An Neujahr 2026 wird sich Christian Planck noch lange erinnern. Der 42 Jahre alte Schwabe ist geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens Polymedics Innovations GmbH mit Sitz in Kirchheim unter Teck bei Stuttgart, das eine Art „zweite Haut“ für die Behandlung von schweren Verbrennungen herstellt. Planck sagt: „Als ich am 1. Januar die Nachrichten aus Crans-Montana auf dem Mobiltelefon gelesen habe, wusste ich, das wird eine große Herausforderung.“
Funkensprühende Partyfontänen hatten in der Neujahrsnacht in einer Bar in dem Schweizer Ort einen Brand entfacht. Die Flammen breiteten sich rasant aus, viele Menschen kamen über die enge Treppe aus dem Kellergeschoss nicht mehr rechtzeitig ins Freie. Es gab mindestens 41 Tote und sehr viele Opfer mit schwersten Verbrennungen, die in Kliniken in der Schweiz und den Nachbarländern behandelt wurden. Viele Schwerverletzte dürften Wochen oder Monate im Krankenhaus gelegen haben.

Polymedics leistete schnelle Hilfe vor Ort: „Die Mitarbeiter sind selbst im Auto in die Schweiz gefahren und haben die Kliniken mit dem Hautersatz nach dem Jahreswechsel beliefert“, sagt der Betriebswirt. Denn Logistiker liefern an Wochenenden und Feiertagen nicht aus. Bei der Behandlung von Brandwunden ist der Faktor Zeit wichtig. Es muss schnell gehandelt werden, denn sonst drohen bleibende und schwerwiegende Schäden. Infektionen zum Beispiel und Flüssigkeitsverlust sowie dauerhafte Bewegungseinschränkungen sind für Verbrennungsopfer eine permanente Gefahr. Im Falle sehr tiefer Brandwunden können auch Nerven zerstört werden, und Gewebe kann absterben.
Schmerzlose Entfernung nach dem Abheilen
Erfinder des synthetischen temporären Hautersatzes für Opfer von Verbrennungen und andere Hautwunden ist Heinrich Planck. „Die von uns entwickelte Abdeckung wird auf die vorbereitete Wunde aufgebracht, verklebt mit dieser und bleibt dort, bis sie abgeheilt ist“, sagt er. Das Produkt werde in der Regel nur einmal aufgebracht. „Nur der Umverband wird gewechselt, das bedeutet weniger Pflegeaufwand in der Klinik. Nach dem Abheilen kann unser Produkt ohne Schmerzen einfach entfernt werden.“
Früher waren aufwendige und schmerzvolle Verbandswechsel notwendig. So spart das Produkt der Schwaben gleichfalls Kosten. In Deutschland und ganz Europa ist das kleine Unternehmen für Kliniken mit Brandzentren zur Behandlung schwerer Verbrennungen essenziell. „In Deutschland werden rund 70 Prozent der Brandwunden mit unseren Materialien behandelt“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter und öffnet eine Packung des Hightech-Medizinprodukts. Das rechteckige, weiße Blättchen ähnelt auf den ersten Blick einem Stück Butterbrotpapier. Es sieht unscheinbar aus. Suprathel, so der Name der Kunsthaut, sei zwischen 0,1 und 0,25 Millimeter dick.

Das papierartige Material in Form einer Membran sei hergestellt auf Basis von Milchsäure, sagt der 42 Jahre alte Christian Planck. Die Milchsäuremoleküle würden durch chemische Reaktionen verlängert und mit Zusatzstoffen flexibel, atmungsaktiv und abbaubar gemacht. „Im Material wird beim Abbau Laktat freigesetzt. Das unterstützt die Wundheilung.“ Das Besondere dabei: Suprathel übernehme die Funktion der äußeren Hautschicht. Ein weiterer Vorteil: „Bakterien können nicht in die Wunde eindringen, aber Wasserdampf kann nach außen abgeleitet werden. Durch unser Produkt gibt es weniger Narben.“

