Ein gutes halbes Jahr ist es her, da ist Stefan Pauly noch durch den grönländischen Schnee gestapft. Da trug der Flottillenadmiral noch Flecktarn und Stiefel, da befehligte er fünfzehn deutsche Soldaten auf einer „Erkundungsmission“, weil der amerikanische Präsident so unverfroren wie nie mit der Annexion der Polarinsel drohte. Da hat Pauly ein letztes Mal, und das auf großer Bühne, ganz offiziell seinem Land gedient.
Jetzt sitzt Pauly auf der Terrasse eines futuristischen Bürogebäudes in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs, die Sonne im Rücken, einen Bagel und eine Cola auf dem Tisch. Grönland ist weit weg. Die Uniform mitsamt den goldenen Sternen am Ärmel hat Pauly eingetauscht gegen eine ganz und gar zivile Kluft, er trägt ein lockeres Strickpolo, eine beige Chino, Loafer aus Wildleder.
Stefan Pauly ist jetzt Flottillenadmiral a. D., außer Dienst, im Ruhestand. Und vor allem ist er jetzt Unternehmensberater.
Mit 63 Jahren beginnt für Pauly gerade eine zweite Karriere. Sein Arbeitgeber heißt nicht mehr Bundeswehr, sondern Eraneos: eine aufstrebende Beratungsfirma mit Hauptsitz in der Schweiz, Jahresumsatz zuletzt 310 Millionen Euro, die sich gerade vor allem im Bereich der Rüstung und Verteidigung etabliert.

Wettkampf um die besten Leute
Generäle und Admiräle außer Dienst sind gefragte Leute. Sie sitzen in Talkshows, schreiben Bücher, halten Vorträge – und sind, wie Stefan Pauly, immer öfter in Unternehmen anzutreffen. Denn wo ein Land kriegstüchtig werden will, wo allein in diesem Jahr 108 Milliarden Euro in die Verteidigung fließen, da gibt es Geld zu verdienen. Wie und wo genau das geht, das weiß kaum jemand besser als diejenigen, die die Bundeswehr jahrzehntelang von innen kennengelernt haben.
Zwischen den Beratungshäusern und Rüstungsfirmen ist ein stiller Wettkampf um die pensionierten Generäle und Admiräle entbrannt, je angesehener und vernetzter, desto begehrter sind sie. „Das war alles ganz automatisch, ich habe mich gar nicht beworben, trotzdem hatte ich sehr viele Anfragen“, erinnert sich Jürgen Ehle. Knapp zwei Jahre ist es her, dass der Konteradmiral vom Verteidigungsminister in den Ruhestand verabschiedet wurde – nach 48 Jahren und zwei Monaten als damals dienstältester Soldat der Bundeswehr. Ein Foto von diesem Tag zeigt Ehle händeschüttelnd mit Verteidigungsminister Boris Pistorius. Ein paar Tage später klingelte das Handy: Es war Rheinmetall-Chef Armin Papperger, der Ehle als persönlichen Berater gewinnen wollte. Ehle sagte zu. Das sei heute sein Hauptjob, neben einer Handvoll weiterer Mandate, etwa von KPMG.
Die Unternehmen versprechen sich viel von ihren neuen Mitarbeitern: Kontakte, Wissen, Prestige. „Ein Generalstabslehrgang, das gehört zur Königsklasse der Ausbildung“, sagt Rainer Bernnat, der bei PWC für die Kunden im öffentlichen Sektor zuständig ist. Permanent würden die Soldaten zudem in neue Verwendungen geschickt. „Dadurch bekommen sie einen enormen Weitblick in die Organisation und sind politisch extrem gut geschult. Das sind Topmanager mit einer Topausbildung.“ PWC arbeitet zum Beispiel mit einem pensionierten General zusammen, wenn es um die Frage geht, wie die Infrastruktur bei der DB Cargo angepasst werden muss. „Ein Praktiker aus der Militärlogistik, der mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung unsere Konzepte challengt, ist unglaublich hilfreich“, sagt Bernnat.

