Hamza Howidy fühlt sich manchmal wie der einsamste Palästinenser auf der Welt. „Ana lahale“, so heißt das in seiner arabischen Muttersprache. Der Neunundzwanzigjährige demonstrierte gegen die Hamas in Gaza, wurde deshalb gefoltert und musste seine Heimat verlassen. Gleichzeitig kritisiert er die israelische Regierung und deren rücksichtslose Kriegsführung im Küstenstreifen. Inzwischen lebt er in Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er wird lediglich geduldet – ein Zustand, der sich schnell ändern kann. Wie ist aus dem Jungen, der in Gaza geboren und aufgewachsen ist, jemand geworden, der nun gemeinsam mit Israelis für Frieden wirbt?
In seinem Buch „Muscheln am Strand von Gaza“, das Howidy zusammen mit der „taz“-Auslandsjournalistin Judith Poppe verfasst hat, zeichnet er seinen Weg nach. Darin stellt er die widersprüchlichen Haltungen und Strömungen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft dar und gewährt einen Einblick in das dichtbesiedelte Gebiet, das seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 im Zentrum der globalen Politik steht. Wie lebten die rund zwei Millionen Menschen bis zu dieser Zäsur? Und auf welchen Fundamenten fußt die Herrschaft der Hamas?
„Die Hamas verwandelte Gaza in einen Ort der Angst“
Howidy wuchs im Al-Rimal-Viertel auf, das an der Küste liegt. Die Häuser waren im europäischen Stil gehalten, elegant, mit Kleingärten. Durch das Viertel verlief die Omar-Mukhtar-Straße, die er als Champs-Élysées von Gaza bezeichnet: Hier gab es Restaurants, Geschäfte und den berüchtigten Straßenmarkt Al Joundi. Das sei seine Welt gewesen. Breite Straßen mit Bäumen, der Duft von Jasmin aus den Gärten, das rauschende Meer, Eisdielen. Al Rimal symbolisierte das, was Gaza sein sollte – wohlhabend, schön, voller Möglichkeiten.

Howidy stammt aus einer gut situierten Familie. Sein Großvater hat einen Hotelbetrieb aufgebaut, nachdem er sein Restaurant in Jaffa während der „Nakba“ (Katastrophe), der Massenvertreibung und Enteignung von Palästinensern während des Krieges rund um die Staatsgründung Israels 1948, verloren hatte. Howidys Vater war Computeringenieur, der in Kairo und Birmingham studierte und als technischer Berater in der Stadtverwaltung in Gaza arbeitete. Seine Mutter war Hausfrau und zog sechs Kinder groß.
Im Jahr 2007 hörte der zehnjährige Howidy Schreie und Schüsse. Er sah, „wie Hamaskämpfer auf einem Motorrad durch die Menge fuhren. Sie hatten einen toten Körper mit einem Seil am Motorrad befestigt und zogen ihn wie eine Trophäe hinter sich her, die Straßen rauf und runter“. Die islamistische Hamas und die säkulare Fatah lieferten sich bürgerkriegsähnliche Gefechte. „Innerhalb weniger Stunden erließen sie Fatwas, die jede Kugel, jede Verstümmelung, jede Hinrichtung auf offener Straße rechtfertigten.“ Für die Terroristen galten Anhänger der Fatah als „Verräter“ und „Ungläubige“ – und somit sei es nicht nur erlaubt, sondern auch eine „heilige Pflicht“ gewesen, palästinensische Mitbürger zu töten. „Die Hamas“, schreibt Howidy, „verwandelte Gaza in einen Ort der Angst und benutzte die Religion, um die Taten zu rechtfertigen.“ Das Ergebnis: Die Hamas vertrieb die Fatah und übernahm die Kontrolle über das Gebiet.
Die Indoktrination fängt schon früh an
Als er mitbekam, wie Hamasterroristen am 7. Oktober 2023 israelische Kibbuzim stürmten, Zivilisten abschlachteten und sich in blutverschmierten Wohnzimmern filmten, sei ihm das nicht wie eine „genuin neue Gräueltat“ vorgekommen. Schließlich kannte er den ostentativen Stolz der Hamas aufs Töten und die Ideologie dahinter. Gleichwohl waren seinem Vater und ihm bewusst, was das Massaker bedeuten würde: „Das war kein Widerstand. Das war Mord – und Selbstmord, und Gaza würde den Preis dafür zahlen.“
Howidy schildert ausführlich, wie früh die Indoktrination und der Hass auf Israel anfängt. Im Alter von sechs Jahren kam er in die Schule nach Dar Al Arqam – eine private, religiöse Schule, unweit der israelischen Grenze –, betrieben und finanziert von Menschen, die der Hamas nahestanden. Saubere Klassenzimmer, Disziplin, kleine Lerngruppen, etwa 20 Mitschüler. Fächer wie Mathematik, Arabisch und Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Zudem vertieften sie sich in islamisches Recht, Hadithe (die Aussprüche des Propheten Mohammed) und das Auswendiglernen des Koran. Auch eine Moschee soll es in der Schule gegeben haben. „Ich war einer von ihnen, ich war religiös, ich glaubte, was uns gesagt wurde“, merkt Howidy an – bis er begann, kritische Fragen zu stellen. Sein „stilles Unwohlsein“ mit den religiösen Regeln wurde größer.
