Azizam, mein Lieber, ich sitze in meinem Zimmer im Haus meiner Eltern. Auf dem dunkelblauen Teppich meiner Kindheit. Teil von Mamas Aussteuer. Ein Teppich, auf dem ich einst auf allen vieren unterwegs war, zwischen dessen Mustern ich langsam groß geworden bin. Hier ist es warm, sonnig. Die Gassen tragen den Duft von Orangenbaumblüten.
Ich bin rastlos. Zwischen den vielen Welten in mir. Der Fernseher wiederholt unermüdlich die Worte des Regimes. Mama sagt, wir hätten den Krieg gewonnen. Sie sagt, Amerika und Israel seien Feinde des Islams und wir würden sie vernichten. Papa dagegen glaubt, dieser Krieg sei ein Streit zwischen der Revolutionsgarde und Trump, ohne Bezug zu den Menschen. Wie immer meint er, Politik und Krieg seien wie ein Fußballspiel – gleichermaßen künstlich und wirklich. Mein Großvater trägt seit dem Tod Khameneis Schwarz und lässt sein Hörgerät weg, um nichts hören zu müssen.

Ich gehe zum Haus meines Onkels. Er ist der erste Protestler in der Familie meiner Mutter, einer, der immer seinen eigenen Weg gegangen ist, frei. Seine Söhne sind inzwischen groß. M. ist sechzehn, A. neunzehn. A. sagt: „Papa, ich hasse den Islam. Er lässt mich nicht mein Leben leben.“ Mein Onkel antwortet ruhig: „Der Islam hat nichts mit dir zu tun. Es sind die Menschen, die dich verletzen.“ Die, die ihn verletzt haben, waren Kräfte der Revolutionsgarde. Die Brüder waren zu einer Gedenkfeier für einen Freund gegangen, der bei Straßenprotesten getötet worden war. Die Garde hatte die Versammlung angegriffen und die beiden Jungs festgenommen.
A. studiert im ersten Jahr in Isfahan. Wegen des Krieges finden die Kurse online statt, und er ist nach Hause zurückgekehrt. M., der jüngere Bruder, bewegt den ganzen Tag unruhig seine Beine und hat keinen Appetit. Ich bitte ihn: „Zeig mir deine Zeichnungen.“ Er führt mich in sein Zimmer. Auf seinem Tisch liegen mehrere Packungen Medikamente. Ich frage: „Was ist das?“ Er sagt: „Medikamente gegen Depressionen, Angst, Panikattacken und Schlaflosigkeit.“ Ich frage M.: „Was ist dein Wunsch?“ Er sagt: „Nichts. Ich bin nicht in dieser Welt.“ Ich frage: „Und früher?“ Er sagt: „So zu reisen wie du. Von hier wegzugehen. Nichts zu brauchen – kein Geld, keine Kleidung, keine Schuhe.“
Der Bruder kommt im Sarg zurück nach Hause
Ich bleibe die Nacht bei ihnen. Vor allem wegen ihrer Mutter, meiner Tante, die um ihren fünfzigjährigen Bruder trauert. Ich frage sie: „Was fühlst du?“ Sie sagt leise: „Ich warte darauf, dass ich an der Reihe bin.“ Von ihrer siebenköpfigen Familie sind nur noch zwei geblieben: sie und ihr älterer Bruder. Ich frage: „Welche Bilder tragen dich?“ Sie sagt: „Ich war acht Jahre alt. Im Dorf liefen die Menschen plötzlich unruhig irgendwohin, als wäre etwas geschehen. Sie brachten einen Sarg mit der iranischen Flagge in unseren Hof. Meine Mutter schlug sich ins Gesicht und schrie.
Der Sarg wurde geöffnet. Es war mein zwanzigjähriger Bruder. Die linke Seite seines Kopfes war zerstört.“ Sie verstummt. Nach einer Weile fährt sie fort: „Ich sagte zu den Männern der Revolutionsgarde: ‚Gebt mir meine Kinder zurück.‘ Ich ging auf die Knie. Ich sagte: ‚Meine Brüder sind im Iran-Irak-Krieg gefallen. Gebt mir meine Kinder zurück.‘“ Mein Onkel hob sie vom Boden auf, beugte sich zu ihr und flüsterte: „Sie werden freikommen. Ich verspreche es dir.“ Drei Tage später kehrten die Söhne zurück.
Am nächsten Morgen wecke ich M., damit er frühstückt. Er fährt erschrocken hoch und fragt: „Lebt Mama noch?“ Meine Tante antwortet sanft: „Hab keine Angst. Ich werde immer leben.“ Mein Onkel und meine Tante haben sich verändert. Sie sprechen ihre Kritik am Regime nicht mehr aus. Es ist, als hätten sie Angst, die Kinder könnten sich auflehnen und auf die Straße gehen. Die Jungs selbst sprechen nicht über ihre Verhaftung. Ich frage A.: „Was ist dein Wunsch?“ Er sagt: „Zu gehen.“ Ich frage: „Wohin?“ Er sagt: „Nach Italien. Dorthin, wo mich niemand kennt und niemand mich befragt.“ Dann spricht er von Michelangelo, von Architektur und von den großen Werken der Kunst. M. sagt: „Aber ich liebe Japan.“
Vor Kurzem haben sie ihren Onkel verloren, den Bruder ihrer Mutter. Seine Tochter studiert in Deutschland. Wegen der fehlenden Flüge konnte sie nicht zur Beerdigung ihres Vaters kommen. Ich bin müde, das Wort Krieg zu hören. Sprechen alle Menschen so viel darüber wie wir? Vielleicht wir, die Menschen in Libanon und in Palästina. A. sagt zu mir: „Du siehst aus wie libanesische Frauen.“ Ich frage: „Ist das gut oder schlecht?“ Er sagt: „Gut.“ Ich frage: „Möchtest du dorthin?“ Er sagt: „Ja. Aber jetzt ist dort Krieg.“ Ich bin rastlos. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich weiß nicht, wonach ich suche.
Hier spüre ich, dass es Zeit ist, das Zuhause zu verlassen. Als wäre mein Zuhause nicht mehr an irgendeinen Boden gebunden. Ich frage Mama: „Wie kann es sein, dass in deinem Herzen sowohl Platz für mich ist als auch für einen Führer, der unschuldige Menschen tötet?“ Sie legt meinen Kopf an ihre warme Brust und streicht mir über die Haare. Sie sagt: „Kümmere dich nicht um mein Herz. Folge deinem eigenen.“
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet.
Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.