Die Produktion findet am Unternehmenssitz nahe Stuttgart statt. Einen Blick in die zwei Reinräume, die das Herzstück der Herstellung sind, darf man nur von außen werfen. Die Produktion selbst wird nicht gezeigt. Zu groß ist die Sorge, dass Details über die Herstellung nach außen dringen und bei der Konkurrenz landen. „Noch ist die Produktion weitgehend Manufakturarbeit, aber Robotik ist ein zentrales Thema in der Zukunft. In diesem Jahr wollen wir noch erste Schritte in diesem Bereich gehen, für Routinearbeiten wie das Heben oder Greifen“, sagt Christian Planck. Aktuell arbeiten zwölf Beschäftigte in der Produktion, deren Flächen ohne größeren Aufwand erweitert werden können. „Im Reinraum wird mit Überdruck gearbeitet, damit kein Schmutz von außen eindringt. Auch die Luftfeuchtigkeit muss stimmen.“
Das Unternehmen ist auf Expansionskurs. „In den vergangenen Jahren sind wir im Schnitt beim Umsatz jährlich um mehr als 20 Prozent gewachsen.“ Aktuell erlöst der Mittelständler, dessen Anteile mehrheitlich die Familie Planck hält, rund 25 Millionen Euro. Ein Grund für das Wachstum: Der Sohn des Gründers hat das USA-Geschäft aufgebaut, das inzwischen zu einem wichtigen Auslandsmarkt geworden ist. „Das war ein gutes Stück Arbeit, weil ich unzählige Verbrennungszentren besucht habe“, erinnert sich Christian Planck.
Die USA seien viel besser auf große Opferzahlen bei Verbrennungen vorbereitet als Europa, sagen die Unternehmer. Dort gebe es zum Beispiel Depots mit entsprechenden Medizinprodukten, auf die man im Notfall zurückgreifen könne, wenn es ein Großschadensereignis gebe. „Europa fängt jetzt erst an, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen und Vorbereitungen zu treffen.“ Außerdem sei in den USA die Zulassung für ein neues Medizinprodukt um einiges einfacher und günstiger. Dort sei sie für etwas mehr als 10.000 Dollar zu erhalten. „Da geht alles schneller. In Europa kostet das zwischen 300.000 bis 400.000 Euro plus der zusätzlichen Studienkosten, und es dauert um einiges länger.“

Christian Planck war vor seinem Einstieg in das Familienunternehmen für die indische Industriellenfamilie Piramal tätig. Den Subkontinent wollen die Schwaben als Nächstes ins Visier nehmen. „Wir wollen auch in Indien Fuß fassen. Das ist ein interessanter Markt, denn dort gibt es viele Verbrennungen und chronische Wunden.“ Die indische Politik investiere außerdem entschlossen in das Gesundheitssystem.
„Unsere DNA ist die Forschung und Entwicklung von Medizinprodukten, um Patienten mit innovativen Produkten zu helfen und das Gesundheitssystem zu unterstützen“, sagt Gründer Heinrich Planck und verweist darauf, dass rund zehn Prozent der eigenen Erlöse jährlich in Forschung und Entwicklung investiert werden. Sohn Christian fügt hinzu: „Wir waren die Ersten, die so ein Produkt zur Behandlung von Wunden nach schweren Verbrennungen angeboten haben.“ Inzwischen komme es auch bei chronischen Wunden zum Einsatz, die teilweise jahrelang offen gewesen seien. „In vielen Fällen sind die Wunden innerhalb von Wochen abgeheilt. Da gibt es beeindruckende Erfolge.“
Die Idee für den Hautersatz kam Heinrich Planck in den Achtzigerjahren. Er habe „einfach nicht lockergelassen“, sagt er. Ein Auslöser für seine Idee und seinen Ehrgeiz war eine schwere Verbrühung, die sein Bruder einst als kleiner Junge erlitten hatte. Maschinenbauer Planck war früher Lehrstuhlinhaber für Textiltechnik an der Universität Stuttgart und mehrere Jahrzehnte in der Forschung tätig, bevor er das Unternehmen gründete.
Das Unternehmen
Die Polymedics Innovations GmbH ist ein Medizintechnikunternehmen für Wundversorgung mit Sitz in Kirchheim/Teck bei Stuttgart. Es hat global rund 90 Beschäftigte und eine Niederlassung in den USA. Das Familienunternehmen wurde 2001 von Heinrich Planck und Mitgesellschaftern gegründet, um den künstlichen Hautersatz Suprathel zuzulassen und auf den Markt zu bringen. Der Umsatz beträgt aktuell rund 25 Millionen Euro. Er soll in den nächsten zehn Jahren mehr als vervierfacht werden. Angaben zum Gewinn macht das Unternehmen nicht. Es liefert in mehr als 40 Länder. Derzeit werden jährlich rund 85.000 Patienten mit Produkten von Polymedics Innovations versorgt.