Proteste gegen die Hamas: „Wir wollen leben!“
Eine wichtige Beobachtung, die hierzulande oft untergeht, zeichnet Howidys Buch aus: „Die Hamas ist nicht nur eine Miliz, sondern sie stellt seit fast 20 Jahren auch die Regierung. In der kleinen Enklave, die Gaza ist, ist es schlichtweg unmöglich, den Kontakt mit der Hamas zu umgehen.“ Die Schulen, die Moscheen, die Behörden, die sozialen Einrichtungen, die perfiden Tunnelsysteme. Doch Howidy und seine Freunde träumten von Musik, Freiheit und einem Ort, wo sie nicht von „Angst und Schuldgefühlen gequält“ werden würden. Schließlich las er die Bücher von Hamed Abdel-Samad und wandte sich vom Islam ab.

Howidy, der Wirtschaft und Verwaltung an der Islamischen Universität studierte, wurde hoffnungsloser. Die Korruption sei überall sichtbar gewesen. Keine Arbeitsplätze, keine Wohnung, keine Perspektive, von der Welt isoliert. Deshalb organisierte Howidy 2019 eine Demonstration gegen die Hamas in Jabalia mit. Sie skandierten: „Wir wollen leben!“ (Bidna na’eesh), bis uniformierte Männer von der Hamas eintrafen und die Demonstranten mit Schlagstöcken verprügelten. Über tausend Menschen wurden verhaftet.
Zu den Stärken des Buches gehören die Szenen, in denen Howidy rekonstruiert, was er in der Haft erlebt hat. In einem 25 Quadratmeter großen Raum mit zehn Menschen, ohne Fenster, Betten, Decken. Alle teilten sich eine Toilette. Der Geruch sei „erbärmlich“ gewesen. „Sie schlugen mich täglich. Bei jedem Verhör. Mit dem Gartenschlauch. Mit Ketten. Nach einer Woche steigerten sie die Qualen. Sie zogen mir eine schwarze Plastiktüte über den Kopf, bis mir die Luft ausging.“
Er zahlt einen hohen Preis
Sie beschuldigten ihn, für den Geheimdienst in Ramallah zu arbeiten oder ein Spion (Jasus) für Israel zu sein. Das offenbarte ihre „paranoide Weltsicht“. 22 Tage nach seiner Verhaftung kam er über Kontakte seines Vaters frei. „Ich wollte einfach nur, dass die Folter aufhörte. Ich wollte diese Hölle verlassen.“ Im Jahr 2023 organisierten sie abermals Proteste, die in verschiedenen Teilen des Gazastreifens stattfanden. Die Lebensmittelpreise waren gestiegen, und die Arbeitslosigkeit wuchs. Wieder wurde Howidy festgenommen. Er kam frei, doch dieses Mal machte ihm die Hamas deutlich: Sollte er ein drittes Mal demonstrieren, bringen sie ihn um. „Ich konnte so nicht mehr leben“, resümiert Howidy, dem klar wurde, dass er fliehen muss.
In sechs beklemmenden Kapiteln gewährt Howidy einen wertvollen Einblick in das Innenleben des Gazastreifens, erstellt ein Psychogramm der Hamas und nimmt den Leser mit auf seine Flucht nach Europa. Letztlich steht er zwischen allen Stühlen: in der arabisch-palästinensisch-migrantischen Gemeinde, in Israel und in Deutschland. Er wehrt sich gegen die selektive Instrumentalisierung seiner Positionen, gibt Workshops an Schulen und pflegt den Austausch mit Israelis. Howidy will seine Identität nicht verleugnen, sondern strebt danach, feindselige Narrative gegen Israel aufzubrechen, Vorurteile gegenüber Palästinensern abzubauen – und seine Identität neu zu definieren.
Er glaubt daran, dass Palästinenser und Israelis nicht ewig Feinde sein müssen, dass der Nahostkonflikt gelöst werden könne. Ein naiver Traum? Selbst den eingefleischtesten Realisten wird die Geschichte von Hamza Howidy überraschen: Er ist ein Palästinenser, der aus seiner erlebten Ohnmacht eine noch stärkere Sehnsucht nach Freiheit und einen unbedingten Willen zum Frieden entwickelt hat. Das Buch zeigt einen Chronisten, der die Zerstörung seiner Heimat betrauert, die Gewaltherrschaft einer islamistischen Diktatur erhellend beschreibt und für sein Aufbegehren gegen die Hamas einen hohen Preis zahlt.
