Herr Störch, wie stellt sich die Situation der Wohnungslosen im Kreis aktuell dar?
Früher bekamen Wohnungslose grundsätzlich Tagessätze ausgezahlt, seit der Pandemie hat sich das jedoch vielfach gewandelt. Man fürchtete, dass sich das Virus verbreitet. Einige Landkreise haben daher auf eine wochenweise Auszahlung umgestellt, andere haben für einen ganzen Monat ausgezahlt. Im Main-Taunus-Kreis können Wohnungslose maximal zehn Tagessätze ausgezahlt bekommen, müssen aber noch immer täglich vorstellig werden und nach zehn Tagen weiterziehen. Ich habe mich schon beim Kreis unbeliebt gemacht, weil ich auf eine Weisung der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2021 hingewiesen habe, in der die Leistungsträger explizit dazu aufgerufen werden, diese Tagessatzpraxis abzuschaffen. Manche Landkreise haben das gemacht. Im Kreis Groß-Gerau kann man zum Anfang des Monats seine Sozialleistungen auf ein Konto überwiesen bekommen.
Warum ist die Auszahlungspraxis überhaupt an einen Wohnsitz gekoppelt?
Man hat immer argumentiert, diese Menschen hätten im Main-Taunus-Kreis nicht ihren ständigen Aufenthalt. Im Personalausweis steht keine Adresse oder der Vermerk O.f.W., also „Ohne festen Wohnsitz“. Der Wohnungslose muss also nachweisen, dass er sich ständig in einer Stadt oder in einem Kreis aufhält, aber er kann das ohne festen Wohnsitz nicht. Viele Landkreise und Städte erlauben es, eine Postadresse einzurichten, mit der man den Behörden zur Verfügung steht. In den meisten Kreisen ist das ausreichend, hier leider nicht. Nun wandert das Sozialdezernat des Kreises in den Fachbereich von Dezernentin Madlen Overdick von den Grünen, es bleibt abzuwarten, ob sich dann etwas ändert.
Es ist aber doch eigentlich kontraproduktiv, Menschen dazu zu bringen, immer weiterzuwandern.
Das hat eine lange Tradition. Für meine Diplomarbeit vor 40 Jahren habe ich auch in die Literatur geschaut, schon in Maxim Gorkis Erzählung „Der Landstreicher“ oder in seinem Drama „Nachtasyl“ ist diese vertreibende Praxis beschrieben. Gib dem Obdachlosen ein paar Rubel, Hauptsache, er verschwindet aus der Stadt.
Wie werden Menschen obdachlos? Gibt es da einen typischen Weg, oder ist das ganz individuell?
Es gibt nicht die eine Erzählung. Klar ist, dass der Anteil der Männer mit 75 bis 80 Prozent sehr viel höher liegt. Ich glaube auch, dass ein gelingendes Leben ein Fundament aus mehreren Säulen braucht. Ehe und Familie ist ein zentraler Wert. Wir sind immer noch geprägt von der protestantischen Arbeitsethik, und Arbeit ist die zweite Säule, über die man sich in hohem Maße definiert. Eine weitere Säule sind die sozialen Kontakte, dazu kommen Weltanschauung oder Religion. Diese Säulen bestehen aber nicht unabhängig voneinander, sie bedingen sich. Tritt beispielsweise der Fall Arbeitslosigkeit ein, fällt ein Teil der Identität weg. Trennt sich daraufhin die Frau und nimmt die Kinder mit, ist die nächste identitätsstiftende Säule abhandengekommen. Und viele Männer reden untereinander lieber über Autos und Fußball als über die Dinge, die sie im Inneren bewegen.
Ist das auch der Grund, warum so viel mehr Männer obdachlos werden?
Männliche und weibliche Obdachlosigkeit wird sehr unterschiedlich nach außen getragen, bei Frauen ist sie meist verdeckter. Frauen kommen bei Freundinnen und Freunden unter, das Netzwerk funktioniert besser. Nach dem Ukrainekrieg, als viele Frauen geflüchtet sind, standen am Bahnhof schon Männer bereit und haben sie angesprochen, ob sie nicht behilflich sein könnten. Frauen können oft unterschlüpfen, auch wenn das dann möglicherweise mit einem hohen Preis verbunden ist.
