Seit November sitzt der Ukrainer Serhij K. in Hamburg in Untersuchungshaft. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft hat er jene Gruppe angeführt, die die Nord-Stream-Pipelines sprengten. Sollte Anklage erhoben und diese zugelassen werden, wird sich K. bald vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verantworten müssen. Dann dürfte vor dem Staatsschutzsenat einer der interessantesten Politkrimis der vergangenen Jahre verhandelt werden – mit erheblichem Potential für Spannungen zwischen Kiew und Berlin.
Die Detonationen in der Ostsee im Herbst 2022 waren heftig, die Bilder des blubbernden Gases gingen um die Welt. Danach wurde viel über die möglichen Urheber der Anschläge spekuliert. Doch im Zuge der Ermittlungen, die die deutschen Behörden aufnahmen, wurde eine Spur immer konkreter. Demnach soll eine Gruppe Ukrainer in einer waghalsigen Aktion von einem Segelboot aus die Bomben an den Pipelinesträngen angebracht haben.
Journalist informierte Kanzleramtschef über bevorstehenden Angriff
Bojan Pancevski, Chefkorrespondent des „Wall Street Journals,“ war einer der Ersten, die über die Hintergründe berichteten. Nun hat er ein Buch geschrieben, das die schier unglaubliche Geschichte der Anschläge detailliert nachzeichnet – bis hin zu wörtlichen Dialogen, die die mutmaßlichen Urheber miteinander führten. Dafür hat Pancevski mit den ukrainischen Hintermännern, den mutmaßlichen Attentätern, aber auch den deutschen Ermittlern gesprochen. Entstanden ist ein sehr lesenswertes Buch mit vielen bisher unbekannten Details.
Pancevski spielte zu Beginn des russischen Angriffskrieg selbst eine erstaunliche Rolle. Berlin war damals blind, den Warnungen über eine russische Invasion glaubte man nicht. Nach Angaben des früheren Kanzleramtschefs Wolfgang Schmidt (SPD) wurde er ausgerechnet von Pancevski am Vorabend über den bevorstehenden Angriff informiert. Schmidt rief danach die deutschen Dienste an, auch die CIA in Berlin, um danach wieder Pancevski zurückzurufen. Entwarnung. Keinerlei Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff. Er werde den Kanzler nicht behelligen. Kurz danach erfolgte der Angriff.
Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt war BND-Chef Bruno Kahl in Kiew. Ein weiteres Zeichen dafür, wie blind die deutschen Dienste waren. Der Geheimdienstchef und seine Entourage aus GSG-9-Spezialkräften sei dann in einem Mietwagen Richtung polnische Grenze gehastet, schreibt Pancevski. Sie gerieten in einen Flüchtlingsstrom und brauchten fast zwei Tage, bis sie in Sicherheit waren – unterwegs gezwungen, ihre Notdurft im Straßengraben zu verrichten.
Russen hatten BND infiltriert
Vor Beginn des Angriffskriegs hatte die Bundesregierung unter Angela Merkel allen Warnungen zum Trotz am Bau der Nord-Stream-2-Pipeline festgehalten. Die enge Bindung an Russland und speziell Merkels Politik habe den Weg zum umfassenden Krieg gegen die Ukraine ermöglicht, schreibt Pancevski. Merkel habe 2014 nach der Krim-Annexion Wladimir Putin eine gefährliche Lektion erteilt: Nicht einmal ein Einmarsch und Landraub würden dem lukrativen Energiegeschäft mit Europa ein Ende setzen.
Bevor die Pipelines explodierten, hatte Russland selbst die Gaszufuhr gestoppt. Angeblich aus technischen Gründen. In der Ukraine entschied man dann laut Pancevski, die Deutschen aus der toxischen Umklammerung Putins zu befreien. Verantwortlich dafür ist demnach eine Gruppe Ukrainer, die mit dem Wissen der CIA und auch von Präsident Wolodymyr Selenskyj – was dieser bestreitet – die Aktion planten.

Zivile Taucher, die in rund achtzig Meter Tiefe in großer Dunkelheit und unter hohem Stress die Bomben anbringen sollten, übten dafür in gefluteten ehemaligen Granitsteinbrüchen. Doch nachdem der niederländische Geheimdienst von der Aktion Wind bekommen und die Information mit befreundeten Diensten geteilt hatte, lag der Plan erst einmal auf Eis. Er war demnach ein „offenes Geheimnis“, wurde auch unter den Ostseeanrainern diskutiert. Selbst die Russen, die laut Pancevski damals den BND auf hoher Ebene infiltriert hatten, wussten davon und schickten Schiffe zur Überwachung der schwächsten Abschnitte der Pipeline. Die CIA ließ sich laut Pancevski von den Ukrainern schriftlich versichern, dass sie von dem Plan abließen. Doch die hielten sich nicht daran.
Nach den Explosionen nahmen Schweden, Dänemark und Deutschland Ermittlungen auf. Die beiden nordischen Staaten stellten die Untersuchung rasch ein, angeblich wegen fehlender Zuständigkeit – dabei ereigneten sich die Explosionen in ihren Wirtschaftszonen. Und während die Deutschen weiter ermittelten und rätselten, hatten die amerikanischen, britischen und andere Dienste längst detaillierte Kenntnisse über den Anschlag und die Täter, heißt es in dem Buch.
Schließlich sei die Ostsee eines der am besten überwachten Gebiete der Welt. Die Partnerdienste hätten Deutschland dann angebliche Hinweise geliefert, die auf eine Verwicklung Russlands hindeuten sollten. Offenbar versuchte man, die Spur von den Ukrainern weg zu lenken. Doch die deutschen Ermittler, Pancevski schreibt voller Hochachtung über sie, machten weiter und wurden vor allem auf der Segelyacht fündig. Dort stellten sie Blutspuren, Fingerabdrücke, Haare und Sprengstoffreste sicher. Die Gruppe der Attentäter bestand aus sechs Männern und einer Frau, drei waren Soldaten, vier Zivilisten. Alle waren geschult. Warum sie derart viele Spuren zurückließen, bleibt ein Rätsel.
Von Serhij K., der nun in Hamburg in Untersuchungshaft sitzt, hatten die Ermittler zunächst nur ein kleines Foto, ohne Details. Von den türkischen Behörden erhielten sie dann den Namen. Die Familie von K. wurde beschattet. Als sie von Polen nach Tschechien reiste, zapften die Deutschen die Kameras der Mautstationen an und verfolgten das Auto in Echtzeit, heißt es in dem Buch. Beim Urlaub in Italien wurde K. dann verhaftet. Inwiefern er sich vor Gericht, so es zu einem Prozess kommt, zu all dem äußern wird, bleibt abzuwarten.
