Nicholas Reeves hätte die Sache auch auf sich beruhen lassen können. Vor elf Jahren hatte der britische Ägyptologe an den Wänden der Grabkammer des um das Jahr 1323 vor Christus dort bestatteten Pharao Tutanchamun im oberägyptischen Tal der Könige einige Eigentümlichkeiten festgestellt. Der Experte für das Tal der Könige und die Kunst des ägyptischen Neuen Reiches wertete sie als Hinweise auf vermauerte Durchgänge zu bislang unbekannten Grüften tiefer im Fels. Eine erste Untersuchung mit Bodenradar schien das zu bestätigen, zwei weitere, deren Ergebnisse 2016 und 2017 veröffentlicht wurden, fanden jedoch nichts.
Doch Reeves blieb bei seiner Hypothese, für die er gute archäologische Gründe vorbringen kann. Der Widerstand aus der Fachwelt war indes spürbar und mag durch Reeves’ Vermutung noch verstärkt worden sein, hinter der mit Wandmalereien geschmückten Nordwand der Grabkammer befänden sich nicht irgendwelche Stauräume, sondern eine weitere Bestattung, unberührt, wie es die des Tutanchamun bei ihrer Entdeckung 1922 gewesen war. Und dabei, so Reeves weiter, könne es sich nur um die Persönlichkeit aus Tutanchamuns Familie handeln, von der trotz ihrer herausragenden Stellung bislang kein Grab und keine Mumie sicher identifiziert werden konnte: seine mutmaßliche Stiefmutter Nofretete.
Genauere Kartierungen
Doch nun gibt es neue Daten. Nicholas Reeves selbst ist unter den Autoren der Arbeit, die Ende vergangener Woche als achte Folge der Schriftreihe „Amarna Royal Tombs Project – Valley of the Kings“ erschienen ist. Erstautor ist immerhin Mamdouh Eldamaty von der Ain Shams University in Kairo, der von 2014 bis 2016 als Minister für Altertümerfragen der ägyptischen Regierung angehörte. Ein weiterer Autor ist der Ingenieur George Ballard, Chef einer Firma, die auf geophysikalische Analysen spezialisiert ist.
Ballard hatte an den beiden früheren, negativ verlaufenen Bodenradaruntersuchungen bemängelt, sie könnten lediglich luftgefüllte Hohlräume hinter vergleichsweise dünnen Vermauerungen ausschließen – nicht aber Gänge, welche die alten Ägypter nach Versiegelung der Kammern, zu denen sie führen, mit Schutt aufgefüllt haben – wie das zum Beispiel beim Zugang zum Grab des Tutanchamun geschehen sei. Daher hatten Ballard und sein Team in der Saison 2023/2024 neue Messungen und Analysen durchgeführt. Dabei wurden neben Bodenradarmessungen auch solche mittels elektrischer Widerstandstomographie ausgewertet und das Areal nördlich der Grabkammer geologisch genauer kartiert.
Vor allem wurden dort mit sogenannter Mikrogravimetrie auf einer 35 mal 35 Meter großen Fläche winzige Unterschiede im Erdschwerefeld vermessen, die über räumliche Schwankungen in der Dichte des darunterliegenden Bodens Aufschluss geben können. Auf den so gewonnenen Karten erkennen die Autoren nun dreizehn oder vierzehn rechteckige und zu den bekannten Kammern der Gruft Tutanchamuns parallel ausgerichtete Anomalien, die teilweise mit solchen in den Widerstandstomogrammen übereinstimmen. Die Autoren erklären sie mit einem System aus fünf oder sechs Kammern, etwa 20 bis 25 Meter von der Grabkammer Tutanchamuns entfernt und bis zu 1,5 Meter tiefer gelegen als diese.

Nur für zwei der gravimetrisch erschlossenen Strukturen – „Anomalie 7“ und „Anomalie 10“ (in der Zeichnung gelb) – sei mit höherer Sicherheit eine Identifikation als Felskammern möglich, bei den anderen (violett) ist die Sicherheit, dass es sich wirklich um künstlich angelegte Hohlräume handelt, geringer. Ebenfalls unsicher sind die Korridore dazwischen. Neben den Anomalien hinter der Nordwand der Grabkammer hätten die neuen Messungen in Gestalt der „Anomalie 12“ allerdings auch Hinweise auf eine Nebenkammer hinter der Westwand ergeben, für die Nicholas Reeves ebenfalls schon im Jahr 2015 Hinweise beschrieben hatte.
Das Schicksal der Königin
Eldamaty, Ballard, Reeves und Kollegen schreiben, alle Befunde zusammen würden „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ das Vorhandensein eines Grabkomplexes nördlich des Grabes des Tutanchamun identifizieren. Einen klaren Beweis für die Existenz aller oder auch nur einiger dieser Kammern können die neuen Messungen nicht erbringen. Allerdings schlössen keine der bisher angestellten geophysikalischen Studien die Existenz dieser Räume aus, betonen Eldamaty und Kollegen.

„Die geophysikalischen Methoden zur Kartierung menschengemachter Strukturen sind nun ausgeschöpft“, heißt es in der Veröffentlichung. Laut einem Bericht des Wissenschaftsmagazins „Nature“ schlagen die Forscher nun vor, eine der vermuteten Kammern – konkret „Anomalie 10“ – über sieben bis acht Zentimeter weite Bohrungen von oben zu erreichen, um im Erfolgsfall 360-Grad-Kameras einzuführen und die Hohlräume zu untersuchen.
Sollten die ägyptischen Behörden das genehmigen und die Bohrungen tatsächlich auf eine ausgemeißelte Kammer stoßen, ist trotzdem alles andere als sicher, dass man dort eine intakte Bestattung der Nofretete findet. Das Schicksal dieser Königin nach dem Tod ihres Gatten Echnaton, der wahrscheinlich Tutanchamuns Vater war, ist völlig unklar. Sie könnte Echnaton unter anderem Namen auf den Thron gefolgt und nach kurzer Regierungszeit tatsächlich mit pharaonischen Würden bestattet worden sein. Als ihr Nachfolger Tutanchamun dann später im jugendlichen Alter überraschend verstarb und kein Grab für ihn zur Hand war, könnte man die vorderen Kammern des Grabes seiner Stiefmutter für ihn umfunktioniert haben. Aber ihr könnte auch ganz anderes widerfahren sein.
Aber selbst wenn sie dort liegt, wo Reeves sie vermutet, könnte ihre Grabausrüstung dann teilweise für die Bestattung Tutanchamuns zehn Jahre später verwendet worden und der verbliebene Inhalt weit weniger großartig sein, als Reeves und andere es erwarten. Und selbst wenn sich Nofretetes Mumie hier findet, ist nicht auszuschließen, dass sie und der Rest ihrer Schätze während der mehr als 3300 Jahre, die seit ihrem Tod vergangen sind, von eingedrungenem Wasser ruiniert wurden.
