In unserer Kolumne »Grünfläche«
schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und
Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser
Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 19/2026.
Kylian Mbappé wird aufatmen: Niklas Süle hat seinen Rücktritt erklärt. Süle durfte einst gegen Mbappé eine der spektakulärsten Rettungstaten der deutschen Champions-League-Geschichte feiern. Mbappé, damals noch im Trikot von Paris Saint-Germain, hatte sich den Ball schon am Dortmunder Keeper vorbei gelegt, dachte, ihn nur noch ins leere Tor einschieben zu müssen, da rauschte Niklas Süle heran, riss im Grätschen sein rechtes Bein lotrecht in die Luft und spitzelte den Ball noch ins Toraus. Mbappé konnte es kaum fassen, die Dortmunder Fans jubelten, als wäre ein Tor gefallen, die Aktion wurde zum Meme, sie gibt es mittlerweile sogar als Kunstdruck. Dass die famose Tat nur durch Süles eigenen Stellungsfehler notwendig geworden war, tut ihrer Kultigkeit keinen Abbruch.
Dieser Niklas Süle hat also nun seine Karriere beendet. Im für Fußballer unbiblischen Alter von 30 Jahren. Er hat das in einem Sky-Podcast verkündet, wirkte dabei reflektiert, authentisch, witzig. Und macht dort, was sich kaum ein Profi öffentlich traut: Er gesteht die eigene Imperfektion ein. »Ich habe Bilder von mir gesehen, auf die bin ich nicht stolz«, sagt Süle. Er meint: um den Bauch herum spannende Trikots.
Damit ist Niklas Süle einer von uns. Nicht, weil er Burger mag. Na gut, deswegen auch. Aber vor allem, weil er offensichtlich nicht immer die ideale Version seiner selbst war. Wer ist das schon?
Süle galt früh als großes Talent. Wuchtig, schnell, er konnte mit dem Ball am Fuß deutlich mehr anfangen als ein gewöhnlicher Abwehrspieler und verteidigte selbst gegen Weltstars so unaufgeregt, als wäre er im Training. Süle hatte alle Voraussetzungen, der beste deutsche Innenverteidiger der letzten Zeit zu sein – und war es für einige Zeit wohl auch.
Aber nicht durchgehend. Weil Süle eben nicht alles seiner Fußballerkarriere unterordnete. Erst recht nicht seinen Speiseplan. Schon 2017 sagte Julian Nagelsmann, damals sein Trainer in Hoffenheim, dass Süle wie alle in seinem Alter gerne mal einen Burger esse. »In Zukunft muss er da vielleicht mal einen halben essen, dann wird er auch bei Bayern Stammspieler werden.«
Als er bei Bayern spielte, erzählt Süle nun, mussten die Spieler donnerstags immer zum Wiegen. Deshalb habe er am Mittwoch gar nichts gegessen, habe gefastet, sei abends sogar mit der Regenjacke in die Sauna gestiegen und habe am nächsten Tag 2,5 Kilo weniger gewogen. »Die anderen sechs Tage habe ich gelebt wie ein … ich will’s gar nicht sagen.«
In einer Zeit, in der Fußballprofis körperlich geforderter sind denn je, in einer Zeit, in der sie das Optimieren optimieren, indem sie ihren Schlaf tracken, einen Privatkoch beschäftigen und beim Dribbeln Rechenaufgaben lösen, verteidigt Süle das Recht auf Schwächen.
Dabei ist Süle sicher nicht der einzige Fußballer, der auch mal unprofessionelle Dinge tut. Nur sticht die Unvollkommenheit bei denen, die ihre Nächte an der Playstation oder auf Instagram verbringen, in der Regel nicht so deutlich ins Auge. Ist am Ende, wer hätte das gedacht, vielleicht gar niemand perfekt? Süles Besonderheit war nie, dass er Schwächen hatte. Sondern, dass man sie sehen konnte.
Das Wichtigste: Süle wirkt mit sich im Reinen. Das darf er auch. Schließlich gibt es keine Pflicht, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Talent zu verschwenden, ist erlaubt, solange es für einen selbst okay ist. Süle schuldet niemandem etwas, außer sich selbst.
Auch Süle sagt, dass er mehr hätte investieren können. Aber hätte ihn das zu einem besseren Fußballer gemacht? Vielleicht. Vielleicht wäre er auch weniger verletzt gewesen. Vielleicht aber hat ihn seine auf den ersten Blick zu laxe Einstellung auf dem Feld auch stark gemacht. »Was wäre gewesen, wenn ich so ein Verkrampfter bin, der jeden Tag noch zusätzlich zwei Stunden ins Gym geht und dem das Geschäft aber so wichtig wird, dass ich am Samstag, wenn ich den Ball am Fuß habe, nervös werde?«, fragt er im Podcast. »Wer will mir erzählen, dass es eine bessere Karriere geworden wäre, wenn ich weniger Bier getrunken, Burger gegessen oder sonst was gemacht hätte?«
Mitten im Gespräch steht Süle auf, verlässt den Raum und kommt mit einer McDonald’s-Tüte zurück. Da es sein letztes Interview als Profifußballer wird, hat er zwölf Cheeseburger besorgt, sagt er. Er verteilt sie an den lachenden Moderator Sebastian Hellmann und die Produktionscrew. »Als kleiner Gag, weil es ja oft hieß: MäckesSüle«, sagt er und beißt in den ersten Burger. Niklas Süle, einer von uns.
