Der britische Rockmusiker David Bowie (1947 bis 2016) liebte die japanische Stadt Kyoto über alles. Zeitweise erwog er, sich dauerhaft dort niederzulassen. Sein Lieblingsort war der stille Zen-Tempel Shoden-ji im Norden der Stadt. Besonders faszinierte ihn der Trockenlandschaftsgarten Karesansui mit dem natürlichen Panorama des Berges Hiei im Hintergrund.
Als wir im vergangenen Herbst Kyoto besuchten, hatten uns Freunde den Shoden-ji sehr ans Herz gelegt, und wir ließen uns von einem Führer dorthin bringen. Der Führer kannte den Tempel und freute sich über unseren Wunsch: Selten nur wollten Touristen dorthin. Es war eine wunderbare Morgenstimmung; wir konnten David Bowie gut verstehen – und wir waren die einzigen Besucher an diesem Vormittag.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dafür hatten wir den berühmten Goldenen Pavillon Kinkaku-ji ausgelassen. Nicht aus Arroganz, sondern eher aus Zeitgründen. Man kann an drei Tagen nicht alles sehen. Zu Hause wurden wir ständig auf den Goldenen Pavillon angesprochen und für Ignoranten gehalten. Niemand würde Paris besuchen und den Eiffelturm links liegen lassen.
Kyoto hat über 1600 buddhistische Tempel und rund 400 Shinto-Schreine. Die Mehrheit der Touristen besucht jedoch immer dieselben zehn bis fünfzehn Orte, der Goldene Pavillon rangiert auf Platz eins. Kein Wunder, dass der hoffnungslos überfüllt ist. Die Stadt war immer schon beliebt, wird aber immer beliebter: Im Jahr 2000 zählten die Statistiker 40 Millionen Touristen, 2025 waren es 56 Millionen. Alle wollen zum Goldenen Pavillon, kaum einer zum Shoden-ji. Fast alle Besucher des Goldenen Pavillons kommen zwischen 10 und 15 Uhr im Rahmen organisierter Rundreisen. Dadurch entstehen extreme Spitzenbelastungen, obwohl der Tempel den ganzen Tag über geöffnet ist.
Mein Thema ist der „Overtourism“. Am vergangenen Wochenende hatte ich über Südtirol geschrieben, sozusagen das europäische Kyoto. Dort soll der Übertourismus mit einem Bettenstopp eingedämmt werden, also einem Verbot der Mengenausweitung von Hotelbetten. Ich hatte argumentiert, dass dies keine gute Idee sei: Bestehende Hotelbesitzer gewinnen, weil ihre Kapazitäten wertvoller werden; neue Anbieter haben es schwerer, Gäste zahlen höhere Preise ohne bessere Leistungen. Ausnahmen und Fristen führen paradoxerweise zu einem Bettenboom anstatt einer Bettenverknappung. Ich hatte versprochen, in einer zweiten Folge bessere Lösungen des Overtourism-Problems zu präsentieren.
Übertourismus als Koordinationsproblem
Kommen wir deshalb auf Kyoto zurück. Der Goldene Pavillon ist nicht deshalb überlaufen, weil Kyoto „zu viele“ Touristen hätte. Vielmehr konzentrieren sich sehr viele Menschen auf dieselben zehn Sehenswürdigkeiten. Das kann man psychologisch und marketingmäßig erklären. Psychologisch verbirgt sich dahinter eine Art Herdentrieb: Wo alle hinwollen, wollen immer noch mehr hin. Dass sich dieses Verhalten durch die sozialen Netzwerke (Instagram, Tiktok) verstärkt, ist bekannt. Merkwürdigerweise genügt es den Followern nicht, die Fotos zu sehen. Nein, sie wollen selbst an die Quelle, um das zu bewundern, was sie bereits digital zu sehen bekommen haben. Es scheint eine Art auratisches Bedürfnis zu geben, das der Begegnung mit dem „Original“ einen Mehrwert zuspricht. Marketingtechnisch heißt das: Kein Studiosus-Reisebüro dieser Welt kann es sich leisten, den Goldenen Pavillon nicht ins Programm zu nehmen. Welche Blamage, wenn die Reisenden dies zu Hause beichten müssten.