Neue Freiheiten in den Unternehmen
Stefan Pauly wirkt geradezu befreit, wenn er über sein neues Leben spricht. Seit drei Monaten begegnet er auf dem Flur seinen Kollegen, nicht Kameraden. Heute steht keiner mehr stramm: Für sie ist er der Stefan, nicht der Admiral. Jetzt heißt es Co-Working-Space statt Kaserne. Überhaupt, Pauly kann jetzt Homeoffice machen, einfach mal zu Hause bleiben in Potsdam, wofür es in der Bundeswehr vorher an entsprechenden IT-Strukturen fehlte. „Ich war schon sehr neugierig, wie es ist, außerhalb der Bundeswehr zu arbeiten“, sagt Pauly. Was ihm besonders auffällt: „Der Inhalt ist nicht so starr vorgegeben – wenn wir eine Idee haben und der Kunde einverstanden ist, wird einfach ein neuer Weg eingeschlagen.“ Das sei durch die langfristige Planung der Streitkräfte anders gewesen.
Jürgen Ehle, 68, kommt gerade von einer Reise nach Tokio zurück, wo er für seinen neuen Chef die Geschäftschancen in Japan ausloten sollte. Lernt er ein interessantes Unternehmen kennen, so arrangiert er ein Meeting für Papperger. Generell sei er viel in Asien unterwegs, denn dort will Rheinmetall wachsen. „Selbst wenn Sie kein aktiver Admiral mehr sind, wenn das auf der Visitenkarte steht, ist das ein unglaubliches Pfund“, sagt Ehle. Die Generäle und Admiräle verliehen ihm „street credibility“, so sagt es einer, der sich mehrere von ihnen als „Advisor“ leistet: Sie helfen, Beratungsmandate zu gewinnen. Der Titel strahlt weiter, daran ändert das kleine „a. D.“ wenig.
Ehle war eng eingebunden, als Rheinmetall die Werft NVL übernommen hat, um sich ein maritimes Standbein aufzubauen, war dabei, als ein Team von Papperger die erste Begehung der Werft im Hamburger Hafen gemacht hat. Dass ihm die „business world“ so viel Spaß macht, das habe er nicht gedacht. Zuvor war er in verschiedenen Positionen in der EU und NATO tätig. „Wenn ich an die Zeit in Brüssel denke, muss ich sagen: Da geht in der Wirtschaft vieles einfacher und schneller als in Institutionen, man kann sich mit seinen Ideen besser durchsetzen.“ Der Bundeswehr selbst dürfte durchaus recht sein, dass einige Generäle früher in Pension gehen. Die Streitkräfte gelten als kopflastig, es ist mitunter schwierig, den nächsten Dienstposten zu finden.
Immer mehr Wechsel in die Wirtschaft
Doch klar ist auch: Die Ziele der Unternehmen decken sich nicht unbedingt mit denen der Steuerzahler. „Die Frage ist doch: Wird da Wissen auf eine Weise genutzt, dass es eher den Interessen der Unternehmen nützt als denen des Landes?“, sagt Sebastian Schäfer von den Grünen, der im Haushaltsausschuss über die Verteidigungsausgaben wachen soll. Auch Schäfer ist bereits aufgefallen, dass auf Rüstungsmessen immer öfter ehemalige Soldaten im Dienst von Unternehmen unterwegs sind.
Ein Eindruck, den Zahlen des Verteidigungsministeriums belegen, die der F.A.S. vorliegen. Demnach wurden zwischen Mitte Dezember 2024 und Mitte Juni dieses Jahres, also innerhalb von gut anderthalb Jahren, 332 Fälle dokumentiert, in denen jemand aus der Bundeswehr eine neue Tätigkeit in einem Rüstungsunternehmen oder einem entsprechenden Verband angezeigt hat. In den rund drei Jahren zuvor, also einem doppelt so langen Zeitraum, waren es 411 Fälle. Fast alle nehmen die neue Tätigkeit erst nach ihrer Pensionierung auf.
