
Die Entscheidung, die der katholische Pfarrer aus Oberursel im Taunus getroffen hat, ist zutiefst persönlich: Der Priester hat gegenüber dem Limburger Bischof den Verzicht auf die Pfarrei St. Ursula erklärt, weil er seine langjährige Partnerin heiraten will. Nach 37 Jahren im Priesterdienst steht er kurz vor dem Ruhestand. Dass ein Kirchenmann nach so langer Zeit wegen des Zölibats aufgibt, ist selten. Im Bistum Limburg hat es etwas Vergleichbares noch nicht gegeben – schon eher einmal, dass ein Kaplan oder junger Pfarrer hinwirft, weil er in einer Beziehung leben will.
Zwingende Folge des Schritts ist die Suspendierung vom Priesteramt. Die Pfarrei und die Gemeindemitglieder müssen sich jetzt sich neu sortieren. Auch darüber hinaus bewegt und berührt der Einzelfall. Denn darin bündelt sich ein allgemeiner Konflikt innerhalb der katholischen Kirche. Sie hält am Zölibat fest, obwohl er den Priestern viel auferlegt. Das Nachwuchsproblem in der Kirche verschärft sich dadurch erheblich: Eine enthaltsame Lebensweise ohne Ehepartnerin und Kinder kommt für viele junge Katholiken schlicht nicht infrage. Obwohl es nach wie vor einige gibt, die den Beruf des Pfarrers an sich durchaus verlockend fänden.
Eng mit dem Zölibat verknüpft ist die Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche. Der Oberurseler Pfarrer wünscht sich einen „Geist der Partizipation und Geschlechtergerechtigkeit“ – und trifft damit bei vielen einen Nerv. Hier zeigen sich immerhin erste Schritte, wenngleich vorsichtige. In Limburg gibt es unter dem Bischof eine Doppelspitze aus einem Generalvikar und einer Bischöflichen Bevollmächtigten. Generalvikarin heißt sie bisher nicht.
Der Bischof ist zurzeit viel im Taunus unterwegs. Zum Auftakt seiner Visitation war er in Kronberg, einer Nachbarstadt von Oberursel. Schon an der Kaffeetafel in einem Seniorenstift wurde der Spagat zwischen Tradition und Reformwillen deutlich, als es um die Voraussetzungen für das Priesteramt ging. Ein ganz anderer Wind, und zwar nicht gerade einer des Wandels, weht im Vatikan und in etlichen Ländern der Weltkirche, in denen die Zahl der Katholiken wächst statt schwindet. So muss sich die immer kleinere Zahl deutscher Priester vermutlich noch länger mit dem Zölibat auseinandersetzen. Der Oberurseler Pfarrer schreibt, er habe nach Kräften versucht, danach zu leben, müsse aber „anerkennen, dass ich dieses Charisma nicht wirklich in mir trage“. Dafür hat er 37 Jahre gebraucht.
