
Wer hätte das gedacht? Gelsenkirchen steckt München in die Tasche. Auch mit Aachen kann die bayerische Metropole am Tag der jüngsten Fußball-Meisterschaft für den großen FC Bayern nicht mithalten. 75 Prozent der abstimmenden Bürgerinnen und Bürger in diesen beiden Städten stimmten für die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044.
München hatte im Herbst 2025 triumphierend, unter Applaus des organisierten Sports in Deutschland, auf 66,4 Prozent Zustimmung verwiesen, dann aber den innerdeutschen Wettlauf um den besten deutschen Kandidaten à la Uli Hoeneß für mehr oder weniger beendet erklärt. Jedenfalls unmissverständlich durchblicken lassen, dass die Entscheidung doch wohl getroffen sei. Und nun?
Ende Mai stimmen die Hamburger ab
Wer in 17 Städten unter vier Millionen Wahlberechtigten Mehrheiten für ein teures, weit in der Ferne liegendes, oft harsch kritisiertes Projekt gewinnt, gegen den Ruf des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), darf sich in die Brust werfen. In Gelsenkirchen – zum Beispiel – drücken die Menschen jedenfalls andere, sehr alltägliche Probleme als im mondänen München. Deshalb schießt Köln/Rhein-Ruhr aus dem Stand mit im Schnitt rund zwei Dritteln Zustimmung in Führung eines Rennens, das die Bayern gerne schon abgewunken hätten.
Was für ein Glück für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Er ist zu diesem größten Bürgerentscheid in der olympischen Geschichte gezwungen worden – nach den Desastern der vergangenen Jahrzehnte. Während Bewerbungen um Fußball-Welt- und Europameisterschaften zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und der Politik verhandelt und dann verkündet werden, fordern Länderregierungen und der Bund unausgesprochen längst Volkes Stimme, sobald es um Winter- oder Sommerspiele geht: Bitte schön, da ist sie!
Der Druck, auf die Straße gehen zu müssen, entpuppt sich für den DOSB gerade wegen des großen Risikos in diesen Zeiten als gewaltiger Gewinn. Seinen Widerwillen verwandelte er im Laufe eines zähen Prozesses mit einigen Volten in eine gewagte Aufgabe: die Sommerspiele zu einer nationalen Sache machen zu wollen.
So weit ist es noch nicht. Selbst wenn nach dem Süden und dem Westen auch Kiel als nördlicher Standort für die Segelwettbewerbe am Sonntag die Segel setzte (63,5 Prozent), fehlt noch Rückenwind. Ende Mai stimmen die Hamburger ab, die 2015 Sommerspiele in ihrer Metropole ablehnten. Die Ergebnisse aus München und Nordrhein-Westfalen mögen die Hanseaten beflügeln, sich nicht abhängen zu lassen. Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber vor allem geraten sie unter Druck, ein wenigstens annähernd gutes Resultat zu erreichen.
Nur dann könnte der DOSB mit einem Votum weit über regionale Olympiabegeisterung hinaus werben und bei seiner Entscheidung auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Ende September andere Kriterien in den Vordergrund rücken. Nicht zuletzt die wesentliche Frage, welcher Kandidat beim IOC die größte Chance hätte.
Das könnte Berlin sein. Aber die Hauptstadt, ein verkappter Kandidat auch des Ostens Deutschlands mit Rostock-Warnemünde als Segelstandort, wird ausgerechnet zur Frage des Sports an die Nation keine Antwort geben. Ein Bürgerentscheid ist nicht vorgesehen. Der überraschend ausgeprägte Wille der Menschen in München und Nordrhein-Westfalen für die Spiele drückt den DOSB deshalb in ein Dilemma. Wählte er Berlin, ignorierte er die tragende Kraft seiner Bewerbung, das Alleinstellungsmerkmal im internationalen Vergleich.
