
Vier Menschenleben hat der Ehemann von Anja-Nicole Schaaf gerettet, als er starb. Weil er vier wichtige Organe spendete, die anderen das Überleben möglich machten. „Er bleibt ein Held“, sagt Schaaf mit einem feinen Lächeln, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Wenn sie sich an diese Zeit erinnert, als ihr Mann nach einer Operation auf der Intensivstation lag, drei Monate nach ihrer Hochzeit, sind alle Gefühle wieder an der Oberfläche. Da lag er angeschlossen an viele Apparate, die ihn im Leben halten sollten. „Alles, alles, hat man hier an der Klinik versucht“, davon ist Schaaf überzeugt. Über sämtliche Schritte der Behandlung habe man mit ihr gesprochen und schließlich auch darüber, dass sein Leben nicht mehr zu retten sei. Aber dass ihr Mann Organe spenden könnte.
Dankbar sei sie gewesen, dass ihr Mann zeitlebens mit ihr darüber gesprochen habe: „Ich wollte unbedingt seine Wünsche erfüllen.“ Was für einen Nutzen habe ein Körper im Grab, wenn einem anderen Menschen damit das Leben gerettet werden könne? „Den Körper braucht er nicht mehr, das Entscheidende ist doch die Seele“, sagt Schaaf. „Und ich weiß, dass er irgendwo sein Leben weiterlebt.“
Der Idealfall ist ein Organspendeausweis
Der Moment, in dem Angehörige über eine Körperspende entscheiden sollen, fällt immer in schreckliche Stunden. Im Transplantationszentrum der Uniklinik Frankfurt ist man auf diese Momente vorbereitet und weiß, dass behutsam gefragt werden muss, ob der Patient, dessen Hirntod unmittelbar bevorsteht oder schon eingetreten ist, seinen Willen hinterlassen hat: in einem Organspenderegister oder einer Patientenverfügung. Das Alter sei dabei nicht entscheidend, berichtet Ana Paula Barreiros, geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Region Mitte. In Hessen habe eine 96 Jahre alte Frau mit einer Niere und ihrer Leber Leben retten können.
Liegt nichts Schriftliches vor, werden Angehörige nach den Wünschen der Patienten befragt. In Familien, in denen nie über Organspende gesprochen wurde, kann dann nur noch gemutmaßt werden – und der Sohn oder die Schwester müssen nach ihrem eigenen Wertekanon entscheiden. Viele sind in dieser Lage völlig überfordert, schildert Barreiros. Dass ihre Liebsten dem Tod näher sind als dem Leben, sei schwer zu ertragen.
Die Nachfrage nach Organspenden übersteigt den Bedarf: Zum Jahresende 2025 standen 1000 Menschen in der DSO-Region Mitte auf der Warteliste. Aber nur bei 119 Menschen lag die Einwilligung vor, nach ihrem Tod Teile ihres Körpers zu spenden. „Sprechen Sie mit ihren Liebsten über die Organspende“, empfiehlt Florian Raimann, „das nimmt den Angehörigen eine große Entscheidungslast ab.“
Der Haupttransplantationsbeauftragte der Universitätsmedizin hat in den vergangenen drei Jahren die Zahl der Organspenden durch organisatorische Veränderungen erhöhen können. So gibt es nun auf allen Intensivstationen der Klinik zwei Transplantationsbeauftragte, die rechtzeitig erkennen können, ob ein Patient ein Spender werden könnte. Sie nehmen dann Kontakt zur DSO auf, um Fragen der Spendereignung zu klären. Jeden Monat werde außerdem geprüft, ob unter Todesfällen eventuell ein möglicher Spender übersehen worden sei. Von einer einzigen Organspende 2022 wurde die Zahl auf zwölf im vergangenen Jahr gesteigert. Damit entfiel rund jede zehnte Organspende in der DSO-Region Mitte, zu der 180 Entnahmekrankenhäuser zählen, auf die Uniklinik Frankfurt. Für ihr Engagement ist die Universitätsmedizin nun von der Deutschen Stiftung Organtransplantation und dem hessischen Gesundheitsministerium ausgezeichnet worden.
