
Neue Kaffeevollautomaten treten gerne auf den Markt, um mit frischen Eigenschaften für sich zu werben. Diese Attitüde ist nachvollziehbar. Schließlich wollen sie sich besser verkaufen als andere. Immer wenn wir genauer hinschauen, werden wir meist enttäuscht, weil das Neue entweder alt ist oder für unseren Gebrauch keine Rolle spielt. Nun haben wir endlich mal wieder ein Gerät im Test, das mit einer Funktion kommt, „die es am deutschen Markt in dieser Form nicht gibt“. Womit Nivona nach unserem Kenntnisstand recht hat. Mit der Funktion kann die Maschine ein wirklich neues Getränk erzeugen und nicht die siebenundzwanzigste Kaffee-Milch-Variante wie die Vollautomaten anderer Hersteller, die sich geschmacklich von der sechsundzwanzigsten nicht unterscheidet.
Erfunden hat Nivona das Getränk nicht. Nitro ist angesagt in hippen Cafés in Amerika, wo eigens eine Zapfanlage an der Theke installiert ist. Wer es nicht kennt, könnte vermuten, dass gerade ein Guinness, also ein Stout, serviert wird. Auf einer schwarzen Flüssigkeit türmt sich im Glas ein hellbrauner, feinporiger, stabiler Schaum. So kommt das Kaffeegetränk zustande: Zunächst macht der Barista als Vorbereitung über Nacht einen Kaffee, den er mehrere Stunden aus grob gemahlenem Kaffee kalt extrahiert hat. Dieser Cold Brew ist die Grundlage für den Nitro und wird zum Beispiel in ein Fass gefüllt. Nun zapft der Barista den kalten Kaffee, während die Anlage mit hohem Druck über ein Ventil Stickstoff in ihn presst. Die winzigen Bläschen schäumen den Kaffee auf. Im Glas sieht er aus wie ein Guinness. Was für das Bier an der Zapfanlage das Kohlendioxid ist, ist der Stickstoff für den Nitro-Kaffee.
Chilled Brew als Grundlage
Das neue Modell aus der Nivo-8000er-Serie hat weder die Zeit für eine stundenlange Extraktion noch einen Stickstoffbehälter an Bord. Nivona nutzt als Grundlage einen schnellen kalten Kaffee, den sie im Unterschied zu anderen Herstellern fairerweise Chilled Brew nennt, weil er anders zubereitet wird als ein über Stunden extrahierender Cold Brew. Die Maschine mahlt wie auch für die Zubereitung eines Espressos zunächst eine bestimmte Menge Bohnen, um dann mit ganz wenig Druck das nicht erhitzte Wasser durch das Mehl fließen zu lassen. Mit diesem Verfahren ergibt sich ein anderes Geschmacksbild. Der Kaffee schmeckt milder, hat weniger Säure.
Diesem Extrakt führt die Nivo Stickstoff hinzu. Wie sie das ganz genau macht, verrät Nivona uns nicht, aber ein paar Details schon. Die Maschine vermengt nämlich Luft mit dem bereits extrahierten kalten Kaffee. Denn diese besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff. Dazu leitet das Gerät das Extrakt um in ein Modul, das für den Nutzer nicht sichtbar über dem Auslauf sitzt. Es wird aktiviert, wenn er sich für einen Nitro entscheidet. Weil sich der Weg durch das Modul verjüngt, entsteht bei einer gewissen Fließgeschwindigkeit ein Unterdruck. Deswegen wird über einen Schlauch Luft angezogen, an dessen Ende ein winziges Loch sitzt. Dort vermengt sich die Luft und somit Stickstoff mit dem Kaffee. Wie viel davon hineingezogen wird, regelt Nivona über die Stärke des Unterdrucks und die Dauer, die die Luftschleuse geöffnet ist.
