort bewundern kann, will man auch lieber nicht aus der Nähe sehen. Wahrscheinlich waren wir alle schon mal dieser Gitarrenspieler. Ich habe mich zum Beispiel mal zur Zwischenmiete in einer Mädels-WG in Hamburg beworben.
Keine tiefgründigen Gespräche am WG-Tisch
Vorgestellt habe ich mich als Surflehrer. Das war nicht gelogen, ich schrieb sogar aus einem Surfcamp in Frankreich, wo ich den Sommer lang arbeitete. Die Mädels hatten aber wahrscheinlich nicht mit einem Glatzkopf gerechnet, der nach Feierabend in seinem Zimmer alleine vor dem Fernseher saß, sondern eher mit einem langhaarigen Charmeur, der abends am WG-Tisch über das Weltgeschehen philosophiert.
Ich war nach dem Abitur ein Jahr lang als Backpacker durch Australien gereist, seitdem konnte man mich jagen mit Feuershows am Strand, Gitarre spielenden Männern und tiefgründigen Gesprächen am Lagerfeuer – oder am WG-Tisch. Ich mied die Mädels so sehr, dass eines Morgens überall Zettel in der Wohnung hingen mit Dingen, die ich offenbar falsch gemacht hatte. Es war also ganz gut, dass mein Praktikum beim „Spiegel“ irgendwann endete und ich wieder zurück nach Darmstadt zog, in Richtung Gitarrenspieler, den ich zum Glück nicht hören musste.
Mein Surfbrett verstaubt hier im Keller, sonst sind mir von dem Sport vor allem Albträume geblieben – immer mal wieder wache ich nachts auf, weil riesige Wellen auf mich zurollen. Noch nie bin ich im Traum eine perfekte Welle an einem sonnigen Tag gesurft, man träumt nicht in Postkartenmotiven. Die Surfwelt hat mit dem Klischee, das aus der Ferne so friedlich und freundschaftlich wirkt, auch wenig zu tun. In Wirklichkeit ist es eine sehr aggressive Szene, geprägt von Alpha-Männern. Locals verteidigen ihre Wellen zum Teil mit Gewalt, Anfänger werden ausgelacht und vertrieben, die Hierarchie im Wasser ist oft strenger als in jedem Dax-Unternehmen.
Natürlich gibt es auch viele wunderschöne Tage am und im Meer mit freundlichen Surfern. Aber in der Regel wird im Line-up wenig gelächelt, eher geht es um den aggressivsten Blick – was völlig okay ist, es ist eben ein sehr kompetitiver Sport. Will man ein guter Surfer werden, kann man nicht jede Welle teilen oder nur an den perfekten Tagen rauspaddeln. Man muss auch in den feuchten Neoprenanzug steigen, wenn es regnet, kalt ist und die Wellen katastrophal schlecht sind. Und dann muss man sich gegen die anderen Surfer durchsetzen, die auch gut werden wollen oder es schon sind.
Mehr Schein als Sein
Fotos von solch verregneten Tagen mit schlechten Wellen schaffen es nicht in die Prospekte von Surfcamps. Oft gibt es auch gar nichts zu fotografieren: Ich bin unzählige Male nach Stunden im Wasser wieder ans Ufer gepaddelt, ohne eine einzige Welle erwischt zu haben. Dutzende hatten mich dafür unter sich begraben. Es gab auch ganze Surfurlaube, in denen ich kaum Wellen sah: Einmal hatte ich mich im Marokko-Urlaub verbucht, die winterliche Wellen-Saison war vorbei. Drei Wochen lang blickte ich aufs flache Meer, bevor ich zu Hause wieder stolz von meinem coolen Surfurlaub erzählen konnte.
Auch im Sommer am Atlantik gibt es wenig Wellen. So konnte ich in Frankreich gut Surflehrer spielen, im knietiefen Wasser Deutsche ins Weißwasser schieben und rufen: „Paddeln, paddeln, paddeln.“ Das wirkte bestimmt cool. Aber irgendwann wurden die Wellen größer, dann musste man als Surflehrer eben rauspaddeln, zusammen mit den ganzen Alpha-Sportlern. Draußen schlugen die Wellen über mir ein, von denen ich heute noch träume.
Ich war meistens also froh, wenn die Vorhersage im Internet auf eine Woche mit kleineren Wellen schließen ließ. Vielleicht stellt sich der Gitarrenspieler deswegen auch so oft auf die einsame Wiese – und nicht in den Park. Es fühlt sich gut an, das Zentrum eines Postkartenmotivs zu sein. Man darf nur nicht zu nah ranzoomen.
In der Kolumne „Eder für sich“ schreibt Sebastian Eder einmal im Monat über das, was er in Darmstadt und der Welt erlebt.