Was muss passieren, damit eine Existenz vollends scheitert?
Wenn diese Säulen zusammenbrechen, dann kann dies, muss aber nicht, in die Obdachlosigkeit führen. Verschuldung, Suchterkrankung und Spielsucht können als Katalysatoren wirken. Letztendlich hängt es aber mit der Resilienz des Einzelnen zusammen und damit, wie gut die Netzwerke funktionieren. Oder die Netzwerke funktionieren eine Zeitlang, man schlägt sich mit Couchsurfing durch, und irgendwann landet man dann doch auf der Straße.

Wenn man in dieses Submilieu eintaucht, erwirbt man auch die Überlebenstechniken. Man lernt das Hilfesystem kennen, wo bekomme ich meinen Tagessatz, wo kann ich übernachten, in welcher Kirchengemeinde bekomme ich Gutscheine, um mir ein paar Lebensmittel zu beschaffen? Je länger die Wohnungslosigkeit andauert, desto schwerer wird es, wieder herauszukommen.
Warum ist das so, was geht da verloren?
Wir haben als Kulturwesen Kompetenzen erworben, die uns nicht angeboren sind. Im Feudalismus wurde der Lebensrhythmus durch Tages- und Jahreszeiten bestimmt. Durch den Übergang in die Moderne und die Einführung von Fabriken sind die Menschen nicht mehr an diese natürlichen Kreisläufe gebunden, sondern nach Arbeitsplan verfügbar. Diese neuen Bedingungen waren nicht naturgegeben, die mussten die Arbeiter erwerben. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung von Arbeitshäusern und Zuchthäusern, dort sollte man an diese neue Disziplin gewöhnt werden. Bei Kindern kann man das beobachten: Sobald Sommerferien sind und sie nicht mehr um halb sieben aufstehen müssen, verschiebt sich der Rhythmus und sie machen die Nacht zum Tag. Man muss sich dann erst wieder an den Arbeitsprozess gewöhnen. Manchmal müssen Kompetenzen, die lange nicht abgerufen wurden, wieder mühevoll eingeübt werden.
Auf der Straße ist das schiere Überleben wahrscheinlich ein Vollzeitberuf.
Ja, auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung oft davon ausgegangen wird, der Obdachlose sei faul. Aber er muss sich jeden Tag aufs Neue organisieren. Das fängt bei der Frage an, wo er sich tagsüber aufhalten kann, wo er seinen Tagessatz bekommt, wo es etwas zu essen gibt und wo man schlafen kann, und wenn ja, wie viele Nächte. Schläft man auf einem öffentlichen Platz, ist mit Sonnenaufgang die Nacht vorbei und man muss sich durch die Straßen schleppen. Auch abends muss man einen Platz finden, der vermeintlich sicher ist, denn die Gewalt gegen Obdachlose hat in den vergangenen Jahren signifikant zugenommen. Das ist ein hartes Leben, und das zehrt an diesen Menschen. Die Lebenserwartung Obdachloser ist deutlich niedriger.

Wie bekommt man Menschen aus dieser Situation wieder heraus?
Vorrangig brauchen sie ein Dach über dem Kopf. Das Prinzip „Housing first“ hat durchaus Charme. Tagesstätten dienen als niedrigschwelliges Angebot, man kann dort frühstücken und sich austauschen, aber auch Sozialarbeiter in Anspruch nehmen. Etwa, wenn man den Personalausweis verloren hat, der für Wohnungslose essenziell ist. Man bekommt vielleicht auch die Möglichkeit, länger in einem Wohnheim zu bleiben. Auf dem regulären Wohnungsmarkt haben Wohnungslose kaum eine Chance, schon gar nicht im dichtbesiedelten Rhein-Main-Gebiet.
Hessen fördert ja den „Housing first“-Ansatz mit Modellprojekten. Was brauchen die Menschen daneben noch?
