Herr Brock, Sie werden am Dienstag 90 Jahre alt. Ich bin noch einmal zu Ihnen gekommen, bevor es vielleicht zu spät ist.
Keine Sorge. Ich habe in dritter Ehe eine junge Frau geheiratet, schon deswegen ist mein Ziel 100 Jahre. Allerdings wurde mir mein Leben lang vorausgesagt, dass ich 96 werde. Aufgrund der Handlinien.
Natürlich nicht. Aber ich habe gehört, dass es trotzdem wirkt. Das Gleiche hat übrigens der berühmte Mathematiker Schrödinger geantwortet, als Niels Bohr ihn fragte, warum ein Hufeisen über seinem Institut hänge.
Wie alt fühlen Sie sich?
Seit Goethe weiß man, dass diejenigen, die so alt werden wie ich, eben nicht alt werden können, denn sie bleiben ewig im Zustand der Pubertät. Nur ein ewig Pubertierender hat die Kraft zu glauben, dass er etwas Bedeutendes hervorbringen kann. Wer hingegen glaubt, dass er die Welt kennt, hält alles für bedeutungslos. Wozu also noch arbeiten, wozu leben?
In diesem Jahr sind schon einige Große jenseits der 90 gestorben: Habermas, Kluge, die Mutter von Jonathan Meese. Wie haben Sie auf deren Tod reagiert?
Gar nicht. Für mich besteht kein Unterschied, ob ich mit Habermas übers Autodach gelehnt ganze Nachmittage in Frankfurt diskutiert habe oder ob ich mich lesenderweise mit ihm beschäftige. Ich habe gelernt, mit Toten zu sprechen. Ich spreche jeden Tag mit Goethe, Novalis, Aristoteles. Die Geisteswissenschaft ist ja nichts anderes als die Lehre vom Gespräch mit den Toten. Darauf verstehen sich aber immer weniger. Wie viele Leute gibt es, die noch mit Max Stirner sprechen? Fünf vielleicht, auf der ganzen Welt. Selbst mit Aristoteles sprechen heute vielleicht noch 2000 Leute.
Sie haben sich in Ihrem Werk viel mit dem Tod befasst. Mit 29 haben Sie eine Todesanzeige mit Ihrem Namen versehen, Sie haben Probe gelegen im Sarg. Diente das der Vorbereitung auf den Tod?
Man muss sich auf den Tod nicht vorbereiten. Er ist immer präsent, man trägt ihn wie seinen eigenen Rücken immer mit sich. Das ganze Leben ist ein Sterbenlernen. Learning by Dying. Man sagt nicht umsonst: Jeder Schlaf ist ein kleiner Tod.
Im Französischen sagt man: Partir c’est mourir un peu. Weggehen heißt ein bisschen sterben.
Das ist so. Wenn ich zu jemandem sage: Auf Wiedersehen, dann heißt das zwar, ich möchte ihn wiedersehen. Es heißt aber auch, dass ich damit rechne, ihn eben nicht mehr wiederzusehen.
Sie haben gefordert: „Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören.“ Geht das in Richtung Longevity?
Gerade nicht. Was ich verlange, ist, loszulassen von der Vorstellung des Todes als Ende von allem. Der Tod ist nicht jenseits des Lebens, er ist eine Form des Lebens.
Das hört sich ja an wie bei den Mexikanern, über die man sagt, dass in ihrer Kultur die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen. Können wir als Deutsche das überhaupt verstehen?
Wenn ich nicht erfasse, was ein Mexikaner, ein Bantu oder ein Eskimo denkt, dann habe ich versagt im Hinblick auf die Bandbreite dessen, was Leben heißt. Die Vorstellung, dass die Welt für Mexikaner oder Eskimos eine andere sei als für uns, ist Unsinn. Man sieht das am Algorithmus, früher genannt Logos, der offenbar auch in allen Kulturen und Sprachen funktioniert.
Der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief war ein Wegbegleiter von Ihnen. Haben Sie je mit ihm über seinen nahenden Krebstod gesprochen?
Ja. Wir haben eine Taxifahrt gemacht, 40 Minuten, in denen wir nur darüber sprachen. Ich sagte ihm: Hör mal, auch als Lebender existiert man nur im Gedächtnis, in der Vorstellung von anderen. Der Tod ändert daran nichts. Schlingensief konnte sich damit nicht anfreunden.

Was hat er Ihnen entgegengeschleudert?
Nichts. Er war schon jenseits des Stadiums, in dem man noch rebelliert. Er konnte nur noch traurig sein.
Sein Tagebuch über den Krebs trägt den Titel: „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ Was halten Sie davon?
Noch mal: Die klassische Unterscheidung Diesseits–Jenseits ist völlig unsinnig, das wissen wir seit Leibniz. Die Leute glauben, dass ihr Leben vergänglich sei und auf irgendetwas zustrebe, was dann meinetwegen ewig ist. Nein. Das, was ewig ist, ist das, was bleibt. Was bleibt, sind die Naturgesetze oder die ewige Wiederholbarkeit, etwa der Lust, Kaffee zu trinken oder spazieren zu gehen. Das Leben ist nicht süß, weil es irgendwann für immer vergangen sein wird, sondern weil es nicht wiederholt werden kann. Das ist ein Unterschied. Leben heißt: ewige Wiederholbarkeit. Tod heißt: Unwiederholbarkeit.
Verstehe ich nicht zu hundert Prozent. Ich stehe morgens doch nur deshalb auf, weil ich weiß, dass mir nicht ewig Zeit bleibt, weil ich irgendwann sterben muss.
