
Wegen des nach heftigen Streitigkeiten einstweilen unterbrochenen Wahlparteitags der nordrhein-westfälischen AfD am Sonntag in Marl hat die AfD-Bundesspitze ihren größten Landesverband zur Stellungnahme aufgefordert und von ihm Professionalität eingefordert. Es gehe darum, „einen akkuraten Überblick zu den Geschehnissen vor Ort zu erhalten“, hieß es in einer am Dienstag verbreiteten Stellungnahme der beiden AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla. Nach dem Willen des Bundesvorstands soll zudem „das bewährte Mittel der Mediation genutzt werden, um zwischen den verschiedenen Lagern Kompromisse zu finden“. Beides werde „einige Tage Zeit in Anspruch nehmen“.
Die ersten 21 Plätze der AfD-Liste für die nordrhein-westfälische Landtagswahl waren am Freitag und Samstag noch unter überwiegend gesitteten Bedingungen gewählt worden. Auf ihnen konnten sich Kandidaten um den als gemäßigt geltenden Landes- und Fraktionsvorsitzenden Martin Vincentz durchsetzen. Er selbst steht auf Platz eins der Liste. Das völkisch-nationale Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich ging weitgehend leer aus. Bei der Fortsetzung am Sonntagmorgen geriet der Parteitag dann aus dem Ruder, als für Listenplatz 22 mehr als 90 Kandidaten antraten, von denen jedem bis zu acht Minuten Redezeit zustanden. Damit war die Listenwahlversammlung faktisch lahmgelegt.
Die Partei will insgesamt 80 Listenplätze vergeben
Angesichts hoher Umfragewerte rechnet die Partei damit, dass sie im kommenden April mit mindestens 30 Abgeordneten ins Parlament in Düsseldorf einzieht. Insgesamt will sie auf mehreren Konferenzen bis Mitte September 80 Listenplätze vergeben. Ziel müsse es sein, dass die übrigen Kandidaten für die NRW-Landesliste „schnell und rechtssicher“ aufgestellt werden könnten, mahnten Weidel und Chrupalla. „Wir appellieren an alle Teile der Partei, sich entsprechend professionell zu verhalten und nicht zu spalten. Gerade jetzt muss es einzig um unser Land gehen und weder um persönliche Konflikte noch um Machtspiele.“
Der größte Landesverband der AfD ist notorisch zerstritten. Zu den Flügelkämpfen zwischen dem Vincentz-Lager und den Völkisch-Nationalen kommen persönliche Feindschaften, die auf offener Bühne ausgetragen werden. In Marl beschimpften sich Delegierte etwa wechselseitig als „Spalter und Kameradenschweine“ und „Definition von Kameradenschwein“.
