Fatih Birol hat früh Alarm geschlagen: Vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ warnte der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris Ende März. Die Politiker in vielen Ländern unterschätzten, wie weitreichend die Folgen des von den USA und Israel begonnenen Kriegs gegen Iran für die globale Ölversorgung seien, sagte Birol. Iran hat nach der Attacke Ende Februar mit einer faktischen Sperrung des Schiffsverkehrs in der Meerenge von Hormus reagiert. Sie verbindet den Persischen Golf mit den Weltmeeren und ist eine der Hauptarterien des weltweiten Ölmarkts.
Birol ist nicht irgendein Experte. Die von ihm geführte und an die Industrieländerorganisation OECD angegliederte Energieagentur ist die wichtigste Schaltstelle zur Sicherstellung der Energieversorgung in Krisenzeiten. Im April mahnte der IEA-Chef, die Vorräte an Flugbenzin in Europa reichten, wenn die Hormus-Blockade weitergehe, vermutlich nur noch für sechs Wochen. Anfang April kostete Diesel-Kraftstoff an deutschen Tankstellen an manchen Tagen 2,45 Euro je Liter, ein Anstieg um mehr als 70 Cent binnen weniger Wochen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ähnliche Warnungen gab es im Frühjahr auch von Flughafenbetreibern und von Fluggesellschaften wie der British-Airways-Muttergesellschaft IAG. Spitzenmanager großer Ölkonzerne wie Exxon Mobil und Chevron und Shell wiesen ebenfalls eindringlich auf befürchtete Engpässe hin. Die Botschaft war immer die gleiche: Das Erdöl wird durch den Krieg am Golf nicht nur teuer, es drohen auch physische Versorgungsengpässe. Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) befürchtete im März „spürbare Knappheiten“ bei Benzin und Diesel.
Und heute? Fünf Monate nach dem Angriff auf Iran ist das Problem weiter ungelöst. US-Präsident Donald Trump hat noch immer keinen Ausweg aus dem von ihm angezettelten militärischen Konflikt gefunden. Trump schwankt erratisch zwischen wütenden Drohungen gegen das Regime in Teheran und optimistischen Äußerungen, die Hoffnung auf eine baldige Beilegung des Kriegs machen sollen.
Der Schiffsverkehr ist weiter stark eingeschränkt
Für die Energieversorgung der Welt ist vor allem eines wichtig: Noch immer ist der Schiffsverkehr in der Hormus-Meerenge drastisch eingeschränkt. Die Route, die sonst zu den meistbefahrenen der Welt gehört, passierten zuletzt nur gut eine Handvoll Schiffe am Tag.
Zugleich aber ist die von Fachleuten wie dem IEA-Chef und Branchenmanagern im Frühjahr an die Wand gemalte akute Versorgungskrise zumindest in Europa bislang ausgeblieben. Das Tanken ist für Autofahrer zwar weiterhin schmerzhaft teuer. Die Preise sind durch das Auslaufen der vorübergehenden Senkung der Energiesteuern („Tankrabatt“) Ende Juni wieder gestiegen – und im Juli weiter geklettert. Andererseits aber ist die physische Versorgung mit Kraftstoff nach wie vor sichergestellt. Staatliche Rationierungen gab es in Europa kaum. In Slowenien wurden allerdings die Verkaufsmengen für Kraftstoff staatlich begrenzt, um den Tanktourismus aus Nachbarländern einzudämmen.
Das wirft zwei Fragen auf. Die erste lautet: Warum haben sich die schlimmsten Befürchtungen aus dem Frühjahr bislang nicht bewahrheitet? Die zweite Frage dagegen ist beunruhigend: Kann es in den kommenden Monaten doch noch zu akuten Versorgungsproblemen kommen?
Zunächst zur ersten Frage. Experten weisen auf mehrere Faktoren hin, die in den vergangenen Monaten geholfen haben, die Folgen der Versorgungsausfälle durch die Hormus-Krise abzupuffern. Zum einen konnten im Juni zeitweise wieder deutlich mehr Schiffe die Meerenge passieren, bevor der Schiffsverkehr wieder nach unten ging. Denn nach langwierigen Verhandlungen hatten sich die USA und Iran auf ein Rahmenabkommen zur Beilegung des Kriegs geeinigt. Der Konflikt ist freilich bis heute nicht beendet.