Das ist ganz falsch gedacht. Schon der Gründervater der europäischen Dramatik, Aischylos, hat 470 vor Christus in seinem ersten großen Drama zu Prometheus nicht etwa die berühmte Geschichte gefeiert, dass da einer den Menschen das Feuer brachte. Er feiert Prometheus vielmehr als denjenigen, der den Menschen das Bewusstsein ihrer Sterblichkeit genommen hat. Vorher lebten die Menschen in der ständigen Gewissheit, sterben zu müssen. Ja, warum soll jemand etwas tun, wenn ihm ständig gegenwärtig ist, dass er ja sowieso sterben muss? Nur wer die Endlichkeit des Lebens eben nicht vor Augen hat, wer die Ewigkeit in sich trägt, der ist psychisch gesund. Bei Thomas Mann steht das auf jeder zweiten Seite.
Es heißt doch: Bedenke, Mensch, dass du sterblich bist.
Das ist doch primitiv. Was soll man sich darum kümmern, dass man stirbt, wenn man gar nicht gelebt hat? Es muss heißen: Bedenke Mensch, dass du lebst! Seit Kierkegaard weiß man, Ewigkeit gibt es nur als Augenblick, man muss trainieren, in jedem Augenblick die Ewigkeit erleben zu können, so intensiv und selbstvergessen, wie Kinder das tun.
Na selbstverständlich! Meine Lieblingsbeschäftigung ist es, den Blättern der Bäume zuzugucken. Wie sie sich im Wind bewegen. Damit kann ich mich vollkommen in Übereinstimmung bringen. Ich habe auch schon eine Position, sollte ich bewegungsunfähig werden. Dann sitze ich da und bin lebendig in der Verfolgung der Bewegung der Blätter am Baum.
Sie haben mal geschrieben, „bei einer Million Opfern beginnt anerkanntermaßen die Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern“. Warum haben Sie nicht den Weg des Täters gewählt?
Damit wollte ich doch sagen: Wenn ihr glaubt, unsterblich zu werden, wenn ihr eine Million oder 20 Millionen umbringt, irrt ihr euch gewaltig. Wenn das Erlebnis des Lebendigseins darin besteht, töten zu können, dann widerspreche ich mir selbst. Im Übrigen hat kein Tyrann je geglaubt, dass er durch die Macht der Auslöschung von Leben überleben wird. Ein Mao oder Hitler hätten niemals gesagt, sie seien groß durch die Kraft ihrer Zerstörung. Sie wollten Schöpfer sein.
Der gängigste Versuch, Unsterblichkeit zu erlangen, ist die Fortpflanzung. Warum haben Sie keine eigenen Kinder?
Ich habe ein Abkommen gemacht mit meinem Bruder: Du machst die genetische Vererbung, ich mache die extragenetische, also die kulturell wirksame. Auch da habe ich von Goethe gelernt. Er war als genetischer Vererber ein Flop, sein Sohn August starb vor ihm, und das warʼs. Aber als extragenetischer Vererber – grandios.

Ertappen Sie sich manchmal bei dem Gedanken, dass es angesichts des Zustands der Welt gut ist, dass Sie nicht mehr allzu lange bleiben müssen?
Ich kenne das. Aber die Vorstellungen von der Unbeherrschbarkeit der Zukunft gab es schon immer. Und natürlich ist es eine Strategie der Genusssteigerung, wenn ich sage, lass uns jetzt mal, wie einst Rousseau, mit dem Boot auf den See fahren und in den Himmel schauen – wer weiß, wie oft wir es noch wiederholen können.
Nein. Weil ich dort kein Beispielgeber sein könnte. Meine Forderung an die Kirchen lautet schon lange: Öffnet die Kathedralen, damit die Menschen darin sterben können und so ein Beispiel geben für gelungenes Leben im gelungenen Sterben. Der Mut zum Leben darf nicht durch die Gegenbewegung des Todes kleingemacht werden. Daher ist es entscheidend, anderen dabei zusehen zu können, wie sie fröhlich sterben, nicht schmerzverzerrt, sondern in völliger Übereinstimmung.
War auch Wal Timmy eine Art Beispielgeber – oder gerade nicht?
Es gehört zum Menschsein, nicht anzuerkennen, dass der Tod Macht über uns hat. Insofern war es vernünftig zu sagen, der Wal muss leben, nur dann ist er ein Wal. Unmenschlich war die Anonymität seines Ablebens. Man hätte den Tod feiern müssen als eine Form des Lebens und den Wal mit Hunderten von Booten, Laternen und Gesängen begleiten, bis er gestorben ist.
In der Savanne töten ständig Löwen Antilopen, ohne dass Ranger oder Touristen mit Laternen und Gesängen um sie herumfahren.
Wenn der Löwe eine Antilope reißt, ist das kein Akt der Tötung, sondern Bedingung und Feier des Lebens. Das Lebendigsein des Löwen ist ja nur so möglich.
Nachdem der Krieger Ajax getötet worden war, ließen seine Leute, die Lokrer, ihm zu Ehren eine Lücke in ihrer Phalanx frei. Wie soll dereinst Ihrer gedacht werden?
Vom Kabarettisten Wolfgang Neuss habe ich gelernt, dass Askese die beste Form der Genusssteigerung ist. Man könnte mir zu Ehren jeden Sonntagmorgen die Leute in die Frühstückssäle der großen Hotels hineinlassen, damit sie am reich gedeckten Frühstückstisch bloß Knäckebrot mit Margarine essen, um zu lernen, im Augenblick die Ewigkeit zu erleben. Das wäre dann das Brock-Frühstück im Adlon.
