Wie lässt sich das Erbe einer der bedeutendsten Malerinnen der Moderne heute begreifen? Anlässlich des 150. Geburtstags von Paula Modersohn-Becker setzt sich die Künstlerin Sibylle Springer mit wegweisenden, aber unterschätzten Künstlerinnen auseinander. Für das Jubiläum der jung gestorbenen Malerin, die eng mit der Künstlerkolonie Worpswede verbunden war, hat Sibylle Springer textile, tragbare Objekte hergestellt, die Porträts von Modersohn-Becker und ihrem Umfeld zeigen.
Sibylle Springer hatte die Idee, als Performerin in „wearable art pieces“ vor Bilder von Paula Modersohn-Becker zu treten und so Spannung zwischen der musealen Stille der Gemälde und der Dynamik der textilen Interventionen zu schaffen. Die Künstlerin schätzt an den Hoodies, Pullovern oder Jumpsuits aber auch, dass sie im Gegensatz zu Bildern, die in Galerien oder Museen gezeigt werden, nicht in einem White Cube verschwinden, der meist von einer elitären kleinen Gruppe besucht wird. „Ich kann meine Message damit auch transportieren, wenn ich mich im Stadtraum bewege, und komme auch sofort auf der Straße und im Zug ins Gespräch“, sagt sie. Kunstsammler hängen ihre textilen Werke aber auch klassisch an die Wand.
Sibylle Springer beschreibt ihre Arbeitsweise mit den Textilien als einen ständig tastenden Prozess, der viele Probestücke und Detailübungen benötigt, etwa von Augen, Mündern, Ranken und Schriftzügen. „Die Umsetzung der Motive durch Maschen in Stoff ist kompliziert und dauert sehr lange, schnell werden aus den Bildern kleine Monster“, sagt sie.
Sie arbeitet mit Wolle aus Seide und Mohair, weil damit flüssige und malerische Übergänge möglich sind und die Flusen wie Layer in der Malerei wirken. Bei fast jeder zweiten Masche wechselt sie die Farbe. „Das Tolle ist, dass man dadurch auf der linken Seite viele Fäden hat und die Rückseite wie ein abstrakter Flokati wirkt.“ Zum Alltag der Künstlerin gehört aber auch: Das obsessive Stricken an ihren Werken brachte ihr unlängst eine Schulterentzündung ein.

Die Künstlerin, die 1975 geboren wurde, beschreibt den Beginn ihrer Beschäftigung mit Frauen in der Kunst als „eine Art Schockerlebnis“. Denn warum wurden und werden Frauen in der Kunstgeschichte nicht gewürdigt? Diese Frage war schon ihr Leitmotiv im Studium der Malerei in Bremen und Florenz. Ausgangspunkt war das Interesse für Alte Meisterinnen wie die Künstlerin Artemisia Gentileschi aus dem 17. Jahrhundert. Zudem erforschte sie die Welt der Düsseldorfer Hofmalerin Rachel Ruysch, die zu ihrer Zeit eine auch wirtschaftlich erfolgreiche Malerin war – vor zwei Jahren wurde ihr in der Alten Pinakothek in München eine erste Ausstellung gewidmet.
Vor zehn Jahren hatte Sibylle Springer schon begonnen, ihre Bilder in ihre eigene Bildsprache zu übertragen. Außerdem thematisiert sie die Arbeiten der deutschen Malerinnen-Schwestern Barbara und Margaretha Dietzsch, die im 18. Jahrhundert Blumen-Stillleben malten und mit ihren Distelpflanzen-Bildern bekannt wurden. „Sie malten alles, was sticht und piekst und unkomfortabel ist.“ Könnte eine subversive Botschaft an ihre Betrachterinnen sein, sich Platz zu verschaffen.
„Becoming Paula: London Berlin Worpswede Paris“, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, bis 1. November 2026
„Impuls Paula. Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker“, bis 1. November 2026, Museen Worpswede
Die Autorin spricht am 1. Oktober um 18.30 Uhr im „Paula knitting fashion talk“ mit Sibylle Springer und Frank Schmidt im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen.

