
Die Vereinten Nationen (UN) haben vor wenigen Tagen ein kollektives Versagen festgestellt und ein neues Versprechen in die Welt gesetzt. Das Versagen bezieht sich auf das Pariser Klimaabkommen: „Möglichst 1,5 Grad“ maximaler Erderwärmung ist mit der Veröffentlichung des „Overshoot“-Berichts des UN-Umweltprogramms UNEP nun passé. Das übliche Drumherumreden war unplausibel geworden, die Faktenlage eindeutig. Im August dieses Jahres etwa lag die globale Erwärmung tatsächlich schon jenseits der 1,6 Grad, und mit dem Super-El-Niño erwartet die Weltmeteorologie-Organisation in jedem der kommenden Monate neue historische Höchstmarken. Im mehrjährigen Mittel, der üblichen Zählweise der Fachleute, wird das 1,5-Grad-Ziel laut UNEP „in den nächsten Jahren“ abgehakt sein.
Das angestrebte Klimaziel ist also nicht mehr zu erreichen. Vorbei damit auch die Hoffnung, im sicheren Operationsraum des Planeten mit einem einigermaßen stabilen Klima zu bleiben. 1,7 bis 1,8 Grad werde die Erwärmung mindestens erreichen, heißt es jetzt im „Overshoot“-Bericht. Eine stärkere Beschränkung der Erwärmung sei nicht möglich. Und diese 1,7 oder 1,8 Grad seien auch nur dann zu erreichen, wenn die klimaschädlichen Emissionen schnellstmöglich auf Netto-null-Emissionen, sprich: Klimaneutralität bis Mitte dieses Jahrhunderts, heruntergefahren würden. Danach, und hier kommt das Versprechen, könnte die Weltgemeinschaft die globale Temperatur zumindest theoretisch in den sicheren Bereich von 1,5 Grad zurückführen.
Im Pariser Klimavertrag steht freilich nichts vom zwischenzeitlichen Überschießen, vom Overshoot. Diese Idee wurde erst in den Jahren nach Paris entwickelt, gezwungenermaßen, denn alle politischen Ansätze, die verfügbaren klimafreundlichen Technologien einzuführen und umzusetzen, sind nicht schnell genug vorangekommen.
Nicht nur die UNEP, sondern auch der Weltklimarat IPCC hat den Overshoot-Pragmatismus in seine Szenarien aufgenommen. Das Konzept hängt nun an den sogenannten Negativemissionen. Die Crux daran ist: Ein legitimer Realitätscheck für diese Negativemissionen fehlt. Ob die Hunderte Milliarden Tonnen Kohlendioxidgas aus den fossilen Verbrennungsprozessen, die sich für mehr als tausend Jahre in der Atmosphäre ansammeln und nicht etwa verflüchtigen werden, tatsächlich in den nächsten Jahrzehnten aus der Luft genommen werden können, ist heute etwa so fraglich wie die Besiedlung des Mars durch den Menschen.
In der Reaktion der Bundesregierung auf den UNEP-Bericht hört sich das allerdings anders an. Deutschland setze auf den „Dreiklang“: erstens „konsequente“ Emissionsminderung, zweitens „Stärkung von natürlichen Kohlenstoffspeichern wie Wäldern, Mooren, Böden, Auen, Gewässern und Meeren“ und drittens: „den Hochlauf technischer und anderer neuartiger Senken schaffen“. Dafür entwerfe die Regierung eine „Langfriststrategie“. Bundesklimaminister Carsten Schneider zufolge wird sie derzeit innerhalb der Regierung abgestimmt.
Ungewisse Leistung
Bei den besagten technischen Lösungen geht es um unterschiedliche CO₂-Entnahmeverfahren, international abgekürzt mit CDR (Carbon Dioxide Removal). Entweder wird das Kohlendioxid direkt aus der Luft entnommen und umgewandelt, technologisch ist dies die anspruchsvollste Methode, oder das entnommene Gas wird in CCS-Verfahren (CO₂-Abscheidung und -Speicherung) im Untergrund versenkt, also im Meer oder in brauchbaren geologischen Schichten. Die augenfälligste Gemeinsamkeit all dieser CO₂-Speicherverfahren: Was sie im Kampf gegen den Klimawandel absehbar leisten können, ist hochgradig ungewiss.