Schäfer sagt, er finde es grundsätzlich gut, wenn die Ex-Soldaten ihr Wissen weitergäben, zum Beispiel im Rahmen von Vorträgen an Hochschulen. „Aber wenn das genutzt wird, um Rheinmetall noch reicher zu machen, finde ich das schwierig.“ Man dürfe nicht naiv sein – wo so viel Geld in die Aufrüstung fließt, gehe es um knallharte materielle Interessen, mitunter auch bei den Ex-Soldaten, die nun die Seiten wechselten.
In anderen Ländern üblicher
In der Branche ist von üblichen Tagessätzen zwischen 1500 und 4000 Euro zu hören, wobei die Honorare in Einzelfällen angeblich auch deutlich höher liegen können. Ehle will nicht preisgeben, was er heute bei Rheinmetall verdient, aber er sei zufrieden.
Pauly, der bei Eraneos fest angestellt ist, sagt: Etwas höher als bei der Bundeswehr sei sein Verdienst heute schon. Das Geld allerdings will er nicht als Hauptantrieb verstanden wissen. „Die Pension als Admiral ist sehr auskömmlich“, sagt Pauly. „Es lohnt sich zwar finanziell, aber vor allem lohnt es sich für den Kopf.“ Ihm gehe es auch darum, den „Disconnect“ zwischen Gesellschaft und Militär zu überwinden, den er vor allem seit dem Aussetzen der Wehrpflicht beobachte.
Dass Generäle in die Wirtschaft gehen, ist in anderen Ländern üblicher, wie Christian Badia in den USA selbst erlebt hat. In Norfolk, Virginia, war der Vier-Sterne-General bis zu seiner Pensionierung als ranghöchster deutscher Soldat in der NATO für die strategische Zukunftsplanung der Allianz verantwortlich. „Es braucht heute eine engere Abstimmung zwischen Militär und Unternehmen.“ Man sehe es an den Drohnen in der Ukraine: Dort seien die Soldaten permanent in Kontakt mit den Herstellern. „Die Militärs geben ihre Erfahrung weiter, sagen, wie es besser funktioniert“, so Badia. „Aber Innovation wird am Ende in der Industrie umgesetzt.“

Badia berät heute diverse Unternehmen: Family Offices, die wissen wollen, mit welchen Rüstungsinvestments sich Geld verdienen lässt, Versicherungen, die wissen wollen, wo die nächsten geopolitischen Risiken lauern, den britischen Messeveranstalter DSEI, der für nächstes Jahr erstmals einen Ableger seiner Londoner Rüstungsmesse in Hannover plant. Zudem hält er regelmäßig Vorträge bei Veranstaltungen, gerade kommt er von einem Vortrag vor jungen Unternehmern an der TU München: „Ich will den Leuten schon auch immer wieder sagen: Es lohnt sich, für dieses Land einzustehen.“
Prüfung durch das Verteidigungsministerium
Die Generäle und Admiräle sehen sich als „Übersetzer“ zwischen Militär und Wirtschaft. „Die zivile Welt versteht nicht notwendigerweise die Sprache der Militärbubble“, sagt Stefan Pauly. „Wir bringen diese Transferleistung.“ Das kann auch heißen, dass Pauly Eraneos auf eine Ausschreibung hinweist, auf die das Unternehmen wiederum seine Kunden aufmerksam macht.
In Deutschland prüft das Bundesverteidigungsministerium, wenn Soldaten in Unternehmen und Verbänden tätig werden, auch bis zu fünf Jahre nach ihrer Pensionierung. „Dienstliche Interessen“ dürfen durch die neue Tätigkeit nicht beeinträchtigt werden, so steht es im Soldatengesetz. Wer etwa im Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz gearbeitet hat, kann nicht in die Vertriebsabteilung einer Rüstungsfirma wechseln.
