Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse wanken, geraten selbst die stärksten Männer in Krisen. Kaum ein Künstler hat das auf so vielen Ebenen des sozialen Gebäudes „USA“ durchgespielt wie Paul Schrader. In seinem Film „First Reformed“ (2017) lässt er Ethan Hawke als Pfarrer mit Gott ringen. Fast 20 Minuten widmet er gleich zu Beginn einem Gespräch zwischen dem Pastor einer sehr kleinen Gemeinde im ländlichen Teil des Bundesstaates New York und einem seiner verirrten Schafe. Der junge Mann ist gerade aus einem Gefängnis in Kanada entlassen worden, als Gnadenerweis, weil seine Frau schwanger ist. Er erzählt dem Geistlichen vom Untergang der Erde durch den Klimawandel: Wie könne man da ein Kind in die Welt setzen? Ausgerechnet der Pastor argumentiert mit dem Selbstbestimmungsrecht der Ehefrau über den eigenen Körper, stürzt nach dem Gespräch jedoch in eine Glaubenskrise, an deren Ende er sich mit den korrupten Oberhäuptern einer Megachurch anlegt.
Mit 17 Jahren das erste Mal im Kino
„First Reformed“ ist der erste Teil einer Trilogie, für die Schrader neben religiöser Radikalisierung sowohl amerikanische Verbrechen im Irakkrieg („The Card Counter“, 2021) als auch rechtsextreme Gewalt („Master Gardener“, 2022) zum Ausgangspunkte für harte Selbstbefragungen seiner Protagonisten wählt. Aus den drei Arbeiten seines Spätwerks ragt er als persönlichster Film heraus. Geboren 1946 in Michigan, wuchs Schrader als Kind nämlich unter strengen religiösen Regeln auf. Seine Familie gehörte einer Gemeinde der calvinistischen Christian Reformed Church an; Unterhaltungsmedien waren dem Kind untersagt. Erst mit 17 Jahren besuchte er zum ersten Mal ein Kino. Später begründete er mit diesem späten Erstkontakt gern seinen eher analytischen und weniger emotionalen Zugang zu diesem Medium.
Bevor er selbst Regie führte, war er Kritiker und schrieb sich anschließend mit den Drehbüchern zu Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980) in die Filmgeschichte ein. Schon 1971, als er gerade an der UCLA-Filmschule studierte, schrieb er das Buch „Transcendental Style in Film“. Darin schlägt er einen Bogen von eigenen Filmbeobachtungen über Gilles Deleuzes Ideen von Zeit und Bewegung im Kino bis hin zu den Filmen von Ozu, Bresson und Dreyer, die ihn mit ihren sparsamen Schnitten und langsamen Einstellungen in ähnliche kontemplative Zustände versetzten, wie er sie als Kind in der Kirche erlebt hatte. Lässt ein Film dem Zuschauer Zeit, wird der beim Betrachten der Bilder mit den eigenen Gedanken und Rückschlüssen konfrontiert.
Diese Prämisse lag bereits Filmen zugrunde, die Schrader in den Achtzigerjahren berühmt machten, etwa dem Gigolo-Thriller „Ein Mann für gewisse Stunden“, in dem Schrader Richard Geres Charakter über das sorgfältige Auswählen schimmernder Armani-Anzüge ausmalte, oder dem Jacques-Tourneur-Remake „Katzenmenschen“, in dem er Nastassja Kinskis Verwandlung in eine gefährliche Raubkatze durch das Auflösen der Nacht in Neonfarben glaubhaft machte.
Wie steht ein solcher Regisseur zu realen Krisen wie der Bedrohung der Filmschaffenden durch Künstliche Intelligenz? Er hat damit experimentiert, nämlich ChatGPT zunächst mit seinen Drehbüchern gefüttert, ließ das Programm dann ein Skript in seinem Stil schreiben und stellte fest: „Ein zweitklassiger Schrader-Film kommt dabei schon raus. Wie lange braucht es noch, bis der erstklassig ist? Oder bis wir Darsteller komplett durch KI ersetzen, weil sie uns dann keine Gagen mehr kosten und 24 Stunden am Tag arbeiten können?“
Er selbst habe von dieser neuen Technik nicht mehr viel zu befürchten, sagte er im Mai in Los Angeles vor jungen Filmemachern. „Ich werde in der Lage sein, noch auf dem alten klapprigen Gaul, den sie Film nennen, in einen Kinosonnenuntergang zu reiten.“ Paul Schrader wird an diesem Mittwoch achtzig Jahre alt.