Erst einmal abkühlen
Im Vergleich zum Chilled Brew, also kalten Kaffee, gibt es für den Nutzer im Ablauf keinen sicht- oder hörbaren Unterschied. Nachdem man den Nitro im Menü durch Bedienung des Drehrades an dem minimalistisch gestalteten und nicht mit dem Finger bedienbaren Bildschirm ausgewählt hat, läuft der übliche Prozess. Weil das Wasser nur Zimmertemperatur haben soll, kühlt die Maschine erst einmal den Thermoblock herunter, indem sie etwa eine Minute lang Wasser durchlaufen lässt.
Dann mahlt die Mühle, das Mehl fällt in den Trichter, die Brüheinheit dreht sich etwas, damit das Mehl mit dem Tamper festgedrückt werden kann. Dann läuft – in diesem Fall kühles – Wasser ohne viel Druck auf das Mehl. Sowohl für den Chilled Brew als auch den Nitro macht die Maschine davor eine hörbare Pause, um mit einem ordentlichen Schwall das Mehl zu befeuchten und aufquellen zu lassen. Eine Preinfusion nutzen Maschinen auch für die Zubereitung eines Espressos. Beim Chilled Brew füllt sich die Tasse in zwei Etappen. Nitro läuft nach der Preinfusion in einem durch. Mit einem Glas statt einer Tasse lässt sich der Guinness-Effekt besonders gut beobachten. Die Minibläschen des Stickstoffs schäumen den Kaffee, lösen sich anfangs nicht auf und drängen nur langsam nach oben.
Vergleicht man einen Chilled Brew optisch mit einem Nitro, ist der Unterschied kaum wahrnehmbar. Denn ersterer bildet eine fette Crema, wie man sie vom Espresso kennt. Die sieht dem schäumenden Stickstoff ziemlich ähnlich. Jedoch ist der Geschmack entscheidend. Eine Crema hat sowohl bei Espresso als auch bei Chilled Brew eine leicht bittere Geschmackskomponente. Diese gibt es im Stickstoffschaum nicht, weil sich die Minibläschen anders am Gaumen verhalten. Ein Nitro hat sogar eher einen süßlichen Touch, der stets mit einer schokoladigen Komponente verbunden ist.
Reduziert auf das Wesentliche
Nun stellt sich selbst der größte Nitro-Freund nicht einen Vollautomaten in die Küche, der nur kalten Kaffee macht, sei es mit oder ohne Stickstoffzugabe. Die 8000er-Serie, die je nach farblicher Ausführung, zwischen 1200 und 1250 Euro kostet, beherrscht die wichtigsten Getränkearten: Espresso, Kaffee (also Lungo), Americano, Cappuccino, Caffè Latte, Espresso und Latte macchiato. Mehr braucht kein Mensch. Wie an anderen Vollautomaten lassen sich die üblichen Parameter einstellen wie Extrakt- und Mehlmenge, Temperatur und so fort. Nivona bietet zudem noch drei unterschiedliche Brühprofile an. Milch schäumt die Maschine, indem diese über einen Schlauch zugeführt wird, der etwa in einem Tetrapak hängt.
Sowohl das System zum Aufschäumen als auch die Brüheinheit sind kompakte Einheiten. Sie hinterlassen in dem Gerät keine Bereiche, in denen sich Schmutz oder gar Schimmel verstecken könnten. Auch die Abtropfschale ist so konstruiert, dass sie sich flott und gründlich reinigen lässt. Das schätzen wir an den Modellen von Nivona. Ebenso die Reduktion auf ein halbes Dutzend Getränke und deren schlichte Gestaltung auf dem Bildschirm. Der Geschmack des Espressos ist prima, der Schaum des Cappuccinos hat die richtige Konsistenz, die kalten Kaffees gefallen uns ebenso. Gut, dass Nivona eine wirklich neue Eigenschaft präsentieren und dadurch auf sich aufmerksam machen konnte, sonst hätten wir an dieser Stelle stattdessen eine Siebträgermaschine getestet.