Auch Jürgen Ehle musste sich seinen neuen Job bei Rheinmetall genehmigen lassen. Dort berät er die Firma unter anderem dazu, wie man an Geld aus den zahlreichen europäischen Fördertöpfen für die Aufrüstung gelangt. Ehle kennt sich aus dank der vielen Jahre in Brüssel, zuletzt als militärpolitischer Berater im Europäischen Auswärtigen Dienst. Ist der Konteradmiral außer Dienst jetzt ein Lobbyist im Dienst von Rheinmetall? Ehle verneint: „Ich war in der EU im militärisch-strategischen Bereich angesiedelt und nicht im Rüstungsbereich.“ Seine neuen Tätigkeiten seien vom Verteidigungsministerium sauber geprüft und genehmigt worden.
Ein Interessenkonflikt bleibt
Allerdings ist wohl kaum ein Wirtschaftszweig derart politisch wie die Rüstung, sind doch Regierungen schlussendlich die einzigen Kunden. „Klar, man hat Kontakte, und darin besteht ein Mehrwert für das Unternehmen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, was im Rahmen des Erlaubten daran verboten oder anrüchig sein soll.“ Für Armin Papperger hat Ehle zum Beispiel ein Gespräch mit dem Kommandeur des Weltraumkommandos arrangiert, den er von früher kennt: Was braucht es in Zukunft an Technologien im Weltall, was kann die Industrie bieten? Das sei eine gute gegenseitige Information.
Und im besten Falle ist es ja auch so: Die Unternehmen verdienen Geld mit ihren Produkten und Leistungen, das Land verbessert seine Sicherheit. Doch ein inhärenter Interessenkonflikt bleibt, wenn ein Unternehmen seinen Gewinn maximieren, das Land hingegen Preis und Leistung der Aufrüstung optimieren will.
Die Debatten, was erlaubt sein sollte und was nicht, sind nicht neu. Vor 20 Jahren waren zwei hochrangige Generäle in den Schlagzeilen, weil sie gut dotierte Posten als Aufsichtsräte in Rüstungsfirmen aufnahmen. Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck nannte ein solches Verhalten von Generälen „unanständig“, der heute im Ruhestand befindliche SPD-Politiker Rainer Arnold hingegen fand, die beiden hätten das Recht, sich wie jeder andere Bürger auch „beruflich zu orientieren“.
Aber Soldaten, zumal im Dienstgrad eines Generals oder Admirals, sind eben nicht wie jeder andere Bürger. Sie sind mitunter „Geheimnisträger“, haben Informationen, die für die nationale Sicherheit relevant sind – und für Unternehmen durchaus interessant wären. Die Frage liegt nahe, welchen Wert ein General für eine Firma hat, wenn er doch nur erzählt, was öffentlich bekannt ist. Klar ist: Wer vertrauliche militärische Informationen teilt, auch nach der aktiven Zeit bei der Bundeswehr, muss hohe Strafen fürchten.
„Ganz viel lässt sich ohnehin mit gesundem Menschenverstand ableiten, es sind so viele relevante Informationen bekannt – da muss ich gar nicht in irgendwelche Geheimnisse einsteigen“, sagt Stefan Pauly, der vor seiner Pensionierung im Operativen Führungskommando der Bundeswehr am streng vertraulichen Operationsplan Deutschland mitwirkte. Auch ohne Details aus dem Operationsplan sei klar, dass etliche Lkw-Fahrer aus Osteuropa fehlen, sollten sie als Soldaten in ihre Heimatländer einberufen werden. „Hier muss man sich Gedanken machen: Was bedeutet das für mein Geschäftsmodell?“ Oder: Was kommt auf die Krankenhäuser zu, wenn die Sanitäter und Ärzte der Bundeswehr an die NATO-Ostgrenze gehen?
Fragen wie diese werden den Unternehmen so schnell nicht ausgehen – und so bleibt viel zu tun für die pensionierten Generäle und Admiräle. Jürgen Ehle sagte noch bei seinem Abschied aus der Bundeswehr, er wolle es nun erst mal langsam angehen lassen, endlich seine Privatpilotenlizenz erneuern. Aber das war vor dem Anruf von Armin Papperger. Dazu gekommen ist er noch nicht.
