
Das Setting allein weckt großes Interesse: Jo Schramm nutzt die Möglichkeit zur freien Gestaltung des Bühnenraums im Bockenheimer Depot originell. Sein Bühnenbild für Mozarts Singspiel-Fragment „Zaide“ steht als Podest in Form einer Sportarena mit mehreren Laufbahnen mitten in der Halle, das Publikum sitzt im Halbrund drum herum, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester in lang gestreckter Sitzordnung leicht abgesenkt im Zentrum der Bühne. Über ihr läuft parallel zu den Bahnen eine beleuchtete Metallschiene um, von der mit Stangen verbundene Brustpanzer herabhängen. Man assoziiert sofort moderne Gladiatorenspiele in einem Circus nach antikem Muster und ist erst einmal gespannt.
Allerdings wirkt die wesentliche Regieidee von David Hermann bald ermüdend: Die Sklaven von Sultan Soliman, dessen „Palast“ in Zeit und Raum nicht zu bestimmen ist, müssen sich im einheitlichen Gladiatoren- oder Sportoutfit (Kostüme: Sibylle Wallum) in den Brustpanzern festschnallen und bis zur Erschöpfung ständig im Kreis herumschleppen. Warum auch immer. Der Sultan, der Sklavenhändler Osmin und weitere Statisten überwachen das soldatisch uniformiert mit Halbmasken auf dem Gesicht und scheinen sich am Leid der Gefangenen zu weiden.
Die damit explizit angestrebte düstere Sicht des Stücks, das Mozart weit gediehen, doch unvollendet liegen ließ, um bald darauf die Arbeit am ganz ähnlichen Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ zu beginnen, stützt Hermann dabei musikalisch vor allem auf die Ergänzungen seiner eigenen Regiefassung. Die düstere Ouvertüre und Zwischenaktmusiken aus Mozarts Bühnenmusik zum Schauspiel „Thamos, König in Ägypten“ führen in eine „Don Giovanni“-Sphäre, die in ihrem übergewichtigen Moll-Gestus zu dem kompakten und einfachen Singspiel nicht passt. Erwartungen, die durch diese Einschübe musikalisch geweckt werden, löst die Handlung nicht ein.
Akustisch ungünstig
Auch aus akustischen Gründen kommt vieles von der Musik bei den Zuhörern nicht richtig an. Die lange, schmale Anordnung des Orchesters, das George Petrou dabei stilsicher und gewandt führt, ist ungünstig für die Balance und die Abstimmung mit den Sängern. Arg ist zudem, dass alle fünf handelnden Personen des Stücks so entindividualisiert sind, dass es kaum Identifikations- und Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Keine Figur gewinnt durch einen klaren Charakter an Nähe. Auch das läuft der „Zaide“-Musik entgegen, die zum Beispiel den Osmin mit einer Lach-Arie ganz anders charakterisiert als Soliman, der hier aber im Aussehen und Bewegungsmuster kaum von dem Sklavenhändler zu unterscheiden ist.
Die Sänger, die allesamt zum Ensemble der Oper Frankfurt gehören, können ihren Figuren innerhalb dieses Konzepts nur wenig eigenes Profil verleihen. Karolina Bengtsson kehrt aber stimmlich besonders die Traurigkeit in der Titelpartie hervor. Michael Porter macht als ihr geliebter Mithäftling Gomatz mit stimmlichen Mitteln den Antrieb zum Ausbruch, den Freiheitsdrang spürbar. Aleksander Myrling wird als Allazim, der im Original Solimans Lieblingssklave ist, sogar besonders geschunden und stattet seine Partie darstellerisch präsent mit einer Art Kurzatmigkeit aus – so als könne er unter dem unsinnigen Frondienst jederzeit zusammenbrechen. Peter Marsh und Pete Thanapat agieren einander ähnlich als böses Zweigespann und bringen sängerisch die fiesen Seiten ihrer Partien gut heraus.
Das von Hermann erdachte Ende für das Fragment, das ohne Libretto und Sprechdialoge nur durch Mozarts Partitur überliefert ist, fügt sich musikalisch wiederum nicht gut zum letzten Quartett des Originals. Denn darin scheinen eher leicht hoffnungsvolle Töne auf. In jedem Fall wäre nach der Theatertradition zu Mozarts Zeit sicher das Schlusswort dem Sultan geblieben. Vermutlich hätte er die Sklaven nach ihrem Ausbruchsversuch begnadigt, so wie es in der „Entführung aus dem Serail“ geschieht.
In Hermanns Fassung erklingt indes zum Schluss das Bass-Solo aus dem fünften Entreacte „Ihr Kinder des Staubes“ aus der „Thamos“-Musik, hier gesungen von Osmin, im Gesamtsound so hochdramatisch wie der Auftritt des Steinernen Gastes in „Don Giovanni“. Dazu kriechen die Sklaven gequält weiter auf ihren Bahnen. Ein Gutes immerhin hat dieser Schluss: Man denkt so viel mehr darüber nach, wie es anders hätte sein können.
Zaide, Frankfurt, Bockenheimer Depot, nächste Vorstellungen am 3., 7., 9. und 11. Oktober
