Das Video ist faszinierend: Ein Orca hält einen riesigen Mondfisch (Masturus lanceolatus), der bereits tot ist, an seiner Schanzflosse still im Wasser. Ein zweiter Wal nähert sich, beschleunigt und rammt den Fisch dann mit voller Wucht. Der Fisch „explodiert“ durch diesen Aufprall, Hunderte Fischfetzen schweben im Wasser um die Orcas herum. Erstmals wurde dieses erstaunliche Verhalten im Juli 2024 im Golf von Kalifornien dokumentiert. Forscher um Katrhin Ayers von der Non-Profit-Organisation „Beneath The Waves“, die sich für die Gesundheit der Ozeane einsetzt, beobachteten damals ein Orca-Weibchen. Auf ähnliche Weise präsentierte es einen Mondfisch einem männlichen Orca. Kurz bevor dieser den Fisch rammte, ließ das Weibchen ihn los.
Der Aufprall des Orcas auf den Mondfisch war sehr laut, schreiben die Wissenschaftler. Allerdings wurde nicht der ganze Fisch in Kleinteile zerfetzt. Ein Jungtier, welches sich ebenfalls in der Gruppe der Wale befand, näherte sich und fraß herumschwimmende Fischfetzen. Die ausgewachsenen Orcas der Gruppe hingegen wandten sich den größeren Skelett- und Muskelresten des Mondfischs zu. Die Forscher hatten das Ereignis mit einer Go-Pro-Kamera gefilmt.
Am 7. September vergangenen Jahres wurde ein sehr ähnliches Verhalten, ebenfalls im Golf von Kalifornien, von Touristen auf einem Whale-Watching-Boot beobachtet und gefilmt. Hier war eine Gruppe von drei ausgewachsenen Orca-Weibchen und einem Jungtier unterwegs. Wieder hatten die Wale einen Mondfisch erlegt, wieder präsentierte ein Weibchen den toten Fisch, indem es die Schwanzflosse mit den Zähnen festhielt. Ein zweiter Orca jagte auf den Fisch zu und rammte ihn mit voller Wucht. Anschließend fraß das Jungtier die Fischfetzen, die ausgewachsenen Wale die größeren Brocken des Mondfischs. Diese Beobachtung haben die Wissenschaftler nun im Journal „Frontiers in Ethology“ publiziert.
Orcas sind für ihr ausgeprägtes und vielfältiges Jagdverhalten bekannt. Es gibt Gruppen, die auf Lachs oder Thunfisch spezialisiert sind, andere bevorzugen riesige Fische wie die in warmen Meeren vorkommenden Mondfische. Wieder andere Orcagruppen jagen Robben und können diese sogar in gemeinsamen Aktionen von Eisschollen herunterspülen. Es gibt Gruppen, die Jagd auf Delphine machen oder Weiße Haie erlegen. Manche Orcas jagen sogar große Bartenwale – aus der Zeit des Walfangs existieren Berichte, dass Orcas es bei Blau- oder Finnwalen ausschließlich auf deren Zunge abgesehen haben: Sie jagen sie in der Gruppe, fressen den großen Muskel – und überlassen den Rest des Walkadavers dem Ozean. Daneben gibt es opportunistische Orcas, die in der Wahl ihrer Beutetiere nicht festgelegt sind: Sie fressen, was ihnen vor die Schnauze schwimmt.
Von ihrer Nahrungspräferenz abgesehen, sind Orcas auch für ihre Sozialstruktur berühmt. Die Gruppen sind in sogenannten Mütterlinien organisiert: Die Töchter und Enkeltöchter eines Weibchens bleiben ein Leben lang zusammen. Männchen werden geduldet, wechseln aber häufiger zwischen verschiedenen Weibchengruppen oder schwimmen, vor allem wenn sie noch jünger sind, als locker verbundene Gruppe umher. Nachwuchs wird von den Weibchen gemeinsam großgezogen – sobald die männlichen Nachkommen erwachsen werden, werden sie von der Gruppe vertrieben. Den erfahrenen Großmüttern und Großtanten einer Orcagruppe kommt die Rolle der Lehrerin zu: Sie unterrichten den weiblichen und männlichen Nachwuchs im Jagdverhalten.
Rammen – zum Spaß?
Vor diesem Hintergrund diskutieren die Wissenschaftler auch den Vorfall mit den gerammten Mondfischen: In beiden Fällen hat ein älteres Weibchen den Fisch an der Schwanzflosse bis kurz vor dem Aufprall festgehalten, damit ein anderes Tier der Gruppe seine Kraft ausprobieren konnte. In beiden Fällen war der Mondfisch vor der Aktion bereits tot, ob Rammen als Mittel dient, große Fische zu töten, ist damit also nicht klar. Forscherin Kathryn Ayres sagt, dabei könne es sich auch um den Versuch handeln, den Fisch in kleinere Stücke zu zerlegen. „Oder es könnte auch einfach nur zum Spaß sein. Orcas sind dafür bekannt, mit ihrer Beute zu spielen.“
Aus anderen Beobachtungen ist bekannt, dass Orcas das Rammen von Beutetieren dazu nutzen, diese bewegungsunfähig zu machen. Orcas vor der südamerikanischen Küste etwa schwimmen mit hoher Geschwindigkeit gegen Weiße Haie und beißen diesen dann, wenn sie bewegungsunfähig im Wasser liegen, die besonders nahrhafte Leber aus der Seite heraus. Da die Mondfische aber bereits tot waren – zum Teil hatten die Orcas auch bereits Teile aus ihnen herausgebissen –, spielt das Rammen wohl keine Rolle für das Erlegen der Beute.

Es könnte auch der gezielte Versuch sein, den in der Gruppe mitschwimmenden Jungtieren ein paar kleine Fischfetzen zukommen zu lassen. Der wissenschaftliche Leiter der Umweltschutzorganisation OceanCare, Mark Peter Simmonds, zog Parallelen zu Mahlzeiten bei Menschen, bei denen sowohl Geselligkeit als auch die Ernährung eine Rolle spielten. Möglicherweise sei es vergleichbar damit, wenn Menschen beim Essen den Braten anschneiden.
Möglich ist zudem, dass die Orcas ihrem Nachwuchs demonstrieren, welchen Effekt das Rammen eines bis zu drei mal vier Meter großen Mondfischs haben kann.
Das Rammen von großen Gegenständen erinnert frappierend an die Gruppe von Orcas, die in der Straße von Gibraltar immer wieder Segelyachten belästigt. Viele Wissenschaftler interpretieren dieses Verhalten als eine Form von Spaß. Womöglich nutzen Schwertwale die Segelyachten auch dazu, ihre Kräfte auszuprobieren.
In ihrer aktuellen Veröffentlichung diskutieren die Autoren noch eine weitere Theorie, die das Torpedieren der Mondfische erklären könnte: Mondfische haben eine dicke, gelatinöse Schicht um sich herum, zudem lebt auf ihrer Haut ein vielfältiges Mikrobiom. Beides wird durch das Rammen großflächig im Ozean verteilt, die Orcas schwammen noch einige Zeit durch diese „Fischsuppe“ hindurch. Die Fragmentierung des Gewebes ermögliche den Kontakt zu Mikrobiom, Mykobiom und Virom – also zur Gesamtheit der Bakterien, Pilze und Viren auf der Haut des Beutetieres –, was möglicherweise funktionell oder ernährungsphysiologisch von Vorteil ist, schreiben die Forscher.
