
Die Stichwahl in Peru hat in der Wahlnacht am Sonntag noch keinen Sieger hervorgebracht. Zu eng ist das Rennen zwischen der rechtskonservativen Keijo Fujimori und dem linken Roberto Sánchez. Erste Nachwahlumfragen bestätigten die Umfragen vor der Wahl, die keinen eindeutigen Favoriten gezeigt hatten. Fujimori lag leicht vorne, wie schon vor fünf Jahren, als sie am Ende doch dem linken Pedro Castillo unterlag. Auch die ersten offiziellen Resultate der Wahlbehörde am Sonntagabend zeigten Fujimori erwartungsgemäß vorne. Ein großer Teil der Stimmen aus ländlichen Regionen, wo Sánchez mehr Wähler hat, war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht erfasst. Eine erste Hochrechnung des Institutes Ipsos kam derweil zu einem technischen Gleichstand zwischen Fujimori und Sánchez. So konnte am Wahlabend vorerst kein Sieger ausgerufen werden.
Die Erbin von Alberto Fujimori
Die Wahl gilt als Richtungsentscheidung. Auf der einen Seite steht mit der 51 Jahre alten Keiko Fujimori eine der erfahrensten und zugleich umstrittensten Politikerinnen des Landes. Die Tochter des früheren Präsidenten Alberto Fujimori tritt bereits zum vierten Mal in einer Stichwahl um das Präsidentenamt an. Sie führt die rechtskonservative Partei „Volkskraft“ und steht für das etablierte politische System sowie für das marktwirtschaftliche Modell, das unter ihrem Vater in den 1990er Jahren verankert wurde. Im Wahlkampf versprach Fujimori eine Politik der harten Hand gegen die Kriminalität, den Einsatz des Militärs zur Unterstützung der öffentlichen Sicherheit und die Wahrung makroökonomischer Stabilität. Zugleich steht sie wegen Korruptionsvorwürfen gegen ihre Partei und wegen ihrer Rolle in den Machtkämpfen zwischen Parlament und Präsidentenpalast seit Jahren in der Kritik.
Ihr Kontrahent Roberto Sánchez, ein 57 Jahre alter Psychologe, Kongressabgeordneter und ehemaliger Minister, tritt für die Linksallianz „Gemeinsam für Peru“ an. Auch er polarisiert. Sánchez gilt als politischer Erbe des inhaftierten früheren Präsidenten Pedro Castillo. Wie Castillo trat er im Wahlkampf mit einem breitkrempigen Bauernhut auf, als Symbol seiner Nähe zur ländlichen Bevölkerung. Sein Programm sieht die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung vor, um die Verfassung von 1993 zu ersetzen. Sánchez fordert mehr staatlichen Einfluss in strategischen Sektoren wie dem Bergbau und eine stärkere Umverteilung des Reichtums. Gegenüber Investoren hat er seine Rhetorik zuletzt jedoch abgeschwächt. Viele Beobachter sahen in der Stichwahl zwischen Fujimori und Sánchez auch ein Abbild der tiefen Gräben zwischen dem ländlichen Süden und der städtischen Elite in Lima.
Acht Präsidenten in zehn Jahren
Das bestimmende Thema des Wahlkampfs war jedoch die massive Zunahme der Kriminalität, vor allem durch Erpressung und organisierte Gewalt. Offizielle Daten zeigen, dass sich die Anzeigen wegen Erpressung in den vergangenen fünf Jahren verfünffacht haben. Die Zahl der Tötungsdelikte hat sich im selben Zeitraum auf 2.226 Fälle verdoppelt. Die Entwicklung wird unter anderem auf die wachsende Präsenz organisierter Banden zurückgeführt, darunter auch Gruppen mit ausländischen Verbindungen wie der venezolanische Tren de Aragua. Ein weiterer Faktor ist der illegale Goldbergbau, der nach Schätzungen jährlich rund sieben Milliarden Dollar generiert und inzwischen als eine der wichtigsten Finanzierungsquellen krimineller Netzwerke gilt. Mehr als 80 Prozent der Peruaner gaben in Umfragen an, Angst davor zu haben, in den nächsten zwölf Monaten Opfer einer Straftat zu werden.
Die Wahl fand in einem Klima tiefer politischer Instabilität und extremer Politikverdrossenheit statt. Peru hat in den vergangenen zehn Jahren acht Präsidenten erlebt. Das politische System ist zersplittert, geprägt von Machtkämpfen zwischen Parlament und Exekutive sowie häufigen Absetzungsverfahren. Fujimoris Volkskraft spielte dabei immer wieder eine zentrale Rolle. Eine strukturelle Neuerung ist die Rückkehr zum Zweikammersystem, die 2024 beschlossen wurde und mit dieser Wahl wirksam wird. Künftig besteht das Parlament wieder aus einer Abgeordnetenkammer und einem Senat. Zudem greift eine Sperrklausel, die die Zahl der vertretenen Parteien verringern soll. Dennoch dürfte der künftige Präsident mit einem Kongress ohne stabile Mehrheitsverhältnisse regieren müssen. Das wird Reformen erschweren.
Mehr Arme trotz stabilen Wachstums
Trotz der politischen Turbulenzen gilt Perus Wirtschaft im regionalen Vergleich als bemerkenswert stabil. Das Land profitierte über Jahre von solider Finanzpolitik, niedriger Inflation und seinem Rohstoffreichtum. Peru gehört zu den wichtigsten Kupferproduzenten der Welt und ist auch ein bedeutender Goldproduzent. Für 2024 und 2025 wurde jeweils ein Wachstum von mehr als drei Prozent verzeichnet. In den zwei Jahrzehnten davor betrug das durchschnittliche Wachstum mehr als fünf Prozent pro Jahr. Der Bergbau bleibt der zentrale Motor, zugleich aber auch eine Quelle sozialer Spannungen. Besonders sichtbar ist das in Regionen wie Cajamarca, wo milliardenschwere Projekte vorangetrieben werden und zugleich der Widerstand gegen Bergbauvorhaben tief verankert ist.
Die Bergbauunternehmen drängen auf stabile Genehmigungsverfahren und soziale Befriedung. Fujimori gilt ihnen als Garantin des bestehenden Investitionsmodells. Auf Sánchez’ Pläne zur Neuverhandlung von Verträgen blickt die Wirtschaftsgemeinschaft dagegen skeptisch, auch wenn er zuletzt versicherte, keine Verstaatlichungen vorzunehmen. Der Grundkonflikt bleibt bestehen. Peru wächst, aber der Wohlstand kommt bei vielen nicht an. Heute leben rund zwei Millionen Menschen mehr in Armut als noch vor einem Jahrzehnt.
