Commerzbank gegen Unicredit. Dieser Übernahmekampf ist auch ein Kampf der Gegensätze. Frau gegen Mann. Nüchterne Analyse gegen Temperament. Bodenständigkeit gegen Expansionsziele.
An einem Dienstag im Mai betritt Bettina Orlopp die Bühne. Dunkle Hose, kurzärmeliger Pullover, flache Schuhe. In den nächsten 20 Minuten wird die Vorstandsvorsitzende der Commerzbank über das Institut als Mittelstandsbank sprechen. Darüber, was die Übernahmebestrebungen der italienischen Bank Unicredit mit Mitarbeitern machen. Was Kunden darüber sagen.
Es ist eine wichtige Phase für Orlopp. Zu Beginn jener Woche hatte Unicredit gute Quartalszahlen vorgelegt, das offizielle Übernahmeangebot an Aktionäre war angelaufen. Jetzt gilt es. Zum Wochenausklang wird die Commerzbank selbst ein Strategie-Update geben und mit den eigenen Zahlen glänzen wollen. Das Signal muss sein: Wir schaffen es allein. Orlopp spricht ruhig, sachlich, sie ist sattelfest in den Themen. „Es ist wichtig, Ruhe auszustrahlen“, sagt sie. Sie wisse, dass sie derzeit unter Beobachtung stehe. In der Kantine, in Interviews, vor Investoren.

An diesem Dienstag im Mai sitzt sie nicht vor Investoren, sie sitzt auf einer Bühne der OMR. Und man fragt sich, warum. Die OMR ist ein Treffen der Marketing- und Digitalbranche, die Hamburg tagelang in einen Ausnahmezustand versetzt, den man sich kaum vorstellen kann, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat. Panels, Keynotes, Standpartys. Klum, Kaulitz, Klitschko, die Promidichte ist hoch. Es geht viel um Künstliche Intelligenz, um Learnings, Content, Confidence. Es geht darum, was diese schöne neue Welt mit den Menschen macht – und wie sich mit neuen Technologien, mit einem neuen Mindset viel Geld verdienen lässt.
Das Publikum dürfte in der Mehrzahl nicht älter als 35 Jahre alt sein. Es hat von diesem Übernahmekampf, der das Frankfurter Bankenviertel in Atem hält, vielleicht noch nie gehört. Kaum einer im Publikum, der sich absichtlich oder zufällig vor diese Bühne gesetzt hat, um dem Gespräch zu lauschen, wird ahnen, dass dies ein Kampf ist, der sehr wahrscheinlich auch über die weitere Karriere von Bettina Orlopp entscheidet – und über die Zukunft von fast 40.000 Mitarbeitern.
Gestenreich ohne Punkt und Komma
Was genau diesen Kampf angeht, gibt sich Andrea Orcel stets entspannt. Unicredit greift nach der Commerzbank, aber wenn es nicht klappt, dann werde die Bank eben anders wachsen. „Wir brauchen sie nicht.“ Orcel kann sich in Gelassenheit versuchen, richtig abnehmen kann man sie ihm nicht. Gespräche mit dem Banker haben ein Muster. Ein bisschen Geplänkel, ein paar gestanzte Sätze zur aktuellen Lage, und dann bricht es aus ihm heraus.
Orcel kann gestenreich ohne Punkt und Komma reden: über fehlgeschlagene Gespräche mit dem Commerzbank-Management. Über die Einmischung der deutschen Politik, über die Zukunft der europäischen Bankenlandschaft. Über Renditepunkte und darüber, dass er gar nicht versteht, was an seiner Offerte feindlich sein soll. Im Gespräch ist Orcel höflich, lässt sich unterbrechen, auf andere Themen lenken. Aus dem Konzept bringen lässt er sich nie. Wer Orcel gegenübersitzt, sieht sich einem der erfahrensten Investmentbanker gegenüber, den die Branche derzeit zu bieten hat. Orcel hat eine Agenda. Immer.
Eine der profitabelsten Banken Europas
Andrea Orcel, geboren 1963 in Rom, steht heute an der Spitze einer der profitabelsten Banken des Kontinents. Als Vorstandsvorsitzender von Unicredit verkörpert er den Typus des unerbittlichen Strategen, der keine halben Sachen kennt. Die Unicredit ist längst Großaktionär bei der Commerzbank. Er will sie ganz.
Orcels Karriere führte ihn durch das Who-‘s-who der internationalen Finanzwelt: Merrill Lynch, Goldman Sachs, Bank of America. Schon für seine Diplomarbeit setzte der Italiener an der römischen Universität La Sapienza auf das Thema feindlicher Unternehmensübernahmen. Den Ruf des brillanten, aber unbequemen Dealmakers festigte er als Kopf der UBS Investment Bank, wo er von 2014 bis 2018 arbeitete. Ein spektakuläres Kapitel folgte, als die spanische Bank Santander ihn 2018 als CEO verpflichten wollte – und den Vertrag kurz vor dem Dienstantritt platzen ließ. Orcel klagte und bekam recht. Ihm wurde eine deutliche zweistellige Millionensumme zugesprochen. Seit April 2021 ist er CEO von Unicredit.
So trifft Bettina Orlopp im Abwehrkampf auf einen Mann, den sie in der Szene „Ronaldo des Fußballs“ nennen. Nicht unbedingt wegen des Talents, sondern wegen des Ehrgeizes. Orlopp kontert mit anderen Fähigkeiten: Sie beherrscht die Kunst der ruhigen Hand.
