
Open AI möchte neue, lukrative Geschäftsfelder erschließen: die milliardenschwere Rechtsbranche mit ihren zahlreichen Nutzern in Anwaltskanzleien, Rechtsabteilungen von Unternehmen und Organisationen. Zu diesem Zweck hat das KI-Unternehmen im Juni einen der Mitgründer eines der bekanntesten Legal-Tech-Unternehmen aus den USA in seine Reihen geholt. Jason Boehmig, Jurist und langjähriger Vorstandschef von Ironclad, einem in den USA weit verbreiteten Dienstleister für digitales Vertragsmanagement, ist bei OpenAI nun für die Produktleitung des Geschäftsbereichs zuständig. Seine Aufgabe ist es, spezifische KI-Produkte zu entwickeln, die die hohen regulatorischen Anforderungen von Anwendern aus der Rechtsbranche erfüllen und sich im Wettbewerbsumfeld mit etablierten Unternehmen wie Harvey, CoCounsel und Legora behaupten können.
Boehmig versteht Arbeitsabläufe und Sprache der Juristen
Boehmig machte seinen Wechsel zum Wochenbeginn auf LinkedIn selbst öffentlich. Es sei sein erster Tag, um das neue Vertikalprodukt für die Rechtsbranche voranzubringen, schrieb er. Der Absolvent der US-Universität Notre Dame hatte seine Karriere als Anwalt bei der Großkanzlei Fenwick & West begonnen und dann Ironclad im Jahr 2014 gemeinsam mit einem früheren Softwareentwickler von Palantir gegründet.
Heute hat das Legal Tech mit Sitz in San Francisco mehr als 700 Mitarbeiter, eine Bewertung im einstelligen Milliardenbereich und unterstützt laut Boehmig Unternehmen wie L’Oréal, Shell und die „New York Times“ beim Management ihrer Verträge. Der neue Produktleiter bringt bei Open AI also gleich mehrere Perspektiven ein: ein tiefes Verständnis für die Sprache und Arbeitsprozesse in den rechtsberatenden Berufen, Erfahrung in der Betreuung von Industriekunden sowie eigene Erfahrung als Gründer.
KI-Plattform Codex ist Grundlage für neues Vertikalprodukt
Über das Vorhaben von Open AI berichtete der britische Branchendienst „Artificial Lawyer“ erstmals Mitte Mai. Damals hieß es, Open AI plane die Einführung eines eigenständigen KI-Angebots für den Rechtsbereich. Damit wolle der Betreiber des KI-Chatbots ChatGPT zu Wettbewerbern wie Anthropic und dem IT-Konzern Microsoft aufschließen. Diese setzen beide darauf, spezifische KI-Instrumente für die Anwendung in Kanzleien und Rechtsabteilungen zu entwickeln. Wie in dem Bericht von „Artificial Lawyer“ vom 18. Mai zu lesen ist, soll Open AI sein neues Produkt unter dem Namen „Codex for Legal“ vermarkten. Dies deutet darauf hin, dass die auf ChatGPT basierende KI-Plattform Codex stärker auf die Bedürfnisse einzelner Branchen und Nutzergruppen ausgerichtet wird. Eine offizielle Produktankündigung des KI-Unternehmens gibt es bisher nicht.
Open AI findet sich derzeit in der ungewohnten Rolle als Verfolger wieder. Der ärgste Konkurrent Anthropic hatte schon im Februar den Launch eines ersten „Legal“-Zusatzmodells angekündigt. Dies hatte damals zu deutlichen Börsenreaktionen und Kursverlusten bei renommierten Rechts- und Informationsdienstleistern wie Thomson Reuters und Wolters Kluwer geführt.
Neben dem ersten Plug-in stellte Anthropic Mitte Mai dann zwölf neue Zusatzprogramme für seinen KI-Chatbot Claude vor. Diese unterstützen Kanzleien, Rechtsabteilungen und auch Laien dabei, Fragen aus den verschiedenen juristischen Bereichen zu beantworten. Über sogenannte Konnektoren können Nutzer von „Claude for Legal“ auf die Inhalte von Anbietern wie Thomson Reuters, DocuSign und Harvey zugreifen.