Ein „Housing first“-Modellprojekt des Landes soll auch im Main-Taunus-Kreis umgesetzt werden, darauf bin ich gespannt. Darüber hinaus sollte man Beratungsangebote so gestalten, dass die Hilfesuchenden sich nicht bevormundet fühlen. Wir bieten hier auch betreutes Wohnen an. Dafür muss ein Antrag beim Landeswohlfahrtsverband gestellt werden, da muss ein Hilfeplan erstellt werden, da wird die Mitwirkungspflicht des Wohnungslosen gefordert. Mein Eindruck ist, dass die Klienten das nicht aus freien Stücken machen, sondern weil es ein Vehikel ist, um an eine Wohnung zu kommen. Wenn die Leute dann vermittelt wurden, wird oftmals die Verbindung zur sozialen Arbeit gekappt. Was auch ich bislang vernachlässigt habe, ist, die Partizipation der Betroffenen zu stärken. Man setzt ihnen Strukturen vor und fragt nicht, ob das überhaupt in ihrem Interesse ist. Ich würde aber auch den Präventionsgedanken noch weiter denken, um Obdachlosigkeit schon im Keim zu verhindern. Zum Beispiel, bei Mietschulden gleich zu intervenieren. Die Hawobau, also die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Hattersheim, hat eine Mieterberatung, die dann sofort Kontakt aufnimmt.
Gibt es einen Unterschied bei der Klientel in Stadt und Land?
Die Städte sind immer schon anziehender als das Land. Die Infrastruktur ist gut, für Suchterkrankte ist es leichter, an Drogen zu kommen. Hattersheim ist eine kleine Insel. Viele Obdachlose sagen, ich mache hier Urlaub auf dem Land – weil es nicht so fordernd und anstrengend ist wie in der Stadt. Man ist in einer relativ kleinen Einrichtung mit sechs Übernachtungsplätzen. Auch kümmern sich die Kommunen hier mehr oder weniger gut um ihre Wohnungslosen. Zu uns kommen durchwandernde Wohnungslose, die geräumt wurden, also Menschen, die über kein Mietverhältnis verfügen. Die unterscheiden sich von der relativ kleinen Zahl der Obdachlosen, die nie oder nur selten ein Dach über dem Kopf haben. In Hessen sind rund 34.000 Menschen wohnungslos, 29.000 leben in Unterkünften, 1700 sind wirklich obdachlos und schlafen unter der Brücke oder in der Fußgängerzone.

Steigt oder fällt die Zahl der Wohnungslosen?
Sie steigt in den Städten, das kommt auf dem Land nicht so an. Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre gab es eine hessenweite Vereinbarung, dass jeder Landkreis eine Anlaufstelle für Wohnungslose anbieten solle. Einige sind inzwischen wieder geschlossen worden, weil die Zahl der Besucher rückläufig ist – eine Entwicklung, die wir auch bemerken. Seit in der Pandemie in vielen Landkreisen die Bedingungen verbessert wurden, ist auch hier bei uns im Main-Taunus-Kreis die Zahl signifikant gesunken.
In Ihrer Einrichtung findet auch ein Kulturprogramm statt mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten. Wie wichtig ist der Kontakt zum lokalen Publikum?
Das hat sehr viel verändert. Zu den Eröffnungen kommen 30, 40 Leute. Ein Glücksfall ist auch der Austausch mit Vereinen. Als Instrument des Dialoges mit der Stadtgesellschaft, mit Kreis und Künstlern hat sich das sehr bewährt, und das werden wir auch beibehalten. Meine Nachfolgerin Laura Henke ist sehr musikaffin, ihr Freund ist Designer und Tätowierer. Sie wird ihr eigenes Profil finden.
Zur Person
Klaus Störch arbeitet seit 1998 beim Caritasverband im Main-Taunus-Kreis, nun scheidet er offiziell zum 31. August aus. Er hat die Wohnungsloseneinrichtung in Hattersheim samt einem umfangreichen Kulturprogramm aufgebaut, davor betreute er die Teestube für Obdachlose in Hofheim. Er gab mehrere Bücher zum Thema heraus, zuletzt erschien „Dach überm Kopf – Kritische Soziale Arbeit in der Praxis“ mit gesammelten Aufsätzen, Artikeln und Interviews bei Edition Pauer.
