
Auf dem Tisch ist Adriaen Adriaenszoon zu sehen, auch bekannt als Aris Kindt. Er hat einen Wintermantel gestohlen, vielleicht auch Schlimmeres begangen – jedenfalls ist er zum Tode verurteilt und seine Leiche der Amsterdamer Chirurgengilde überreicht worden. Nun liegt er auf dem Seziertisch in der „Anatomiestunde des Dr. Nicolaes Tulp“, die Rembrandt als Auftragsarbeit 1632 malte. Eine Gruppe Chirurgen schaut Doktor Tulps Demonstration am offenen Körper zu, das Bild ist einer der Höhepunkte in der Sammlung des weltberühmten Mauritshuis in Den Haag.
Knapp vier Jahrhunderte nach seinem Entstehen erscheint das Bild an einem frühen Julitag auch auf einer Leinwand in einem Konferenzraum in Amsterdam. Philips-Manager Atul Gupta zeigt es als Auftakt zu einer Präsentation in der Zentrale des Medizintechnikkonzerns. Zum Glück beschäftigt sich das Unternehmen mit lebenden Patienten, doch dient das Kunstwerk als Kontrast zu dem, was heute medizinisch möglich ist. Wer in den Körper schaut und vielleicht gleich operiert, muss nicht mehr zwingend zum großen Eingriff ansetzen. Minimalinvasive Technik ermöglicht es, körperschonend mit einem Schnitt über feine Röhrchen die nötigen Instrumente einzuführen.
Kleinere Schnitte und schnellere Genesung für eine Million Euro
Eine verfeinerte Variante ist die bildgeführte Therapie (Image-Guided Therapy, IGT), die den Minimaleingriff mit einem datengetriebenen Prozess verschmilzt – mit smarten Kathetern, Navigationssoftware und anderer Hochtechnologie am Untersuchungstisch. Der Arzt operiert nicht mit den Händen im Körper, sondern mit den Augen auf dem Monitor, auf Basis von Röntgen- und Ultraschallbildern. Und, falls nötig, mit Echtzeitdaten über Blutdruck, EKG, Sauerstoffsättigung und anderem.
Vor allem bei Herzinfarkten, Schlaganfällen und in der Tumorbehandlung kommen die Geräte zum Einsatz; Patienten sollen schneller genesen und damit auch zügiger nach Hause kommen. Nutzen und Preis nennt in Deutschland etwa die Schön-Klinik in Rendsburg, die im vergangenen Jahr ein Modell aus Philips’ Flaggschiffsystem Azurion in Betrieb nahm: „Dank der rund eine Million Euro teuren neuen Technik können komplexe Gefäßerkrankungen nicht nur schneller diagnostiziert, sondern auch minimalinvasiv behandelt werden.“
3,5 Milliarden Euro Umsatz habe Philips im vergangenen Jahr mit Geräten und Software für IGT erzielt, sagt Bert van Meurs, der das entsprechende Geschäft bei Philips leitet. Zu wichtigen Konkurrenten zählt er unter anderem die deutsche Siemens Healthineers; den Weltmarkt sieht er bei zwölf Milliarden Euro. Nicht nur Patienten und Gesundheitssysteme sollen profitieren, sondern auch Ärzte und andere Klinikmitarbeiter. Personal werde knapper und stehe unter Produktivitätsdruck, argumentieren die Philips-Manager, vom „Burnout in der medizinischen Belegschaft“ spricht Gupta.
Profitieren will natürlich auch das Unternehmen. Innerhalb von zehn Jahren hat es den Umsatz mit IGT verdoppelt, auch mit Zukäufen. Knapp ein Fünftel steuert das Geschäftsfeld schon zu den Konzernerlösen bei. In der Dreijahresperiode bis 2028 soll der IGT-Umsatz im Schnitt prozentual mittel bis hoch einstellig jährlich wachsen – und damit wahrscheinlich schneller als der Konzernumsatz, der im Schnitt mit einem mittleren einstelligen Prozentsatz zulegen soll. Ertragskräftiger ist IGT sowieso: Im vergangenen Jahr lag die bereinigte operative Marge (auf Basis des Ebita) „im hohen Zehnerbereich“, verglichen mit gut zwölf Prozent des Konzerns insgesamt. 2028 soll die Marge „über 20 Prozent“ liegen, während der Konzern einen Wert „im mittleren Zehnerbereich“ anpeilt.
Das zweite Quartal liegt gut im Trend: Der Umsatz mit IGT stieg prozentual hoch einstellig, wie aus der soeben veröffentlichten Halbjahresbilanz hervorgeht. „Wir sehen, dass die Zugkraft sehr stark bleibt“, sagt Vorstandschef Roy Jakobs im F.A.Z.-Gespräch. „Wir haben jetzt 22 Quartale hintereinander Wachstum in IGT.“
Die bildgeführte Therapie ist offenbar auch Schwerpunkt einer kürzlich bekannt gegebenen öffentlich-privaten Investitionspartnerschaft. Die Regierung in Den Haag will bis 2036 gut 100 Millionen Euro in Medizintechnik bereitstellen, wenn Unternehmen mindestens ebenso viel investieren. Philips hat schon mal 50 Millionen Euro zugesagt. Dieser Unternehmensbeitrag plus ein Betrag gleicher Höhe aus Den Haag flössen in IGT, wie Jakobs sagt – insgesamt also 100 Millionen Euro.
Philips bekommt US-Zölle erstattet
Das einstige Technikkonglomerat betreibt nach dem Verkauf seiner meisten Geschäftsfelder nur noch Medizintechnik und eine kleinere Sparte, die Rasierer und Zahnbürsten herstellt. Der Konzernumsatz stieg im zweiten Quartal um ein Prozent auf knapp 4,4 Milliarden Euro. Auf vergleichbarer Basis, bereinigt um Währungs- und Portfolioeffekte, waren es vier Prozent mehr. Dabei gestaltete sich das Chinageschäft schwierig. Der Auftragseingang sank auf vergleichbarer Basis um ein Prozent. Die Aktie verlor beinahe ein Zehntel an Wert auf 21,20 Euro. Während der Umsatz und das operative Ergebnis die Erwartungen übertroffen hätten, habe der Ordereingang sie verfehlt, urteilten Analysten von J.P. Morgan.
Ein positiver Einmaleffekt kommt aus dem wichtigen Absatzmarkt USA: Der Oberste Gerichtshof hat einen Großteil der von Präsident Donald Trump verhängten Zölle für unzulässig erklärt. Sie werden nun Schritt für Schritt zurückgezahlt. Philips meldet als einer der ersten europäischen Großkonzerne eine solche Erstattung, nämlich 186 Millionen Euro. Damit stünden nur noch ein paar Millionen aus, sagt Jakobs.
