
Frankreich gelte nicht mehr nur als abschreckendes Beispiel für eine fortgeschrittene Säkularisierung im Namen der Laizität, der 1905 gesetzlich beschlossenen Trennung von Kirche und Staat. Vielmehr interessiere sich der Papst dafür, wie die Kirche trotz der widrigen Rahmenbedingungen durchgehalten habe. Frankreich hat 2024 ein Recht auf Abtreibung in der Verfassung verankert und im Juli dieses Jahres ein Gesetz zu aktiver Sterbehilfe verabschiedet. Beides war von der Bischofskonferenz verurteilt worden. Zugleich erfährt die Kirche neuen Zulauf.
Die Zahl der Erwachsenentaufen in Frankreich hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht. Der Wallfahrtsort Lourdes zieht inzwischen annähernd vier Millionen Pilger jährlich an. Die Fußwallfahrt von Paris nach Chartres zu Pfingsten erlebt einen großen Zustrom von jungen Leuten. Innerhalb von einer Viertelstunde waren alle 70.000 Plätze für die Jugendmesse des Papstes im Stade de France im Vorort Saint-Denis reserviert.
Vom Ansturm auf die Plätze für die Papstmesse am Concorde-Platz und auf den Champs-Élysées wurde das Erzbistum Paris überrascht. Nun wurde auch die angrenzende Avenue de la Grande Armée freigegeben. Aus Sicht Avelines war das früh säkularisierte Frankreich nur der Entwicklung voraus, die inzwischen alle europäischen Konsumgesellschaften, auch Spanien, Irland oder Polen, erfasst hat. „Den Papst interessiert, wie der Glaube sich in erschöpften Gesellschaften regeneriert“, sagt Aveline.
Der Papst will die europäische Einigung bekräftigen
Zugleich wandelt Leo XIV. in Frankreich auf den Spuren von Johannes Paul II. Den letzten Tag seines Pastoralbesuches will der Papst in der lothringischen Stadt Metz der europäischen Einigung widmen. Im Oktober 1988 hatte Johannes Paul II. dort der tragischen Geschichte der zwischen Deutschland und Frankreich umstrittenen Region gedacht und an das Wirken Robert Schumans erinnert, eines der Gründerväter der europäischen Einigung.
Daran will Leo XIV. anknüpfen, auch wenn er aus logistischen Gründen auf einen Besuch im Haus Schumans verzichtet. Der polnische Papst machte sich zum Sprecher der Völker hinter dem Eisernen Vorhang und betonte ihren Freiheitswillen. Leo will dem Vernehmen nach die Bedeutung der europäischen Einigung ins Bewusstsein zurückrufen, auch vor dem Hintergrund, dass in Washington die einstige Förderrolle abgelehnt wird.
Bei den ersten Europäischen Begegnungstagen im katholischen Collège des Bernardins in Paris vergangene Woche betonte Kardinal Reinhard Marx die christliche Grundierung der europäischen Einigung. Diese sei unübersehbar, auch wenn mit Rücksicht auf Frankreich darauf verzichtet wurde, die christlichen Wurzeln ausdrücklich in den europäischen Verträgen zu erwähnen. Der Erzbischof von München und Freising sagte bei dem hochrangig besuchten Seminar, dass ein demokratisches Europa nicht ohne die christlichen Prinzipien der Nächstenliebe und Barmherzigkeit vorstellbar sei.
Macrons Wünsche wurden nicht erfüllt
Das europäische Engagement der Gründerväter Europas wie Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Schuman gründete auf ihrem christlichen Glauben. In Metz ist eine Würdigung Schumans geplant. Als französischer Außenminister hatte er mit der „Schuman-Erklärung“ vom 9. Mai 1950 über eine gemeinsame Aufsichtsbehörde für die Stahl- und Kohleproduktion den Grundstein für die Europäische Gemeinschaft gelegt.
Präsident Emmanuel Macron hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sowie alle anderen 25 EU-Partner nach Metz eingeladen. Zugleich hat sich der Vatikan nach Informationen der Zeitung „La Croix“ vor einer Vereinnahmung des Papstes durch Macron verwahrt. So soll Leo XIV. eine Einladung zu einem Staatsbankett ausgeschlagen haben. Der Heilige Stuhl lehnte auch die Ehrung Leos XIV. mit dem Großkreuz der Ehrenlegion ab.
Zudem soll Macron der Wunsch verweigert worden sein, gemeinsam mit dem Papst Handwerker in der Kathedrale Notre-Dame zu empfangen, die am Wiederaufbau nach dem Brand 2019 mitwirkten. Der Papst hat indessen bestätigt, dass er Notre-Dame zu einem Abendgebet besucht. Viele Gläubige in Frankreich hatte es verwundert, dass Papst Franziskus nicht zur Wiedereröffnung der Kathedrale nach Paris gekommen war.
Der Papst beginnt seine Frankreich-Reise mit einem Empfang im Élysée-Palast. Das Präsidialamt wies die Darstellung zurück, dass es Irritationen gegeben habe. Es habe sich nur um Vorschläge des Gastgebers gehandelt. Bereits im vergangenen Jahr hatten amerikanische Influencer aus dem MAGA-Lager Gerüchte angeheizt, der amerikanische Papst wolle Macron keine Audienz gewähren.
Diese Gerüchte erwiesen sich als unbegründet. Macron hat wie die meisten seiner Vorgänger die Würde des Ehrenkanonikers von St. Johannes im Lateran angenommen, die französischen Staatsoberhäuptern seit 1604 zusteht. Im April empfing Leo XIV. Macron zu einer Audienz. Dabei ging es auch um die Missbrauchsfälle, die Frankreichs Kirche erschüttern. Der Papst will sich in Lourdes mit einer kleinen Gruppe von Missbrauchsopfern austauschen.