Nach Zahlen der IEA stieg die tägliche globale Ölversorgung im Juni im Vergleich zum Vormonat um 4,1 Millionen Fass (je 159 Liter) auf rund 99 Millionen Fass an, eine spürbare Entlastung. Im Juli dürften die Exportmengen der Golfstaaten zwar wieder gesunken sein, aber sie liegen nach erster Schätzung der Energieagentur noch immer deutlich über den Mengen im Frühjahr.
Wichtigen Förderländern im Nahen Osten wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gelang es zudem weiterhin, ihr Öl zumindest teilweise auf anderen Wegen als durch die Hormus-Meerenge zu exportieren. Es wurde durch Pipelines ans Rote Meer transportiert und von dort auf Schiffe verladen. Ölförderländer in anderen Weltregionen – vor allem die USA, Brasilien, Venezuela und Kasachstan – konnten zudem ihre Exporte steigern und sorgen dadurch ebenfalls für eine gewisse Entlastung.
Hinzu kam die von der Energieagentur koordinierte Freigabe staatlicher Öl-Notreserven. Im März beschlossen die Mitgliedstaaten der Energieagentur, 400 Millionen Fass auf den Markt zu bringen, die bislang größte Reserve-Freigabe in der Geschichte. Knapp drei Viertel dieser Mengen wurden bis Mitte Juli tatsächlich bereits in den Markt gebracht. Trotz dieser Notmaßnahmen verfügen die dem Verbund der Energieagentur angegliederten Mitgliedstaaten weiterhin über staatliche Reserven von mehr als einer Milliarde Fass Öl. Zum Vergleich: Diese Menge entspricht in etwa dem gesamten globalen Ölverbrauch von zehn Tagen.
Freigabe von Notreserven half
Eine wichtige Rolle in der Hormus-Krise spielte China, das kein Mitglied des IEA-Staatenverbundes ist. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hat ihre Ölimporte nach Zahlen der Energieagentur seit Ausbruch des Kriegs im Golf annähernd halbiert. Auch dabei dürfte die Freigabe staatlicher Ölreserven eine wichtige Rolle gespielt haben. China verfügt Schätzungen zufolge über enorm große Notvorräte, offizielle Daten dazu gibt es aber nicht.
Darum zur zweiten Frage: Wird es in den kommenden Monaten doch noch zu den befürchteten viel drastischeren Versorgungsengpässen kommen? Eine verlässliche Antwort darauf gibt es nicht. Sicher ist jedoch: Die geopolitische Lage bleibt fragil.
Der Konflikt ist neu aufgeflammt
Vergangene Woche flammte der Konflikt nach mehreren vergleichsweise ruhigen Tagen wieder auf. Die USA fingen nach eigenen Angaben iranische Raketen ab, die auf Militärstützpunkte in der Region gezielt hatten. Iran attackierte wichtige Ölpipelines in Saudi-Arabien.
Bereits in der vergangenen Woche ist der Preis für Erdöl der Nordseesorte Brent erstmals seit Mai kurzzeitig über die Marke von 100 Dollar je Fass gestiegen. Ein Auslöser dafür war eine drohende Ausweitung des Konflikts auf das Rote Meer – und damit auf die wichtige Ausweichroute für Ölexporte aus der Region.
Risiken im Roten Meer
Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen hatten bekannt gegeben, sie hätten saudische Öltanker in der Meerenge von Bab al-Mandab angegriffen. Sie verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Indischen Ozean und ist eine wichtige Ausweichroute für saudische Ölexporte. Wenn die Passage durch die Meerenge zu gefährlich wird, müssen Tankschiffe auf dem Weg nach Asien einen weiten Umweg durch den Suezkanal und um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas nehmen. Fachleute weisen außerdem auf Kapazitätsgrenzen im Suezkanal hin.
Das auf die Energiemärkte spezialisierte Analysehaus Rystad Energy weist darauf hin, dass die bisherigen Puffer am Ölmarkt nicht mehr so stark wirken könnten, wie das bislang der Fall war. Denn andere Ölförderländer könnten ihre Lieferungen in Zukunft nicht mehr so stark ausweiten wie in den vergangenen Monaten geschehen, und die privaten und staatlichen Ölreserven seien kleiner als noch im Frühjahr. In den USA ist der Umfang der staatlichen Notvorräte inzwischen auf den niedrigsten Stand seit 1983 gefallen. „Die Frage ist jetzt, wie lange diese Puffer noch Versorgungsausfälle ausgleichen können“, kommentierte der Rystad-Analyst Janiv Shah. Sollte der Konflikt wieder eskalieren, wäre es jedenfalls schwerer als bislang, die Folgen für den Ölmarkt abzufedern.