Im „Overshoot“-Bericht wird das mehr oder weniger übergangen. „Die Frage der Umsetzbarkeit von Carbon Dioxide Removal, also der Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre, wird meiner Meinung nach nicht ausreichend und nicht ausreichend kritisch bearbeitet“, sagte der Leipziger Klimaforscher Peter Pfleiderer dem Science Media Center. Es werde nicht klargemacht, „welches Ausmaß diese Herausforderungen annehmen“. Charlotte Unger vom Potsdamer Research Institute for Sustainability (RIFS) ist noch deutlicher: „Ich halte die Hoffnungen, die auf CDR gesetzt werden, für unrealistisch.“
Wie gigantisch die Herausforderungen tatsächlich sind, macht der langjährige CCS-Experte Oliver Geden von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik klar: Nehme man die 1,7 bis 1,8 Grad im UNEP-Bericht als Grundlage, wären es 550 Gigatonnen auf dem Weg zurück zu 1,5 Grad – vorausgesetzt, es wird dann nicht mehr zusätzlich CO₂ in die Luft geblasen. Geden: „Wenn die Welt in 2050 bei Netto-null-CO₂ wäre, dann wären es für die verbleibenden 50 Jahre bis zum Ende des Jahrhunderts also elf Milliarden Tonnen pro Jahr.“
Derzeit werden aber jedes Jahr 42 Milliarden Tonnen netto emittiert. Vielleicht noch deutlicher, was die Realisierbarkeit der CDR-Ideen angeht, werden die US-Forscher Hugh Daigle und Arvind Ravikumar in ihrer neulich im Journal „Environmental Research Energy“ veröffentlichten Analyse.
Um wenigstens eine Milliarde Tonnen CO₂ jährlich mit den gängigsten CDR-Technologien aus der Luft zu filtern und unterirdisch zu fixieren, „müssten bis 2050 jedes Jahr Tausende von Anlagen gebaut werden“. Das ergab ihr wissenschaftlicher Realitätscheck.
Weltweit sind bis heute Daten von 28 CCS-Anlagen verfügbar. Die Mehrzahl sind experimentelle Projekte, lediglich 13 werden als „kommerzielle“ CO₂-Entnahmeanlagen gelistet. Deren offizielle CO₂-Injektionsrate in den Untergrund beläuft sich im Schnitt auf 190.000 Tonnen jährlich. In den meisten Fällen aber ist es wohl wie bei dem 2019 gestarteten und nominell weltgrößten Projekt in Australien („Gorgon Project“) oder dem europäischen „Großprojekt Sleipner“ im norwegischen Teil der Nordsee, mit dem auch Deutschland kooperiert: Offensichtlich gibt es in der Praxis erhebliche Probleme, das Gas im Untergrund bei den bestehen Drücken und geologischen Bedingungen sicher einzuschließen. Oft gibt es Lecks, unerwartete geologische Formationen oder unkalkulierbare „anomale CO₂-Wanderungen“ im Untergrund, die es unmöglich machen, die angepeilte CO₂-Speicherung zu erreichen. Die realisierten Speichermengen liegen weit mehr als ein Drittel unter den Zielmarken. Fazit der US-Experten: „Die geologischen Unsicherheiten sind ein gewaltiger Risikofaktor, die Injektionsraten zu kalkulieren.“
Und dabei sind die Kosten noch gar nicht berücksichtigt. Ob die sogenannten Negativemissionen marktwirtschaftlich in den geforderten Dimensionen jemals realistisch sind, bleibt also pure Spekulation. Wer darauf wie die UN setzt, muss auch den Abnehmern der Botschaften klarmachen, wie viele Kosten dadurch auf die Gesellschaft zukommen.
Klimaökonomin Sabine Fuss vom MCC Berlin gibt noch etwas anderes zu bedenken: „Ein Overshoot und eine spätere Rückkehr unter dieses Limit führen nicht einfach wieder zum gleichen Zustand wie zuvor, zurück in eine Welt, die das Temperaturniveau nie überschritten hat.“ Das betrifft für RIFS-Forscherin Unger neben Natur und Landschaften auch die Gesellschaft selbst. Worauf wir zusteuern? Unger: Auf „eine noch ungerechtere Welt. Overshoot heißt auch die Realität, in der irreversible Schäden in Kauf genommen werden, die arme Länder und Menschen am härtesten treffen. ‚Zurückdrehen auf 1,5 Grad‘ heißt für viele Menschen nicht ‚Leben wie vorher‘.“