Übertourismus ist kein Mengen-, sondern ein Koordinationsproblem. Wenn man die 56 Millionen Touristen zwischen 8 und 20 Uhr auf die 1600 Tempel und 400 Schreine verteilen würde, würde sich die Lage entspannen. Koordinationsprobleme lassen sich plan- oder marktwirtschaftlich lösen. Planwirtschaftler würden Kontingente festlegen und die Touristen auf einzelne Tempel verteilen. Das würde erfahrungsgemäß einen Schwarz- und Tauschhandel im Netz nach sich ziehen: „Zahle 50 Dollar für Slot im Goldenen Pavillon, biete dafür den Ōtagi Nenbutsu-ji.“
Die marktwirtschaftliche Lösung des Koordinationsproblems geht über Preise. Statt die Zahl der Touristen insgesamt zu begrenzen, könnte man in den zehn beliebtesten Tempeln Eintritt nehmen, während die anderen frei besuchbar wären. Ein Teil der Touristen würde ausweichen, die Einnahmen des Goldenen Pavillons stiegen, und die Besucherströme würden sich entzerren.
Für Knappheit wird gezahlt
Preise statt Verbote oder Mengenbegrenzungen wäre also mein Vorschlag. Koordinierend hinzukommen müssten transparente Informationen. Apps könnten – vergleichbar unseren Tankstellen-Apps – zeigen, welche Tempel gerade besonders voll sind und welche nahezu leer. Diese Apps könnten zugleich Fotos zeigen, die beweisen, dass andere Tempel auch schön und interessant sind. Das Bepreisungsverfahren ließe sich beliebig differenzieren und durch Anreize verfeinern: Am frühen Morgen und am späten Abend wird es billiger; Kombitickets und Rabatte könnten weniger besuchte Orte attraktiver machen.
Der ökonomische Gedanke hinter meinem Vorschlag, Knappheiten zu bepreisen, ist im Grunde nichts anderes als die gute alte Kurtaxe, also eine Steuer, die die Ökonomen Pigou-Steuer nennen und die vor allem in der Umweltpolitik beliebt ist (CO₂-Steuer). Wer eine knappe Infrastruktur nutzt, zahlt dafür. Der Preis steigt dann genau dort, wo die Knappheit entsteht. Das fände ich gerecht. Und es wäre effizient.
Doch bekanntlich lässt sich das ökonomische Lehrbuch nicht so leicht in die Realität übertragen. Politiker greifen lieber zu Verboten; das kommt entschlossen daher. Niemand zahlt gerne höhere Gebühren. Und auch hier gibt es Ausweichreaktionen: Wenn der beliebte Wanderparkplatz künftig Gebühren kostet, parken die Touristen unerlaubt auf angrenzenden Waldwegen. Der Vorwurf liegt nahe, Natur und historische Städte würden verkauft und musealisiert. Die Linken werden eine soziale Ungleichheit ausmachen, weil die Aura des Originals nicht substituierbar ist, und einwenden, dann könnten sich nur die Reicheren den Goldenen Pavillon leisten. Und die Grünen fügen hinzu: Ein Wanderplatz oder eine Stadt (Venedig), deren Zugang bepreist wird, begrenzen zwar die Nachfrage: Das schützt aber weder die zerstörte Natur, noch stoppt es Vandalismus und Verfall der Städte.
Übersehen wird von den Gegnern, dass die durch die Pigou-Steuer generierten Einnahmen für Investitionen in Umweltschutz und Infrastruktur zur Verfügung stünden (analog zum geplanten Klimageld).
Patentlösungen gibt es nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der ökonomischen Idee, Knappheiten marktwirtschaftlich zu bepreisen, und der hilflosen Praxis der Politiker, die Knappheit planwirtschaftlich zu verwalten. Der Tourismus könnte davon profitieren, öfter auf die Ökonomen zu hören.