Als erste Frau im Vorstand der Commerzbank
Nach dem Abgang von Martin Blessing als Commerzbank-Chef vor zehn Jahren erlebte die Commerzbank fünf bleierne Jahre. Blessing, das Gesicht der Finanzkrise, hatte Orlopp 2014 als Verantwortliche für die Konzernstrategie von der Unternehmensberatung McKinsey geholt. Dort hatte es die 1970 geborene Orlopp schon 2002 zur Partnerin geschafft. Unter Blessings Nachfolger Zielke gelang es der Commerzbank nicht, zu Wachstum zurückzufinden. Orlopp zog 2017 als erste Frau in den Commerzbank-Vorstand ein. Verantwortlich als Hüterin der Regeln (Recht und Compliance) sowie für Personal managte sie besonnen frühere Verstöße gegen Iransanktionen und Steuerhinterziehungsfälle wie Cum-Ex. Außerdem fädelte sie erstmals einen Stellenabbau mit großzügigen Abfindungen und Vorruhestandsregeln ein.
Nachdem sie 2020 das Ressort Finanzen übernommen hatte und neben Zielke erstmals im Februar durch die Bilanzpressekonferenz navigierte, fiel sie dort direkt mit einem markigen Spruch auf: Die Commerzbank müsse die polnische Tochtergesellschaft M-Bank nicht verkaufen, sie werde „vom Tisch aufstehen“, wenn der Preis nicht stimmen sollte. So kam es dann auch.
Eine kluge Kennerin der Zahlen
Orlopp machte sich in den folgenden Jahren einen Namen als kluge Kennerin der Zahlen. Als Zielke die Bank verlassen musste, war Orlopp eine Kandidatin für den Topjob – natürlich. Sie selbst hielt sich dazu stets bedeckt. Die Frau war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Kandidaten, die zu früh gehandelt werden, auch sehr früh aus dem Rennen fliegen können. Orlopp wird nicht Vorstandsvorsitzende. Der neue Chef kommt von außen, von der Deutschen Bank, und heißt Manfred Knof.
In der Bank hält man den Atem an, denn die Wetten auf Orlopp standen gut. Schmeißt Orlopp jetzt hin? Sie bleibt und wird später Knofs Stellvertreterin. Als Knof 2024 ankündigt, seinen Vertrag nicht zu verlängern, kommt die Stunde Orlopps doch noch. Unter Kollegen ist völlig klar: Wenn sie es jetzt nicht wird, dann geht sie. Sie wird es. Orlopp kann Erfolg mit Geduld erzwingen. Orcel wird ihre Vita kennen.
Eine sachliche und nüchterne Person
Sie sei eine sachliche und nüchterne Person, sagte Orlopp über sich selbst. Aber Unterstellungen wie etwa, dass die Commerzbank nach einem Rekordjahr 2025 „instabil“ sei, hätten nicht nur in der Belegschaft eingeschlagen. Tapfer behauptet sie, es gebe derzeit nicht mehr Kündigungen als normal. Aber auffällig ist gerade eine Häufung von Abgängen wie etwa in der Kommunikationsabteilung, wo sich offenbar einige nicht immer hinreichend wertgeschätzt fühlen – auch und gerade nicht von der Vorstandschefin. Schon in ihren früheren Jahren war ihr eine gewisse Kühle nachgesagt worden. Im persönlichen Gespräch wirkt sie tatsächlich nahbarer. Die Aktionäre können sich am Mittwoch darüber ihr eigenes Bild machen, denn dann findet die Commerzbank-Hauptversammlung statt.
Die Belegschaft eint sie insgesamt, insbesondere der Betriebsrat steht hinter ihr. Selbst am 9. Mai, als Orlopp schon wieder einen Abbau von weiteren 3000 Stellen bekannt gab, war von Kritik nichts zu hören, im Gegenteil. Die Gewerkschaft Verdi malte die Gefahr von 15.000 wegfallenden Stellen an die Wand, die bei Unicredits Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank und in der Commerzbank wegfallen könnten, wenn es zu einem Zusammenschluss käme. Orcel, der Vorstandschef von Unicredit, nennt die Zahl von 7000 Stellen, die durch eine Kombination der beiden Banken überflüssig würden. Doch gerade in Deutschland dringt der Italiener damit nicht durch.
Orlopp dagegen verzeiht man sogar einen Stellenabbau, um die Rendite für die Aktionäre in für deutsche Verhältnisse astronomische Höhe zu hebeln: 21 Prozent Eigenkapitalrendite bis 2030 lautet Orlopps neues Ziel, mit dem sie Aktionäre von der Annahme des seit 5. Mai laufenden Übernahmeangebots Unicredits abhalten will. Josef Ackermann hatte einst 2005 als Chef der Deutschen Bank ein Eigenkapitalrenditeziel von 25 Prozent ausgegeben – wohlgemerkt vor Steuern.
Das galt als Symbol für kalte Gier der Finanzbranche, die auf Kosten ihrer Kunden Geschäfte macht, gerade im in der Commerzbank wenig vertretenen Investmentbanking. Doch jetzt steckt sich ausgerechnet dieses zuweilen als biedere „Großsparkasse“ und bürokratische „Commerzamt“ verspottete Kreditinstitut für 2030 ein Eigenkapitalrenditeziel von 21 Prozent – nach Steuern.
Commerzbank gegen Unicredit. Eigenständigkeit gegen Übernahme. Orlopp gegen Orcel. Topp, die Wette gilt.
